Fatih Akins neues Drama lockte am Samstag hunderte Zuschauer ins kleine Inselkino. Ein Abend mit einer bewegenden Geschichte, persönlichen Anekdoten und internationalen Filmstars, die Friesisch sprechen. Und das alles gedreht auf Amrum. Oder etwa nicht?

So viel Andrang wie am vergangenen Samstag herrschte schon lange nicht mehr im kleinen Inselkino LichtBlick in Norddorf. Der Anlass: Fatih Akins Kriegsdrama “Amrum” feierte Premiere auf Amrum. Und das bedeutet nicht nur eine gut besuchte Erstvorführung, sondern insgesamt 30 Vorstellungen an sieben Tagen mit rund 2000 Besuchern. “In unserem Kino läuft die ganze Woche eigentlich nichts anderes”, lacht Kinobetreiber Ralf Thomsen.
Nach den intensiven Bemühungen Thomsens, die Vorpremiere auf Amrum stattfinden lassen zu dürfen (Amrum News berichtete), ist so eine nahezu monothematische Kinowoche auch nur angebracht. Und die Buchungslage gibt dem Betreiber ebenso recht: die Vorstellungen sind die ganze Woche über nahezu ausgebucht. Wer diese einmalige Chance nutzen möchte, sollte schnell noch die letzten Tickets reservieren.
Feierliche Stimmung trotz beklemmender Thematik
Amrum erzählt die Geschichte des 12-jährigen Nanning, der in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 versucht, als ältestes von vier Geschwistern seine Familie zu ernähren. Die Handlung basiert auf den Kindheitserinnerungen des Regisseurs und Drehbuchautors Hark Bohm, der gemeinsam mit Fatih Akin auch das Drehbuch entwickelte.
Die Besucher des Samstags erwarteten gleich mehrere Sondervorführungen. Insgesamt sechsmal wurde der Film, der im Mai 2024 zu großen Teilen auf der Insel gedreht wurde, an diesem Tag gezeigt. Das Hotel Hüttmann unterstützte mit kostenfreiem Begrüßungssekt und Orangensaft und verlieh dem Kino mit Pavillon und weißgedeckten Stehtischen ein feierliches Ambiente. Und auch die Gäste, fast ausschließlich Insulaner*innen, hatten sich herausgeputzt, um den Betreibern und Beteiligten Tribut zu zollen. Schließlich ist das Gelingen des Films auch maßgeblich den vielen Einheimischen zu verdanken, die einiges an Zeit im letzten Jahr aufbrachten, um als Kompars*innen oder Berater*innen mitzuwirken.

Friesisch für Filmstars – dank Jens Quedens
Einen besonders großen Part an den Dreharbeiten hatte auch Jens Quedens, Gründer und Vorsitzender des Amrumer Heimatvereins Öömrang Ferian – und selbstverständlich gebürtiger Amrumer und friesischer Muttersprachler. Er war es, der nicht nur die Dialoge auf Öömrang verfasste, sondern sie auch mit einiger Arbeit den Darstellern des Films beibrachte. Außerdem stand er – neben anderen engagierten Insulanern – mit seinem umfangreichen Wissen zur Inselhistorie, sowie der damaligen Flora und Fauna dem Drehteam unterstützend zur Seite.
Um auch die Premierengäste an diesen Erfahrungen teilhaben zu lassen, die Quedens am Set sammeln durfte, begrüßte er die Besucher gemeinsam mit Kinobetreiber Ralf Thomsen ganz persönlich. Vor und nach der Filmvorführung kam er in den Saal, gab einige Anekdoten vom Filmset zum Besten und beantwortete Fragen. Beschwichtigend stellte er zuallererst klar, dass keine Tiere während des Drehs zu Schaden gekommen sind. Bei den meisten handelte es sich um zahme Filmtiere. Oder, wie im Fall zweier im Todeskampf wild zappelnder Kaninchen, um mit einem Motor ausgestattete Requisiten.
Filmtiere, Anekdoten – und eine widerspenstige Eule
Als besonders unterhaltsam blieb Jens Quedens die Eule im Kopf, die in einer Szene auf einem Pfahl landen sollte – erst landete sie gar nicht, später wollte sie dann nicht mehr wegfliegen, als sie das eigentlich sollte.
Von gesteigertem Interesse war für viele Kinogänger*innen natürlich auch, wo denn dieses überaus pittoreske “Norddorf” steht, das man im Film als solches zu sehen bekommt? Denn allen Insulanern wie auch Stammgästen war klar: So schön unsere Insel ist, die gezeigten Gebäude sind nirgends auf Amrum zu finden. “Die Ortschaften liegen in Dänemark. Das “Föhr” im Film ist eigentlich Rømø. Und die Innenaufnahmen sind im Studio in Hamburg entstanden”, erzählt Jens Quedens. Trotzdem haben es die Truhe, in der die Fotoalben der Familie Hagener aufbewahrt werden, sowie das kunstvolle Walzahnmesser es nun ins Öömrang Hüs in Nebel geschafft und können dort von Besuchern bewundert werden.

Lokale Premiere, exklusives Erlebnis
Die Darsteller und Regisseur Fatih Akin selbst konnten leider nicht zur Premiere kommen. Zum Trost hatten sie jedoch extra kleine Videogrußbotschaften geschickt, die dem Film vorgeschaltet waren. Eine echte Amrumer Besonderheit, die die Kinobesucher am Festland ab dem 09. Oktober selbstverständlich nicht zu sehen bekommen werden.
Nach den Filmvorführungen blieben viele Gäste noch lange im oder vor dem Foyer, tranken ein Glas Wein und tauschten sich mit Freunden und Bekannten aus. Die Meinungen gingen dabei schon auseinander. Während die einen von der Geschichte sehr berührt und mitgenommen waren, hatten sich andere mehr Amrumspezifisches gewünscht und plädierten gar für eine Umbenennung des Films in “Nordfriesland”. Dennoch war man sich einig: Es ist der beste Film, der bislang auf Amrum gedreht wurde.
AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum

