Amrumer Details 13 – Türme und Masten auf Amrum …

Wenn man auf Amrum von Türmen spricht, denkt man natürlich sofort an den Leuchtturm oder die anderen turmartigen Seezeichen in Norddorf („Quermarkenfeuer“), an der Öömrang Skuul oder in Wittdün an der Wandelbahn. Über diese ist hier schon oft und ausführlich berichtet worden.

Es gibt und gab auf der Insel aber noch jede Menge andere „Türme“ oder „Masten“, die der Besucher, aber auch der Insulaner, vielleicht gar nicht oder gar nicht mehr als solche wahrnimmt, über die es sich dennoch zu berichten lohnt.

Ein Turm ist ein in der Regel begehbares und senkrecht stehendes Bauwerk, dessen Höhe ein Mehrfaches seines Durchmessers beträgt. Ein Mast ist hingegen ein ebenfalls senkrecht stehendes, pfeilerartiges, jedoch nicht durch Menschen begehbares Gebilde. Beide Konstruktionen überragen für gewöhnlich ihre Umgebung und sind so von vielen unterschiedlichen Stellen aus zu sehen. Je nach Funktion und Einsatzmöglichkeit gibt es natürlich eine Unzahl von verschiedenen Turm- oder Mastbauten mit einer enormen Variabilität in der Gestaltung der Anlagen.

Der neben den Seezeichen herausragendste Turm auf Amrum ist der Turm der St.-Clemens-Kirche in Nebel. Über die Erbauung des kupfergedeckten Kirchturms gibt es eine nette Geschichte: Er wurde erst 1908 errichtet. Die St.-Clemens-Kirche wurde vermutlich bereits 1236 erbaut, wird aber erst 1240 erstmals urkundlich erwähnt. Anfangs war sie ein schlichter Holzbau, der später als einschiffiger, turmloser Bau im Stil der Romantik aus Backsteinen und Feldsteinen errichtet wurde. Erst 1692 wurde vor der Stirnseite in einem freistehenden Holzgestell eine Betglocke aufgehängt. 1905 erbaute der Sanitätsrat Johannes Ide in unmittelbarer Nähe zur Kirche sein „Nordsee-Sanatorium“ (später „Haus des Gastes“), ein Gebäude mit einem Turm. Viele Kurgäste verwechselten nun das Sanatorium mit der Kirche, so dass sich die Amrumer genötigt sahen (endlich) ihre Kirche mit einem Turm zu versehen. Dieser steht auf der Westseite und enthält auch das Portal. Man geht also durch den Kirchturm in die Kirche. Das Haus des Gasten gibt es nicht mehr (Amrum News berichtete), so dass der St.-Clemens-Kirchturm hier nun „konkurrenzlos“ ist.

Ein weiteres kirchliches Gebäude, das einen turmartigen Aufbau hat, ist das seit 2007 sich in Privatbesitz befindliche Norddorfer Gemeindehaus, das 1929 als „Evangelisches Gemeindehaus“ errichtet wurde um hier Gottesdienste abhalten zu können. Heute wird es hauptsächlich als Veranstaltungsraum durch die Amrum Touristik genutzt und der Glocken- und Uhrturm dient als Sendemast für Telekommunikationsdienste. Auch die 1903 in Wittdün erbaute Evangelische Kapelle hat ein Glockentürmchen, wobei dieses nicht begehbar ist, also streng genommen gar keinen Turm darstellt. Die katholische Kirche St. Elisabeth in Norddorf hat hingegen einen „richtigen“ Turm. Diese Kirche ist erst 1973 gebaut worden. Als nach der Reformation die St.-Clemens-Kirche im Jahr 1524 evangelisch wurde gab es auf Amrum keine Römisch-Katholische Kirchengemeinde mehr. Erst als nach der Gründung der Badeorte immer mehr auch katholische Gäste auf die Insel strömten wurden entsprechende Gottesdienste in Norddorf im Hotel Hüttmann in einem eigens dafür hergerichteten Raum, und in Nebel im „Missionshaus“, in dem u. a. auch eine Sonntagsschule eingerichtet wurde und später die Kirchenmusiker wohnten, abgehalten. Auch das „Missionshaus“ existiert heute noch, es befindet sich in Privatbesitz. Im Jahr 1905 ist  in Wittdün eine katholische Kapelle errichtet worden, die später jedoch zugunsten einer Drogerie abgerissen wurde.

Auch diverse „private“ Häuser schmücken sich auf Amrum mit Türmen. Als Beispiel sei hier das in Nebel befindliche Schullandheim „Honigparadies“ genannt. Das sich von jeher in Familienbesitz befindliche Gebäude wurde 1903 gebaut und enthielt ursprünglich eine Imkerei, daher der Name „Honigparadies“. Eine Gastwirtschaft mit Fremdenzimmern und ein Cafégarten kamen hinzu. Nach und nach wurden Erweiterungs- und Umbaumaßnahmen vorgenommen. In der Nachkriegszeit des 2. WK wohnten Ostflüchtlinge und Heimatvertriebene in den Zimmern und ab 1950 kamen die ersten Schulklassen in das Schulllandheim.

Masten sind auf Amrum auch keine Mangelware. Integrieren sich insbesondere die vielen Fahnenmasten gut in das Landschaftsbild, so stellen die diversen Funk- und Telekommunikationseinrichtungen der verschiedenen Netzbetreiber doch mehr kleine Schandflecken dar und erinnern eher an Industriegebiete. Insbesondere der gewaltige sich am St.-Clemens-Hüs in Nebel befindliche Mast wirkt mit seinen in alle Himmelsrichtungen weisenden Sende- und Empfangsanlagen eher futuristisch. Sein nackter Betonstamm mag nicht so richtig in ein Friesendorf passen und je nach Blickrichtung stellt er doch zum altehrwürdigen Turm der St.-Clemens-Kirche einen argen Kontrast dar. Sicher erfüllt er in der heutigen hochtechnisierten Zeit seine Aufgaben, aber vielleicht hätte man ihn etwas farbenfroher in seine Umgebung einfügen können. Weitere, jedoch wesentlich schlankere Funkmasten stehen beispielsweise am Seezeichenhafen in Wittdün und im Industriegebiet in Süddorf.

Auch der Mast der Wetterstation auf Amrum am Strandübergang Nebel besticht hauptsächlich durch technische Nüchternheit und ragt nicht gerade landschaftstypisch aus der Dünenlandschaft hervor. Über diese Messstation gibt es auch eine nette Geschichte:  Die von „kachelmannwetter.com“ betriebene Einrichtung befindet sich in unmittelbarer Nähe des in der Strandkorbhalle / Insel Disco 54° Nord (ehemals „Kniepsandhalle“) befindlichen Probenraums der „Amrumer Soulband“. Als vor vielen Jahren die Station eingerichtet worden war, erhielt der Bandleader und Schlagzeuger Peter „Paddel“ Lückel eines Tages einen Anruf in dem er gefragt wurde, ob es stimme, dass die Band immer dienstags Abend ihre Proben haben würde, denn immer zu dieser Zeit würden die Wetteranzeigen für Amrum strahlend blauen Himmel und puren Sonnenschein anzeigen, egal wie das Wetter tatsächlich sei oder ob es auch schon dunkel sei. Punkt 20:00 Uhr wurden die Messeinheiten offensichtlich durch das Einschalten der Verstärker der Musiker dahingehend beeinflusst. Als der Fehler gefunden war und entsprechende Isolierungsmaßnahmen an der Elektrik und Elektronik vorgenommen wurde, funktionierte dann die Station auch zu den Probenzeiten einwandfrei.

Dass sich moderne Zweckbauten auch kunstvoll in ein Landschafts- oder Stadtbild einfügen lassen, zeigt das Beispiel der Jugendherberge in Wittdün. In 2020 wurde das Gebäude saniert und im Rahmen aufwendiger Modernisierungsmaßnahmen und Optimierung von Brandschutzmaßnahmen eine Außenfluchttreppe im Stile des Leuchtturms angebracht. Hier ist es gelungen eine an sich hässliche Baumaßnahme farbfröhlich auf zu hübschen. Die Amrumer Jugendherberge entstand 1938 aus der Zusammenlegung historischen Bäderbauten des „Hotel Germania“ aus der Gründerzeit. Sie wird mittlerweile in 3. Generation von der Familie Jürgensen als Gastgeber betrieben.

Übrigens sind moderne Windkrafträder definitionsgemäß Türme, da sie ja begehbar sind. Auf Amrum gibt es derartige Anlagen nicht, allerdings gab es zu Zeiten der „Elektrischen“ Eisenbahn auf Amrum Windturbinen zur Stromerzeugung, die ab 1924 z. B. an den damaligen Bahnhöfen der Inselbahn in Nebel und Norddorf standen und bis Anfang der 1940er Jahre auch in Betrieb waren.

In früheren Zeiten „zierten“ auch Strommasten die Amrumer Landschaft, wurden die Stromleitungen doch erst in der 1970er Jahren ins Erdreich verbannt. Die letzten Strommasten waren hier bis Ende der 1970er Jahre zu bewundern.

Zum Schluss  der Beschreibung einiger Amrumer Türme und Masten muss doch noch einmal auf einen Leuchtturm zurückgekommen werden: Auf dem großzügig gestalteten Kinderspielplatz am Naturschutzzentrum im Bereich des Strandübergangs Norddorf steht er. Und die Miniaturausgabe des Seezeichens ist tatsächlich begehbar!

Über Peter Totzauer

Dr. med. Peter Totzauer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Anästhesie, Notfallmedizin, Spezielle Schmerztherapie, geb. 1954 in Fürth/Bay., hat, bedingt durch den Beruf des Vaters, als Kind u.a. 4 ½ Jahre in Frankreich gelebt. Abitur 1974 in Köln, Studium der Humanmedizin an der Universität Bonn. War seit 1982 ärztlich tätig, davon viele Jahre als Oberarzt in der Anästhesie und als Leitender Notarzt in Euskirchen. War 2007 für ein halbes Jahr im Rahmen einer „Auszeit“ vom Klinikalltag bei seiner Lebensgefährtin und mittlerweile Ehefrau Claudia auf Amrum. Dies hat ihm so gut gefallen, dass er seit Ende 2008 seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ganz auf die Insel verlegt hat und hier seit 2010 mit in der „Praxis an der Mühle“ gearbeitet hat. In 2024 ist er endgültig in den ärztlichen Ruhestand getreten. Er hat zwei erwachsene Kinder, sein Sohn ist niedergelassener Physiotherapeut in Neuss, seine Tochter ist Lehrerin an der Öömrang Skuul.

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