Flohmarkt statt Leerstand: Inselprojekt begeistert mit Kreativität und Gemeinschaft …

Ein leerstehendes Büro, neun Monate Restmiete – und eine zündende Idee: Statt über den finanziellen Verlust zu klagen, machten Juliane Dreger und ihre Freundin Ines Herm einfach das Beste daraus. Vom Ergebnis können sich Besucher an diesem Wochenende noch ein letztes Mal überzeugen… 

Freuen sich auf das Wochenende und über den Erfolg des Gemeinschaftsprojekts: Juliane Dreger, Ines Herm und Julia Stammel (v.li.n.re)

Flohmärkte erfreuen sich auf Amrum großer Beliebtheit. Kein Wunder, wenn die Auswahl an Geschäften begrenzt ist und obendrein kein Kleidercontainer zur Verfügung steht. Da wird getauscht und wiederverwertet – was heute in Norddorf getragen wurde, läuft morgen in Wittdün durch den Ort. Ganz im Sinne der Nachhaltigkeit.

Allerdings: Wenn es Herbst wird und draußen ungemütlich ist, finden auch keine Flohmärkte mehr statt – und die Insulaner*innen bleiben den Winter über auf ihren Habseligkeiten sitzen. Und da kam Ines Herm, Erzieherin an der Fachklinik Satteldüne, die rettende Idee: Bereits seit acht Monaten standen die Räumlichkeiten der ehemaligen Vermögensberatung im Waasterstigh 22 in Nebel leer. Mieterin und Freundin Juliane Dreger zahlte aufgrund der Mietbindung – und mangels Nachmieter – weiterhin die volle Miete. Warum nicht einfach die Büroräume nutzen und einen kleinen Indoor-Flohmarkt veranstalten?

In den ehemaligen Räumlichkeiten der Vermögensberatung von Juliane Dreger in Nebel ist seit August ein kleiner Pop-Up-Store entstanden.

Vom Büro zum Flohmarkt – eine spontane Idee

Juliane Dreger fand die Idee klasse und öffnete gerne die Bürotüren zu diesem Zweck. Neben Kleidung, Schuhen, Haushaltsgegenständen und den Büromöbeln selbst buken die Freundinnen Kuchen und kochten Kaffee. Wie es auf einem Flohmarkt eben so zugeht – nur drinnen. „Die Resonanz war einfach nur krass“, erinnert Juliane sich an diesen ersten Tag. „Die Leute standen Schlange vor dem Laden!“ Und Ines Herm ergänzt: „Die Begeisterung war so groß, dass mehrere Leute fragten, ob sie nicht auch noch etwas verkaufen dürften.“

Das war Mitte August. Wer die letzten Wochen in Nebel unterwegs war, wird festgestellt haben: Die Bürotüren sind immer wieder geöffnet, Leute gehen ein und aus, an einem Schild kleben wöchentlich neue Öffnungszeiten.
Was als einmaliger Flohmarkt begann, entwickelte sich rasch zu einem richtigen Pop-up-Store – wie man die temporäre Nutzung leerstehender Räume zu Gewerbezwecken nennt.

Bücher, Sportgeräte, Bürobedarf: Am Wochenende gibt es nochmal 50% Rabatt auf fast alles.

Ein Pop-up-Store mit Herz und Gemeinschaftsgeist

„Mittlerweile sind wir 13 Leute – alle Freunde und Bekannte –, die hier ihre nicht mehr benötigten Sachen verkaufen“, berichtet Juliane begeistert. Anders als beim gewöhnlichen Flohmarkt, bei dem jeder an seinem Stand steht, braucht es in dem kleinen Laden in Nebel natürlich nur ein oder zwei Verkäufer*innen gleichzeitig. Das heißt: Wer seine Siebensachen verkaufen möchte, übernimmt auch mal eine Verkaufsschicht. „Das hat super geklappt“, schwärmen die beiden Frauen. Selbst Bekannte, die nur zu Besuch auf der Insel waren, haben für ein paar Stunden den Laden betreut. Eine Freundin von Ines, die Urlaub auf Amrum machte, brachte extra ihre Kleidung mit, verkaufte sie im kleinen Geschäft – und spendete den Erlös.

Beste Voraussetzungen für einen entspannten Flohmarktbummel: Umkleide, Spiegel und WC.

13 Freunde, ein Ziel – und jede Menge Einsatz

Juliane und Ines sind völlig überwältigt angesichts des großen Engagements ihres Freundeskreises. „Niemals hätten wir damit gerechnet, dass das eine so dolle Sache wird“, sind sich die beiden einig. „Es ist so toll zu sehen, was man gemeinsam auf die Beine stellen kann. Alle von uns sind voll berufstätig, haben Partner oder Familie. Und trotzdem hat jeder von uns so regelmäßig Verkaufsschichten übernommen, dass wir den Laden fast täglich seit Mitte August öffnen konnten“, sagt Juliane.

Letzter Auftritt mit Rabatt und Rührung

Leider geht diese Zwischennutzung nun zu Ende. Ab Oktober ist Juliane Dreger die Büroräumlichkeiten endgültig los. Ihr Unternehmen führt sie bereits seit Anfang des Jahres von Zuhause aus weiter. Still und heimlich davonmachen wollen sich die Beteiligten allerdings nicht. Am kommenden Wochenende wird noch einmal so richtig groß aufgefahren: mit Kaffee und Kuchen – und 50 Prozent Rabatt auf fast alles. „Wir freuen uns sehr und hoffen noch einmal auf viele Besucher“, strahlen die beiden. Ein wenig Wehmut über das baldige Ende ihres Gemeinschaftsprojekts schwingt dennoch mit. Aber: Nach dem Flohmarkt ist vor dem Flohmarkt. Pläne für das nächste Jahr haben die Freundinnen bereits – man darf gespannt sein …

Öffnungszeiten, Indoor-Flohmarkt Nebel, Waasterstigh 22

Samstag 9-12 Uhr, 14-17 Uhr

Sonntag 11-13 Uhr, 14-16 Uhr

Über Nina Löschner

Nina Löschner kam 1989 kurz vor dem Mauerfall in Ost-Berlin zur Welt. Aufgewachsen auf dem Brandenburger Land zog es sie nach der Schule zurück in die Hauptstadt. In Berlin studierte sie Kunstgeschichte und Englisch, arbeite anschließend im Projektmanagement eines Auktionshauses und schließlich sieben Jahre lang als Redakteurin für Funk und Fernsehen. 2022 nahm sie sich eine berufliche Auszeit und absolvierte einen Freiwilligendienst im Naturschutz auf Amrum. Doch die Insel ließ sie nicht mehr los - und so brach sie alle Zelte in der Hauptstadt ab. Heute arbeitet Nina als Leiterin der Schutzstation Wattenmeer in Wittdün.

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