Auf Amrum wurde der Volkstrauertag in stillem Gedenken begangen. Welche persönlichen Erlebnisse dieses Gefühl verstärken, wird im Bericht deutlich. Warum dieser Tag für viele mehr bedeutet als eine Zeremonie, erzählt ein ehemaliger Soldat.

Am Volkstrauertag finden überall Gedenkveranstaltungen statt, darunter Gottesdienste und Kranzniederlegungen an Ehrenmälern, um der Opfer von Krieg und Gewalt zu gedenken – so auch auf Amrum.
In der St. Clemens-Kirche in Nebel begrüßte Vertretungspastor Grimmer die Kirchengemeinde zu einem Friedensgottesdienst mit Gedenken an alle Opfer von Kriegen und Gewalt, sowie mit Kranzniederlegung und Ansprache am Ehrenmal. In seiner Rede ging es nicht nur um die beiden Weltkriege, sondern auch um weitere Kriege, Krisenherde und Konfliktzonen weltweit.

Nach dem Gottesdienst versammelte sich die Kirchengemeinde gemeinsam mit den Bürgermeistern Cornelius Bendixen (Nebel) und Christoph Decker (Norddorf) sowie der zweiten stellvertretenden Bürgermeisterin Petra Paulsen-Blome (Wittdün) am Ehrenmal der Gefallenen auf dem alten Friedhof in Nebel, um der Opfer von Kriegen und Gewaltherrschaft zu gedenken.

Kranzniederlegung unter freiem Himmel
Nach der diesjährigen Ansprache durch Bürgermeister Bendixen, in der auch er u.a. auf den russischen-ukrainischen Krieg und dem Krieg in Israel und Gaza einging, fand am Ehrenmal – bei strahlendem Sonnenschein – die Kranzniederlegung durch Petra Paulsen-Blome und Christoph Decker statt. Begleitet wurde die Gedenkfeier vom Posaunenchor.

Erinnerungen eines ehemaligen Soldaten
Für mich als ehemaligen Bundeswehrsoldaten, der sich 1977 für eine 33-jährige Dienstzeit entschieden hat, bedeutet der Volkstrauertag vor allem die Erinnerung an die vielen Bundeswehrsoldaten, die ihr Leben in Auslandseinsätzen der Bundeswehr sowie in sogenannten anerkannten Missionen verloren haben – weit entfernt von der Heimat, beispielsweise in Kambodscha, Georgien, Bosnien, dem Kosovo, Afghanistan, dem Irak, Mali und Litauen.
In den letzten fünf Jahren meiner Dienstzeit war ich für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in der Ostslowakei als Kommandoführer bei der Gräberpflege tätig. In Vysny Mirosov und in Medzilaborce habe ich mit elf Kameraden zwei Soldatenfriedhöfe von Grund auf mit erneuert. Da bleiben prägende Erinnerungen – auch an Land und Leute.
1990 ging der Kalte Krieg zu Ende, und es schien, als würde sich nun alles zum Guten verändern. Doch es kam anders: Russland überfiel im Februar 2022 die Ukraine, und seitdem haben wir Krieg in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Wie weit wird der Aggressor gehen? Die Menschen hier und anderswo haben wieder Angst vor Krieg.
Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 entwickelte sich ein Krieg mit vielen Toten und großer Zerstörung. Die vereinbarte Waffenruhe zwischen den Parteien ist äußerst brüchig.
Krieg kenne ich nur aus Erzählungen von Menschen, die ihn miterlebt haben. Einige haben den Jüngeren davon erzählt, andere haben geschwiegen – für sie ist mit dem Ende des Krieges auch dieses schwarze Kapitel unserer Geschichte beendet. Vergessen dürfen WIR diese schlimme Zeit keinesfalls, sie muss in Erinnerung bleiben.
Mein Großvater Gustav Arnold fiel am 1. Januar 1945 im Alter von 38 Jahren in Nevesinje bei Mostar. Er hinterließ seine Frau Gitta und vier Kinder im Alter von 13, 14, 15 und 17 Jahren.
Für mich ist das heutige Totengedenken eine lebendige Erinnerung an unsere Verantwortung, für Frieden unter den Menschen zu sorgen – zu Hause und in der ganzen Welt. Viele engagierte Bürgerinnen und Bürger sowie Vertreter von Vereinen und weiteren Blaulichtorganisationen sind bereit, ihren Beitrag für Frieden und Freiheit zu leisten.
Die persönliche Auseinandersetzung mit jedem einzelnen Grab und jedem Namen ist eine eindringliche Aufforderung zum Nachdenken: Was ist passiert? Warum ist etwas passiert? Welche Verantwortung trage ich für mich und andere? Diese Verantwortung ist keine Bürde, sondern ein Angebot und eine Aufforderung, die eigene Freiheit und die unseres Landes zu gestalten. Kriegsgräber sind daher keine toten Monumente, sondern lebendige Orte des Erinnerns. Hier lernen wir: Freiheit fußt auf Verantwortung – und dauerhafter Frieden ist nur in Freiheit möglich. Das ist die Lektion des 8. Mai 1945 – auch 80 Jahre später.
AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum

