Von der Arktis an den Kniepsand – Gefiederte Wintergäste auf Amrum entdecken …

Winterzeit auf Amrum bedeutet Hochsaison für außergewöhnliche Besucher: Sanderlinge, Meerstrandläufer, Ohrenlerchen und andere arktische Gäste bringen Bewegung in die stille Landschaft. Wer genau hinschaut, entdeckt ein faszinierendes Ensemble gefiederter Überwinterer.

Nahrungssuche im Watt: Ein junger Sanderling (Calidris alba) hat einen Wurm erbeutet.
©Sven Sturm

Flinke Wintergäste – „Keen Tied“ am Strand

Es ist ruhig geworden auf der Insel. Auf einem Spaziergang über den Kniepsand begegnet man nur wenigen Menschen. Der Blick schweift in die Weite, Himmel und Meer verschmelzen im Dunst des Hochnebels. Doch plötzlich regt sich etwas an der Wasserkante: Flink trippeln kleine Vögel im Takt der flach auslaufenden Wellen hin und her – Sanderlinge.

Im Winter tragen sie ihr schlichtes Gefieder: oben hellgrau, unten schneeweiß, mit schwarzen Beinen und Schnäbeln. Im Plattdeutschen werden sie „Keen Tied“ – keine Zeit – genannt, denn bei der Futtersuche gilt es, keine Sekunde zu verlieren. Viele von ihnen ziehen weiter zu ihren Winterquartieren an der westafrikanischen Küste. Dafür benötigen sie ein gutes Fettpolster als Brennstoff für ihren langen Flug.

Auf ihrem Speiseplan steht das, was in Schnabellänge im Boden steckt – Würmer, Krebstiere und Muscheln. Auch nach kleinen Fischen, Algen und Sämereien, die das Meer ihnen vor die Füße spült, wird gepickt.

Aus der Arktis auf die Insel

Wo kommen die Sanderlinge her? Sie brüten in der hohen Arktis – und auch dort gilt: keine Zeit verlieren. Die Brutzeit dauert nur von Juni bis Juli. Während das Männchen noch auf dem ersten Gelege sitzt, legt das Weibchen oftmals ein zweites Mal vier Eier und beginnt ebenfalls zu brüten.

Ein Meerstandläufer (Calidris maritima) scheut nicht die Gischt der Brandung. ©Sven Sturm

Ein seltener Gast: der Meerstrandläufer

Wer an der Südspitze Amrums auf der Wandelbahn unterwegs ist, kann mit etwas Glück einen seltenen gefiederten Wintergast beobachten – den Meerstrandläufer. Seine Heimat sind die felsigen Küsten des hohen Nordens – von Kanada über Grönland und Island bis nach Sibirien. Gut angepasst an die Kälte, bleiben Meerstrandläufer meist auch im Winter in ihren Brutgebieten. Doch einige wenige kommen zur Winterzeit in die Nordseeregion, hier vor allem nach Helgoland.

„Sie sind auf Amrum eine Sensation“, schwärmt der Naturfotograf Sven Sturm. „Viele Vogelbegeisterte kommen von weit her, um sie hier zu beobachten.“

Die Vögel trotzen der Brandung und stochern mit ihren Schnäbeln zwischen Steinen nach Muscheln und Schnecken. Diese werden als Ganzes geschluckt. In ihren kräftigen Kaumägen wird die hartschalige Beute anschließend zerkleinert. Fehlen, wie auf Amrum, Felsküsten, begnügen sie sich auch mit Hafenmolen oder Buhnen.

Die Ohrenlerche (Eremophila alpestris) im Winterkleid ist gut zu erkennen an der gelb-schwarzen Kopfzeichnung.
©Sven Sturm

Ohrenlerchen – Besucher aus einsamen Weiten des Nordens 

Nicht nur Watvögel wie Sanderling und Meerstrandläufer kommen im Winter zu uns auf die Insel. Auch für viele Singvögel aus dem hohen Norden ist das Wattenmeer der warme Süden.

Bereits im September trafen die ersten Ohrenlerchen auf Amrum ein. Ihr wissenschaftlicher Name Eremophila alpestris bedeutet so viel wie „alpine Freundin der Einsamkeit“. Sie brüten in nördlichen Regionen rund um den Globus in abgelegenen, baumlosen Gebirgen, Tundren und Mooren. Ohrenlerchen aus Nordnorwegen überwintern bei uns im Wattenmeer. Hier suchen sie vor allem die Salzwiesen auf. Die dortigen Spülsäume enthalten tausende nahrhafter Sämereien zum Beispiel von Queller, Keilmelde, Hallig-Flieder oder verschiedenen Gräsern.

Ihre markante gelb-schwarze Kopfzeichnung macht sie unverwechselbar. Nur die namensgebenden „Ohren“ – die kleinen Federhörnchen – sind im jetzigen Winterkleid weniger ausgeprägt als während der Balz- und Brutzeit.

Die Schneeammer (Plectrophenax nivalis) ist durch ihr helles Gefieder auch im Flug von den anderen Vogelarten des „Spülsaumtrios“ gut zu unterscheiden. ©Sven Sturm

Schneeammern – perfekt getarnt im arktischen Weiß

Erst vor wenigen Tagen sind zahlreiche Trupps der Schneeammern auf Amrum eingetroffen. Mit ihrem weiß-braun-schwarz gemusterten Gefieder sind sie perfekt an ihre arktischen Brutgebiete angepasst. Die Schneeammer gilt als der am nördlichsten brütende Singvogel der Welt. Im Wellenflug fliegen sie Schwärme über Strand und Salzwiesen. Sie lassen sich derzeit sehr gut an den Dünenkanten beobachten, wo sie in Spülsäumen nach Samen suchen. Man erkennt sie sehr gut im Flug. Die Männchen haben ein ausgeprägtes weißes Flügelfeld mit schwarzen Flügelspitzen und einen schwarzen Schwanz.

Berghänflinge – Wintergäste mit gelbem Schnabel

Auch der Berghänfling sucht seine Nahrung in Spülsäumen. Sein wissenschaftlicher Name Linaria flavirostris bezieht sich auf seinen im Winter wachsgelben Schnabel – flavirostris bedeutet „gelbschnäblig“. Gut zu erkennen sind die Männchen am rosa Bürzel oberhalb des Schwanzes.

Auch der Berghänfling stammt aus Nordskandinavien und überwintert an der Nordseeküste. In größeren Schwärmen sieht man die kleinen braungestreiften Finken über die Salzwiesen fliegen.

Das „Spülsaumtrio“ – Zusammen auf Nahrungssuche

Die drei oben genannten Singvogelarten Ohrenlerche, Schneeammer und Berghänfling bilden das sogenannte „Spülsaumtrio“. Sie fliegen getrennt nach Art in größeren Gruppen zu geeigneten Futterplätzen oder sind oft auch in gemischten Schwärmen unterwegs. An der schleswig-holsteinischen Küste suchen die Schwärme vor allem im Deichvorland nach Nahrung. Besonders nach Sturmfluten wird dort viel Treibgut abgelagert, das in großen Mengen Samen enthält.

Auf Amrum hält sich das Spülsaumtrio besonders in den Bereichen der Salzwiesen auf. Die Schwärme der Schneeammer sind zudem häufig am Strand und an den strandnahen Dünen zu beobachten.

Ein Winter voller gefiederter Überraschungen

Es gibt noch viele weitere Vogelarten, für die das Wattenmeer ein einzigartiges Überwinterungsgebiet ist. Auf Winterspaziergängen auf Amrum gibt es also viel zu entdecken. Mit einem Fernglas und vielleicht auch einer Bestimmungshilfe, wie beispielsweise der NABU-App „Vogelwelt“, wird jede Runde ein ganz besonderes Erlebnis.

Über Karen Heidemann

Karen Heidemann erblickte das Licht der Welt 1963 in Bremen, nach dem Abitur folgten eine Ausbildung zur MTRA und erste Berufsjahre in Bremer Kliniken, 1988 Studium der Biologie in Oldenburg, entdeckte dort ihre Leidenschaft für die Botanik, schloss ein Auslandsstudium in den USA mit Forschungstätigkeit im Yellowstone Nationalpark ein, war nach ihrem Diplom 1995 als Biotopkartiererin in den neuen Bundesländern unterwegs, wechselte 1996 an die Uni Trier als Wissenschaftliche Mitarbeiterin, entdeckte dort im Rahmen einer ehrenamtlichen Vereinstätigkeit ihre zweite Leidenschaft: Umweltbildung. Ging im Jahr 2000 nach Köln, um als Bildungsreferentin / Projektleiterin in der nachuniversitären Weiterbildung Schwerpunkt Medizin tätig zu werden. Nachdem ihre 2 Töchter zwecks Studiums eigene Wege gingen, verwirklichte sie 2023 ihren Traum, auf einer Nordseeinsel zu leben und kam nach Amrum. Dort war sie in den Bereichen Umweltbildung und Schutzgebietsbetreuung am Naturzentrum in Norddorf tätig, 2025 übernahm sie dort die Leitung.

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