Entdecken, knipsen, mitforschen – mit der App ObsIdentify …

Mit einer App wird jeder Naturspaziergang zur Forschungsreise. ObsIdentify erkennt Arten per KI und liefert Daten, die für Wissenschaft und Naturschutz immer wichtiger werden. Auch auf Amrum wird intensiv eine Art gesucht, die seit Jahrzehnten verschollen ist…

Warum jetzt der richtige Moment ist, sich vorzubereiten

Zugegeben – aktuell ist es draußen meist grau und ziemlich tot. Die Tier- und Pflanzenwelt ruht und sammelt Kräfte für den nächsten Frühling. Genau wie wir. Doch was ist schließlich das beste Mittel gegen Winterblues? Sich warme Gedanken machen – und vom nächsten Sommer träumen!

Daher sollten Sie heute schon an übermorgen denken und sich – und vor allem Ihr Smartphone – auf die Sommersaison vorbereiten. Denn wer im nächsten Jahr auf Amrum nicht nur die Natur genauer unter die Lupe nehmen, sondern auch noch einen wissenschaftlichen Beitrag mit seinen Beobachtungen leisten möchte, dem sei die App ObsIdentify ans Herz gelegt. Entwickelt wurde sie von der gemeinnützigen niederländischen Organisation Observation International, deren Aufgabe das weltweite Sammeln, Überprüfen und Teilen von Daten aus Naturbeobachtungen ist.

Was ObsIdentify kann – und wie die KI hilft

Könnte man auch für eine Wespe halten, ist aber die harmlose Späte Großstirnschwebfliege.

Mithilfe künstlicher Intelligenz sagt Ihnen die App, welches Tier, welche Pflanze oder welcher Pilz auf Ihrem Foto zu sehen ist. Dabei können Sie entweder direkt aus der App heraus ein Foto der unbekannten Art machen oder aus Ihren bereits vorhandenen Aufnahmen auswählen. Und das funktioniert bei vielen Arten überraschend gut! Wichtig dabei ist, dass die App auf Ihren Standort zugreifen kann. Nur so kann ObsIdentify einschätzen, wie realistisch die Vermutung ist – damit die App Ihnen keinen Sittich für einen Sanderling vormacht.

Die Nutzung der App ist intuitiv und macht süchtig. Hier ein unbekannter Käfer, dort eine noch unbekanntere Pflanze. Und was brummt da – Hummel, Biene oder eine gut getarnte Schwebfliege?

Der Hype um die verschollene Deichhummel

Die Autorin auf der Pirsch… Auch unter Wasser lassen sich kleine Garnelen, Muscheln oder Schnecken finden und fotografieren.

Im Frühjahr 2024 löste die Suche nach der Deichhummel unter Interessierten einen regelrechten App-Hype aus. Die Art gilt seit 1986 in Schleswig-Holstein als verschollen. Ein Aufruf der Stiftung Naturschutz in Zusammenarbeit mit ObsIdentify sollte Bürgerinnen und Bürger motivieren, das flauschige Tierchen wiederzufinden. „Citizen Science“ nennt sich diese Art der Forschung, bei der aufmerksame Laien mit ihren Beobachtungen die Wissenschaft unterstützen. Bislang wurde die Deichhummel leider nicht gefunden – die Herausforderung bleibt also auch fürs nächste Frühjahr bestehen.

Ein Expert*innennetzwerk, das bis spät in die Nacht arbeitet

Die Raupe vom Schwan, einem schneeweißen Nachtfalter, ist schön anzusehen, aber sehr gefräßig.

Das Tolle an der App ist, dass jede Beobachtung, die Sie hochladen, früher oder später zusätzlich durch Fachleute validiert wird. Das Expert*innennetzwerk von ObsIdentify besteht aus mehr als 1.000 Entomologinnen, Conchologen, Ornithologen, Botanikerinnen, Herpetologen und vielen mehr – klingt fachkundig, und das sind sie auch.

In einschlägigen Kreisen kennt man sich. Die Expertinnen sind jeweils für ein Bundesland oder einen Kreis zuständig. Für manche ist die Validierung der Bilder die reinste Feierabendentspannung. So erzählte mir ein Käferkundler einmal, dass er oft bis spät in die Nacht am Rechner sitzt und die Einschätzungen der KI bestätigt und um weitere Details – wie das Geschlecht des kleinen Krabbeltiers – ergänzt. Weiblicher Heckenkirschen-Prachtkäfer, männlicher Halligfliederspitzmausrüsselkäfer – was man eben so macht an einem Freitagabend. Oder mehreren Abenden. Denn: Der Datensatz von Observation International umfasst mehr als 250 Millionen Beobachtungen und wächst jährlich um 35 Millionen – beigetragen von über 450.000 Nutzerinnen. Genutzt wird dieser enorme Datenreichtum, um die Ausbreitung von Arten und die Auswirkungen des Klimawandels nachzuvollziehen, invasive fremde Arten frühzeitig zu erkennen, Krankheitsüberträger zu überwachen und zugleich die Beteiligung der Öffentlichkeit zu stärken.

Mitmachen ist einfach – und macht überraschend viel Spaß

Im Hauptmenü der App kann man sehen, wie viele Beobachtungen man bereits erfasst hat und Eine praktische Gesamtübersicht zeigt alle Beobachtungen, die man mit der App je gemacht hat.

Also: Schnappen Sie sich Ihr Smartphone, installieren Sie ObsIdentify und dann nichts wie raus in die Natur! Damit müssen Sie auch nicht bis zum Frühjahr warten. Auch im Winter lassen sich spannende Naturbeobachtungen machen – selbst wenn es nur angespülte Muschelschalen und Schneckenhäuser sind, die Sie identifizieren lassen (ja, auch das kann die App!). Werden Sie Teil der Forschung und motivieren Sie Freunde und Familie: Denn je mehr Menschen auf Pirsch gehen, desto wahrscheinlicher wird es, auch verborgene Arten wie die Deichhummel in unserem Land wiederzuentdecken.

Über Nina Löschner

Nina Löschner kam 1989 kurz vor dem Mauerfall in Ost-Berlin zur Welt. Aufgewachsen auf dem Brandenburger Land zog es sie nach der Schule zurück in die Hauptstadt. In Berlin studierte sie Kunstgeschichte und Englisch, arbeite anschließend im Projektmanagement eines Auktionshauses und schließlich sieben Jahre lang als Redakteurin für Funk und Fernsehen. 2022 nahm sie sich eine berufliche Auszeit und absolvierte einen Freiwilligendienst im Naturschutz auf Amrum. Doch die Insel ließ sie nicht mehr los - und so brach sie alle Zelte in der Hauptstadt ab. Heute arbeitet Nina als Leiterin der Schutzstation Wattenmeer in Wittdün.

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