Totgeglaubte leben länger. Zehn Jahre nach ihrem Comeback gehört die Amrumer Volkshochschule zu den erfolgreichsten Volkshochschulen im Kreis Nordfriesland. Sie ist stolz auf ihre thematische Vielfalt und finanzielle Unabhängigkeit. Dass die Wiederbelebung der Volkshochschule gelang, ist ein Segen für die Insel und dem ehrenamtlichen Einsatz engagierten Amrumer Bürgerinnen und Bürger zu danken, allen voran Gabriele und Matthias Theis. Amrum News sprach mit ihnen über das gelungene Comeback vor zehn Jahren.
2015 stand die VHS auf Amrum nach geraumer Zeit des Stillstands kurz vor dem Aus. Das Interesse an der Volkshochschule war seit Jahren rückläufig, der Vorstand amtsmüde, und die langjährige Vorsitzende Claudia Mößmer musste aus gesundheitlichen Gründen kürzertreten. Doch die Beteiligung an der Mitgliederversammlung im Juni war so gering, dass kein neuer Vorstand gewählt werden konnte. In einem Akt der Verzweiflung wurde die Versammlung im August wiederholt und in den regionalen Medien für eine Teilnahme geworben.
„Von 40 Mitgliedern kamen vielleicht vier oder fünf Leutchen“, erinnert sich Gaby Theis an die Versammlung, auf die sie durch die Anzeige im Inselboten aufmerksam geworden waren. „Man kann doch aber eine Volkshochschule nicht einstampfen, nur weil sie erfolglos scheint und nichts mehr passiert“, ist das Ehepaar Theis bis heute überzeugt.
„Du brauchst Dir keine Sorgen zu machen, Claudia, wir übernehmen das“, versicherte Gaby der erkrankten Vorsitzenden. Und so wurde Gabys Mann Matthias zum neuen Vorsitzenden und sie als Schriftführerin gewählt. Joachim Libner, der nach schwerer Krankheit leider 2019 verstorben ist, übernahm das Amt des Stellvertreters, und Schatzmeisterin Viola Mau machte bis 2021 weiter. Damit war der Verein juristisch gerettet, aber die richtig große Arbeit stand noch bevor. Es stellte sich nämlich heraus, dass von den angeblich 40 Mitgliedern ein Viertel bereits ausgetreten und ein weiteres Viertel inzwischen verstorben waren, so dass der Verein nur noch aus 20 zahlenden Mitgliedern bestand. Welch‘ eine Herausforderung!
Totgeglaubte leben länger
Der neue Vorstand nahm die Herausforderung an: Mitglieder werben, Kursleiter gewinnen, ein attraktives Angebot auf die Beine stellen und selbst Kurse geben! Zunächst entwarf man mit Bordmitteln ein kleines Übergangsprogramm für 2015/16 und ging damit an die Öffentlichkeit, so dass die ersten Kurse schon im Oktober beginnen konnten. Ein Rundschreiben wurde gedruckt und an alle Haushalte geschickt. „Wer etwas kann und Lust drauf hat, es anderen zu vermitteln, darf sich gern bei Familie Theis melden“, hieß es dann auch auf Amrum News und im Inselboten. Bereits im März hatte sich die Mitgliederzahl verdoppelt.
Im Herbst 2016 erschien das erste richtige Programmheft und wird seither Jahr für Jahr in den gut frequentierten Geschäften und Institutionen der Insel ausgelegt. Mit interessanten Leuten und spannenden Angeboten ging es aufwärts. Eingeschlafene Traditionen wie die Friesisch-Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene oder die stets ausgebuchten Fernreisen wurden erfolgreich wiederbelebt, aber auch ganz neue Kurse, Vorträge und Veranstaltungen wie die „Junge Volkshochschule“, „Deutsch als Fremdsprache“ oder die Naturschutzreihe in Zusammenarbeit mit dem Öömrang Ferian eingerichtet. Manche Kurse, wie das Trommeln mit Dr. Bernhard Wirth, waren so beliebt, dass der Kursleiter gleich noch einen zusätzlichen Kurs anbot, damit alle Interessierten mit trommeln konnten.
