Von der Wissenschaft hin zur „Magie des Staunens“ …

Theresia Graws Roman folgt einer außergewöhnlichen Wissenschaftlerin – und stellt große Fragen zu Mensch und Natur. Warum diese Geschichte gerade jetzt so wichtig ist… 

Die perfekte Zeit für ein besonderes Buch

Wer die Natur mag, wird sie noch mehr lieben lernen – und wer sie nicht leiden kann, wird sie mindestens mögen lernen!  

Die Tage sind kalt, meist nass und dunkel – also die perfekte Zeit, um endlich mal wieder so richtig in einem Buch zu versinken. Was bietet sich dafür besser an als ein „Ich-möchte-ihn-bis-zur-letzten-Seite-nicht-mehr-weglegen“-Roman? Beim Lesen werden Sie sich freuen, dass es draußen ungemütlich ist und Sie mit gutem Gewissen eine Seite nach der anderen umblättern und völlig in der Geschichte versinken können. Ich übernehme allerdings keine Haftung dafür, wenn lieber gelesen statt gearbeitet wird! Lesen auf eigene Gefahr, sozusagen.

Rachel Carson – eine Pionierin gegen den Strom

Winterzeit ist Lesezeit – schnappen Sie sich dieses wunderbare Buch und machen Sie es sich gemütlich.

Theresia Graw bringt mit “In uns der Ozean” nicht nur einen Roman in die Lesewelt – vielmehr ist es eine Hommage an die amerikanische Meeresbiologin Rachel Carson, die sich vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Pionierin der Umweltbewegung hervortat. Der Roman nimmt uns mit auf Carsons Lebensweg. Wir werden Teil ihres Kampfes um Anerkennung in einer männerdominierten Wissenschaftswelt, fiebern mit bei ihrem Wunsch, die Menschen für die Natur zu sensibilisieren, und verfolgen ihre Arbeit im Zusammenhang mit dem lange verwendeten Insektizid DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan). Nachdem sie ihren Weg in der Wissenschaft nicht weiter vorantreiben konnte, beginnt Rachel mit dem Schreiben. Mit ihren Büchern begeistert sie Hunderttausende Menschen und bringt ihnen die Natur auf eine höchst poetische Art und Weise näher. Mit Silent Spring (Der stumme Frühling) veröffentlichte sie ein Buch, das die Naturschutzbewegung gegen DDT maßgeblich beeinflusste. Wie es dazu kam und welche Hindernisse sich ihr stellten, wird im Roman In uns der Ozean neben weiteren Etappen ihres Lebens thematisiert.

Nature Writing und die Verletzlichkeit der Erde

In und vor uns der Ozean – Theresia Graws Roman passt perfekt zur Insel.

Graw tritt dabei in die Fußstapfen Rachel Carsons, indem sie sich ebenfalls des „Nature Writing“ bedient und uns die Schönheit, Besonderheit und Verletzlichkeit der Natur direkt vor Augen führt. Dabei wird unsere Rolle als Menschen auf der Erde noch einmal ganz neu verdeutlicht.

„Die vergangenen Jahrzehnte sind nur ein Wimpernschlag in der Erdgeschichte, und trotzdem hat der Mensch innerhalb dieser Zeit so viel Macht über die Natur erhalten wie kein Geschöpf zuvor.“ (S. 82)

Ein Wimpernschlag in der Erdgeschichte

Wenn ich Ihnen sage: Unsere Erde ist vor etwa 4,6 Milliarden Jahren entstanden, vor 65 Millionen Jahren sind die Dinosaurier ausgestorben, und vor ungefähr 600.000 Jahren finden wir die ersten Nachweise für Menschen nördlich der Alpen – den Homo erectus heidelbergensis –, kann sich wohl kaum jemand etwas unter diesen enormen Zeitspannen vorstellen. Zu dieser Erkenntnis sind auch Wissenschaftler:innen gekommen und haben die geologische Zeitskala auf ein Kalenderjahr umgerechnet. Also: Am 1. Januar um 0 Uhr entsteht die Erde. Dann vergeht sehr viel Zeit, und erst am 26. Dezember sterben die Dinosaurier aus. In diesen elf Monaten und 26 Tagen bilden sich Gesteine, die Photosynthese entwickelt sich und schafft die Grundlage für Leben. Die Menschen besiedeln die Erde erst am 31. Dezember um 22:52 Uhr. Die industrielle Revolution scheint ebenfalls schon eine kleine Ewigkeit her zu sein – in dieser Rechnung der Erdgeschichte ist bis heute jedoch gerade einmal eine Sekunde vergangen.

Warum dieser Roman nachhallt

In uns der Ozean” von Theresia Graw ist eine Hommage an die amerikanische Meeresbiologin Rachel Carson, eine Vorreiterin der Umweltbewegung.

Mit “In uns der Ozean” können wir erforschen, wo wir herkommen und welchen Teil dieses sensiblen Systems wir als Menschen einnehmen. Wir können mit diesem Roman wieder lernen zu staunen, zu schauen und zu erleben.

„Das reine Staunen über die Natur, ohne den Drang, sie zu erklären, zu benennen oder zu analysieren. Einfach nur da sein, sich als Teil dieses Universums zu begreifen – ohne Fragen, ohne Antworten.“ (S. 209)

Theresia Graw schafft es dabei ebenso wie Rachel Carson selbst, mit äußerster Präzision und Poesie über die Natur zu schreiben, sodass schnell der Wunsch entsteht, selbst die Gischt der Wellen im Gesicht zu spüren oder dem Ruf der Walddrosseln zu lauschen.

Ich möchte sogar so weit gehen zu sagen, dass dieser Roman unsere Sicht auf die Umwelt, uns Menschen und die Wissenschaft verändern kann. Ich denke, Sie merken es schon: Es ist eine absolute Leseempfehlung von mir. Und das nicht nur für Menschen, die die Natur bereits lieben, sondern auch für jene, die lernen wollen, sie zu lieben. Vielleicht geht es Ihnen nach dem Lesen ebenso, dass Sie den Frühling hören wollen und es kaum erwarten können, bis die Natur wortwörtlich erwacht – und dass Sie spüren, welch ein Geschenk es ist, Teil dessen zu sein. Unsere Aufgabe ist es nun wohl, uns darauf einzulassen, zuzuhören, zu erleben, zu genießen und zu schützen.

In uns der Ozean, Theresia Graw, List Hardcover

ISBN: 978-3-471-36080-4, 22,99 €

Melina Goller für Amrum-News

Über Gastautor

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