Sie sind so etwas wie ein Markenzeichen: Die Bohlenwege auf Amrum. Insgesamt sind es über 11 km dieser Holzkonstruktionen, die sich quasi als „Bürgersteige“ durch die Schutzgebiete der Insel schlängeln. Der Besucher der Insel Amrum ist zumeist nicht nur vom riesigen Strand, dem Kniepsand, fasziniert, auch die ausgedehnte Dünenlandschaft zieht die meisten Gäste, und auch Amrumer selbst, nahezu magisch an. Die Amrumer Dünen stehen zum allergrößten Teil unter strengem Naturschutz, und dies hat einen für die Insel existentiellen Grund, dienen die auf der Seeseite gelegenen wilden Sandberge doch als natürliche Barriere gegen Sturmfluten. Sie können gleichermaßen auch als „Sichtschutz“ vor möglichen Eindringlingen, die in längst vergangenen Zeiten Ungemach über die Bewohner zu bringen drohten, angesehen werden. Wikinger, Piraten oder Freibeuter kamen zumeist von See her in die Nähe der Insel, um Ausschau zu halten, ob es lohnenswerte Beute auf dem Eiland geben würde. Sie blickten jedoch stets nur auf riesige Sandhaufen. Die blick- und windgeschützten Siedlungen befanden sich auf der Wattseite und blieben zumeist unentdeckt. Das mag die Amrumer Bevölkerung oftmals vor Überfällen und Plünderungen geschützt haben.
Dünenschutz ist Inselschutz
Der Bewuchs der Dünen ist hochempfindlich. Das Dünengras wurzelt tief und ist unerlässlich, um die Dünen zu stabilisieren, um nicht „vom Winde verweht“ zu werden. Dieser Bewuchs braucht lange, um sich zu entwickeln, und durch Zertrampeln zerstörte Pflanzen, sind auf lange Sicht für den Dünenschutz verloren. Nicht umsonst lautet der touristische Leitsatz der Insel „Dünenschutz ist Inselschutz“, ist der Dünengürtel doch die Lebensversicherung der Insel, die wiederum auch als Schutz und „Wellenbrecher“ vor Sturmflutschäden am Festland dient.
Ein Betreten oder Besteigen der Dünen ist, mit ganz wenigen Ausnahmen, verboten. Um den Besuchern dennoch die Möglichkeit zu geben, diese einmalige Landschaft entdecken und genießen zu können, wurden die sog. Bohlenwege angelegt, die zumeist durch den Dünengürtel in Richtung Kniepsand führen. Die Strecken sind mit Bänken und Aussichtspunkten versehen, von denen aus man herrliche Blicke über das mitunter endlos wirkende Dünenmeer hat. Kleine Brücken führen über Dünentäler und sind zumeist mit Geländern gesichert. Sind, v. a. an den An- und Abstiegen der Dünenränder, bzw. an den Zugängen zu den Aussichtsdünen, steile Dünenhänge zu überwinden, führen Treppen zum Ziel.
Bohlenwege sind keine Erfindung von pfiffigen Amrumern, sie dienten schon im sog. Mesolithikum, also in Zeiten zwischen 10.000 und 5.500 v. Chr., den Menschen als Verkehrswege durch sumpfige oder morastige Gegenden. Auch die Römer haben sich auf ihren Kriegszügen in Germanien für die Überschreitung von Sümpfen und Mooren der Herstellung von Bohlenwegen bedient. Nebeneinander gelegte und befestigte Bohlen, Knüppel oder Planken wurden verwendet, die auch mit schienenartigen, nebeneinander laufenden Holzpfosten und in den Boden getriebenen Pfosten gesichert wurden. Durchaus ähnlich ist auch heute noch die Konstruktionsweise der Bohlenwege auf Amrum, wobei mittlerweile als Oberbau zumeist sibirische Lärche als Planken auf vorgefertigten und gut zu transportierenden Bauteilen verwendet wird. Der Unterbau besteht überwiegend aus Eichenpfählen, die entsprechend tief in den Boden eingebracht werden. Die Rillenbauweise der querverlaufenden Bohlen sorgt für eine gewisse Rutschfestigkeit, wobei insbesondere bei Nässe jedoch vor Rutschgefahr gewarnt wird. Auch Barfußlaufen sollte vermieden werden, ein Treten in Splitter ist nie ausgeschlossen, immerhin handelt es sich ja um eine Holzkonstruktion. Mit entsprechenden Warnhinweisen wird an vielen „Eingängen“ zu den Bohlenwanderwegen gewarnt.
Neuanlage Bohlenweg Westerheide, Dez. 2022
Neu angelegter Weg und alte Trassenführung Campingplatz – Wriakhörnsee
Aktuelles Bohlenwegverzeichnis
Verfaulte und neu eingefügte Bohlen
Teilweise abgebauter Bohlenweg am Kniepsand
Aufgeschwemmte Bohlenwegkonstruktion
An der Aussichtsplattform in Nebel
Bohlenweg zum Startpunkt des Wattwanderwegs nach Föhr
Auf dem Rundweg um die Vogelkoje
Bohlenweg von der Vogelkoje zum Quermarkenfeuer
Bohlenweg am Wriakhörnsee
Bohlenweg und Treppenaufstieg zur Wittdüner Aussichtsdüne
Längs verlaufende Bohlen, Aufnahme aus dem Jahr 2009
Mittlerweile sind alle Wege mit querverlaufenden Bohlen verlegt. Das war nicht immer so. Noch vor ca. 20 Jahren wurden auch längs verlaufend Bohlen verbaut, die sich jedoch als weniger witterungsbeständig erwiesen und v. a. Joggern auch ein „federndes“ Laufgefühl bescherten.
Im Bereich Wittdün ist es ein weitverzweigtes Bohlenwegnetz um den Wriakhörnsee, das es zu entdecken gibt. In Verlängerung der Wandelbahn ab Köhns Übergang kommt man bis zum westlichen Ende des Sees, an dem man dann links abbiegen kann, um dann an den Kniepsand oder auf den Dünenwanderweg Richtung Leuchtturm zu gelangen. Dazu gibt es vier Bohlenweg-Querverbindungen von der Inselstraße zum Wriakhörnsee: vom Kiefernweg aus über die Wittdüner Aussichtsdüne, vom AmrumSpa/Badeland aus, vom Passatweg aus, sowie vom Campingplatz 1 aus.
In Süddorf führt, mit einer Unterbrechung, ein Bohlenweg vom Strandparkplatz parallel zum geteerten Weg durch den Wald zum Strandübergang. Auf halber Strecke gibt es einen Abzweig zur Süddorfer Aussichtsdüne.
In Nebel-Westerheide gelangt man vom Waldrand Noorderstrunwai abgehend auf einer Länge von ca. 1,1 km zum Dünenübergang und auf den FKK-Strand. Entlang dieses Bohlenwegs befinden sich zwei Aussichtsplattformen und am Ende führt eine Treppe hinunter in den Vordünenbereich.
Noch ein wenig länger, gut 1,2 km lang, ist der beliebte Bohlenweg, der von der Vogelkoje Meeram aus am Grubenhaus und eisenzeitlichen Haus vorbei bis zum Quermarkenfeuer Norddorf führt. Hier gelangt man dann ebenfalls über eine Treppe in die Vordünen und zum Kniepsand. Um die Vogelkoje selbst führt ebenfalls ein beeindruckender Bohlenweg herum.
Ein weiteres Bohlenweg-Netzwerk findet man südlich von Norddorf. Von der Bushaltestelle „Aussichtsdüne“ in der Lunstruat kommt man über die Aussichtsdüne „A Siatler“, die mit 32 Metern höchste Düne auf Amrum, weiter zur Querverbindung durch das Düüwdääl, die vom Minigolfplatz ausgehend durch die Dünenlandschaft bis zur „Himmelsleiter“ als Abstieg zum Kniepsand führt. Auch aus nördlicher Richtung, von der Verlängerung des Fleegamwai aus kommend, gelangt man ab dem Risamwai, der ehemaligen Bahnstrecke zum Norddorfer Strand, auf einem Bohlenweg zum Düüwdääl.
Eine Besonderheit ist der Bohlenweg, der am nördlichen Ende der Norddorfer Marsch vom „Fahrradständer“ aus in Richtung Nordspitze (Amrumer Odde) bis zum Ausgangspunkt für die Wattwanderungen nach Föhr führt. Er führt nicht an den Kniepsand, sondern ans Watt. Im Gegensatz zu allen anderen Bohlenwegen auf Amrum ist er mit seitlichen Begrenzungen versehen, deren Sinn sich einem nicht so richtig erschließen will. Möglicherweise ist dies als Absicherung gedacht, um Rollstuhlfahrer vor einem Absturz zu bewahren. Weiter nordwärts befindet sich in den Dünen am Vogelwärterhaus des Verein Jordsand e. V. noch ein kleiner Bohlenweg, der jedoch nur im Rahmen von Führungen begangen werden kann.
Ein kurzes Stück Bohlenweg führt in Nebel in Verlängerung des Meeskwai zu einer kleinen Aussichtsplattform, die in die Wattlandschaft hinein gebaut wurde.
Letztendlich gibt es noch im Anschluss an die zumeist geteerten bzw. betonierten Dünenübergänge an die Strandabschnitte in Süddorf, Nebel und Norddorf Bohlenwegkonstruktionen, die Richtung Wasserkante führen. Ein Großteil dieser Wege wird über den Winter abgebaut, um nicht von höheren Fluten weggeschwemmt zu werden. An diesen Stellen kann man nach Stürmen, wenn dann doch die Bohlenwege aufgeschwemmt wurden, sich von der Bauweise mit Palettenkonstrukten überzeugen.
Erst im Jahr 1986 wurden mit den Abschnitten Wittdün – Wriakhörn und Vogelkoje – Quermarkenfeuer die letzten Bohlenwege des heutigen Wegesystems fertiggestellt. Man geht davon aus, bzw. hofft, dass ein neu angelegter Weg ca. 20 Jahre hält. Das Holz ist ja ununterbrochen den z. T. widrigen Witterungsverhältnissen ausgesetzt. Neue Wege erstrahlen zunächst in einer strahlend hellen Holzfarbe, ergrauen dann aber spätestens nach den ersten längeren Regenperioden. Im Laufe der Zeit kommt es zu einem Fäulnisprozess, die Bohlen und Unterkonstruktionen beginnen sich zu zersetzen. Sind nur einzelne Teile betroffen, können punktuell Ausbesserungsmaßnahmen ergriffen werden. Man erkennt das daran, dass einzelne Bohlen wieder frisch und gelblich erstrahlen. Sind jedoch größere Areale vom Zerfall bedroht, müssen längere Abschnitte oder sogar komplette Anlagen ersetzt werden. Da sich auch die Landschaft verändert, kann es zudem vorkommen, dass auch die Wegführung verändert werden muss.
Die Kosten für einen Neubau sind immens hoch. So hat beispielsweise die Neugestaltung der Wegeanlage Westerheide/Noorderstrunwai zum Dünenübergang (1,1 km) im Dezember 2022 360.000 € gekostet. Hinzukommen bei Neuanlagen immer auch noch die Entsorgungskosten der alten Anlagen, die sich in diesem Fall auf 75.000 € belaufen haben. Die „alten“ Bohlenwege gelten als „belastet“ und müssen gemäß den Auflagen der Ordnungsbehörden des Amtes Föhr/Amrum bzw. des Kreises Nordfriesland „sachgerecht“ entsorgt werden.
Bislang wurden die Kosten für die Neuanlagen der Bohlenwege stets durch das Land Schleswig-Holstein mit 50 % der Bruttobaukosten gefördert. Inwieweit dies im Hinblick auf die knappen öffentlichen Kassen auch in Zukunft geschehen wird, bleibt abzuwarten. Die Gemeinden der Insel Amrum führen die Bohlenwege in Anlagevermögen als Eigenbetriebe, die Finanzierung erfolgt über die kommunalen Haushalte, in die auch anteilig die Kurabgaben mit einfließen.
Neben der bereits erwähnten Neugestaltung der Anlage Westerheide/Noorderstrunwai wurden in den letzten Jahren folgende Bohlenwege komplett erneuert: Bereich Wriakhörnsee, Fertigstellung Feb. 2025; Vogelkoje-Quermarkenfeuer, Okt. 2023; Köhns Übergang–Wriakhörnsee, Feb. 2022; Badeland-Wriakhörnsee, Feb. 2013; Bereich Aussichtsdüne Wittdün und Zeltplatz-Wriakhörnsee, Apr. 2011.
Neben den hier beschriebenen 11 km Bohlenwege gibt es auf der Insel auch 44,5 km Reitwege, 41 km Fahrradwege, von denen 36 km befestigt sind, und rund 37 km Wanderwege, die je zur Hälfte unbefestigt bzw. befestigt sind. Es ist also egal, ob man wandern, Rad fahren oder reiten will, auf Amrum hat man jede Menge Möglichkeiten dazu! Aber bitte die entsprechenden Wege nicht verlassen und nicht in die Dünen gehen! „Dünenschutz ist Inselschutz“!
Über Peter Totzauer
Dr. med. Peter Totzauer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Anästhesie, Notfallmedizin, Spezielle Schmerztherapie, geb. 1954 in Fürth/Bay., hat, bedingt durch den Beruf des Vaters, als Kind u.a. 4 ½ Jahre in Frankreich gelebt. Abitur 1974 in Köln, Studium der Humanmedizin an der Universität Bonn. War seit 1982 ärztlich tätig, davon viele Jahre als Oberarzt in der Anästhesie und als Leitender Notarzt in Euskirchen. War 2007 für ein halbes Jahr im Rahmen einer „Auszeit“ vom Klinikalltag bei seiner Lebensgefährtin und mittlerweile Ehefrau Claudia auf Amrum. Dies hat ihm so gut gefallen, dass er seit Ende 2008 seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ganz auf die Insel verlegt hat und hier seit 2010 mit in der „Praxis an der Mühle“ gearbeitet hat. In 2024 ist er endgültig in den ärztlichen Ruhestand getreten. Er hat zwei erwachsene Kinder, sein Sohn ist niedergelassener Physiotherapeut in Neuss, seine Tochter ist Lehrerin an der Öömrang Skuul.