„Uns sind ja keine Grenzen gesetzt“, sagten sich die Eheleute Theis. „Auf der Insel schlummern viele Talente, von denen die Volkshochschule profitieren kann“, waren sich die Beiden sicher und behielten recht. Immer wieder gelang und gelingt es dem Verein, im neuen Programm eine bunte Themen-Mischung anzubieten und durch eine Atmosphäre fröhlicher Geselligkeit den Amrumer:innen die Angst zu nehmen, Neues zu erlernen und sich womöglich dabei unter Freunden oder „Fremden“ zu blamieren, so dass die Teilnehmerzahlen wieder stiegen. Alteingesessene und zugezogene Amrumer:innen und sogar mancher Stammgast nehmen an Kursen, Exkursionen und Vorträgen teil, lernen heimische oder neue Sprachen, verreisen zusammen, tanzen, musizieren, malen, handarbeiten, joggen oder dinieren gemeinsam am Strand, gründen im Rahmen der VHS eine neue Spiele-Runde oder einen Buch-Club – um nur einige Beispiele zu nennen. Gemeinsam lernen und zusammen etwas erleben macht einfach Spaß, egal in welchem Alter!
Aus eigener Erfahrung kann ich das bestätigen. Vor genau zehn Jahren habe ich durch die reaktivierte Volkshochschule drei neue Freundinnen auf Amrum kennengelernt. Im Januar 2016 schrieb ich in meinen ersten Artikel für Amrum News über den gut besuchten Anfängerkurs „Öömrang“. Ohne die VHS könnte ich weder Friesisch verstehen noch Doppelkopf spielen. Ich hätte wohl nie ganz in Weiß am Nebeler Strand diniert oder den Mut gefunden, als kunsthistorische Laiin Inselführungen auf den Spuren der Klassischen Moderne anzubieten.
Auf Erfolgskurs
Jahr für Jahr stellt die kleine Amrumer Volkshochschule aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln ein interessantes, immer vielseitiger werdendes Programm auf die Beine, das maßgeblich zur Integration und zum insularen Zusammenhalt beiträgt. Inzwischen hat die Amrumer VHS rund 120 Mitglieder und gehört zu den erfolgreichsten der kleinen Volkshochschulen im Kreis Nordfriesland, obwohl sie von den drei Kommunen auf Amrum oder dem Amt auf Föhr keine Fördermittel erhält. Sie ist ein eingetragener Verein und zu Recht stolz auf ihre finanzielle, organisatorische und damit auch politische Unabhängigkeit.
Nachdem Heiko Werlich, wie ihm als Schulleiter der Öömrang Skuul auferlegt worden war, 1977 die Amrumer Volkshochschule gegründet und die Leitung im Dezember 1979 an seinen Stellvertreter Wolfgang Piek übergeben hatte, leitete dieser sie 19 Jahre lang, bevor er den Vorsitz an Claudia Mößmer (heute Böge) abgab, die das Amt dann 17 Jahre lang innehatte.
„Solange wir fit sind und Freude daran haben, und auch Erfolg, machen wir‘s weiter“, sagen Gaby und Matthias Theis anlässlich ihres zehnjährigen Jubiläums, aber man müsse auch vorausschauen und die Nachfolge regeln. „Es ist ein Glücksfall, dass wir Ute Feddersen-Hansen als stellvertretende Vorsitzende gewinnen konnten“, betont der VHS-Vorsitzende, der sie als designierte Nachfolgerin peu à peu einarbeitet. Ohne Man- und Woman-Power habe eine kleine Volkshochschule wenig Chancen zu überleben.
Alle sechs Monate kommen die schleswig-holsteinischen Volkshochschulen auf Kreisebene zusammen, um sich unter einander auszutauschen. „Ihr müsst die Menschen aus ihren Mauselöchern holen, aus der Einsamkeit heraus. Damit sie lernen sich weiterzubilden und fit bleiben für die Zukunft,“ rät Matthias Theis den Volkshochschulen im Land, die sich schwer tun in diesen veränderten Zeiten. Das ist immer wieder eine Herausforderung, auch auf einer kleinen Insel wie Amrum.
Die aktuellen Kurse der Amrumer Volkshochschule findet Ihr im Programmheft für 2025/26 oder auf der Internetseite unter: www.vhs-amrum.de
AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum

