
Längst ist sie zum inoffiziellen Wahrzeichen im schönen Inseldorf Nebel geworden: die Holz-Meerjungfrau vor dem Haus von Tanja Wegner-Weiseth im Uasterstigh. Kaum ein Gast passiert die überlebensgroße Skulptur unkommentiert: “Ach schau mal, wie schön!” ist häufig zu hören, Kinder stellen sich daneben und wollen fotografiert werden. Wahrscheinlich hat mittlerweile so ziemlich jeder Nebel-Urlauber mindestens ein Bild von ihr auf dem Smartphone. Als Orientierungshilfe hat sie es ohnehin längst in den Sprachgebrauch geschafft: “Da bei der Meerjungfrau…” genügt als Ortsbeschreibung. Nun wird die hölzerne Schönheit bereits zehn Jahre alt. Und ihr zu Ehren kam ihr Schöpfer erstmals wieder auf die Insel.

Florian Lindner, genannt Holz-Flori, ist einer der erfolgreichsten Holzkünstler Deutschlands. Dreifacher Deutscher Meister im Speedcarving, zweifacher Weltmeister im Motorsägen, ein Auftritt beim RTL-Supertalent. Was für eine Ehre, dass unser kleines Friesendorf über ein so großes Kunstwerk verfügt. Entstanden ist die Nixe damals aus einer recht fixen Idee: Eine alte Tanne musste gefällt werden und der noch stehen gebliebene zwei Meter hohe Stamm erschien Tanja zu wertvoll, um ihn einfach sich selbst zu überlassen (Amrum News berichtete). In einem Internetforum bot die Nebelerin dann quasi “Urlaub gegen Hand” an. Eine Woche Amrumauszeit gegen Holzskulptur. Mit dem Thüringer Florian Lindner wurde sie sich sofort einig und so reiste er im Juni 2015 samt Frau und Kindern zum ersten Mal auf die schöne Nordseeinsel. Zwar musste am Ende einer anderen Stamm herhalten, doch das Ergebnis war das gleiche.

Zehn Jahre sind seit dem ersten Zusammentreffen und der Geburt der Meerjungfrau nun vergangen. Und auch, wenn sich alle seitdem nicht mehr gesehen hatten, verbinden Tanja und die Familie Lindner zeither eine Freundschaft – die im Juli diesen Jahres nun endlich erneuert werden konnte. So traf man sich zu Kaffee und Kuchen im Garten von Tanja, erinnerte sich an das außergewöhnliche Kennenlernen und brachte sich auf den neuesten Stand. Denn der Anlass von Florian Lindners Besuch auf Amrum war eigentlich ein trauriger: Vergangenes Jahr erlitt der Künstler einen schweren Unfall, den er nur knapp überlebte. Abgesehen davon, dass er noch immer viel Ruhe braucht – die man auf Amrum selbst in der Hochsaison ausreichend findet – könnte die Nordseeluft laut seinem Arzt besonders heilsam sein. Die wenigen gebuchten Urlaubstage der Familie reichten dafür nicht aus – und so bot Tanja ihrem Gast sofort an, eine mehrwöchige Bleibe für ihn zu besorgen. Gesagt – getan. Nach kurzer Rücksprache mit seiner Frau, die der Gesundheit zuliebe ihrem Mann den Rücken freihält und sich allein um die fünf Söhne und den Hof kümmern wird, konnte Florian noch zwei Wochen länger auf Amrum genesen. “Es ist, als würde sich ein Kreis für mich schließen”, so der Künstler. Er kam, um Tanja einen Wunsch zu erfüllen, nun hilft sie ihm in einer besonders schweren Lebensphase. Die Insel als Schicksal. Ein Ort, an dem zwei Fremde zu wahren Freunden wurden.
Und was sagt Florian nun zehn Jahre später zu seinem Werk? “Hat sich super gehalten! Fast schöner als damals. Auch, wenn ich einiges heute anders gestalten würde.”, selbstkrittelt der Thüringer. “Ein paar Holzwürmer haben sich mittlerweile eingenistet”, sorgt sich Tanja. Dank der guten Pflege durch sie und ihren Lebensgefährten sowie das allwinterliche einkellern, trotzt die Dame aber bislang Käfern und Kälte. Hoffen wir, dass es noch lange so bleibt und die schöne Meerjungfrau von Nebel auch weitere zehn Jahre viele Urlaubsfotos zieren wird…
AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum
