Interessant ist es, sich denselben Ort im Verlauf eines Jahres anzusehen, um die unterschiedlichen Jahreszeiten zur Geltung kommen zu lassen. Hierzu muss der Betrachter und Fotograf sich gut merken, von welchem Standort aus und mit welcher Perspektive er sein Bild machen möchte. Das ist gar nicht so einfach, will man dies in freier Natur tun, denn die verändert sich ja im Laufe eines Jahres gewaltig. Einfacher ist es mit Gebäuden, wie hier, mit einem reetgedeckten Wohnhaus, bei dem die sich stetig verändernde Natur gleich mitgeliefert wird.
Das in diesem Artikel vorgestellten Objekt ist ein für Nebel typisches Reetdachhaus, das von alteingesessenen Amrumern bewohnt wird. Es wurde 1990 errichtet, ist also kein historisches Gebäude, wurde jedoch vom damaligen Amrumer Architekten Theo Kölzow im Stil eines traditionellen Friesenhauses, wie es ursprünglich sowohl als Wohn- als auch Arbeitsraum gedient hat, konzipiert. Bei vielen Hausbesitzern war und ist es üblich, ihr Reetdachhaus mit den Initialen der Erbauer und der Jahreszahl des Baujahres mit gusseisernen Zeichen zu verzieren.

Klassischerweise setzt bei einem Friesenhaus der Giebel direkt oberhalb der Haustüre an. Die Giebel werden über der Tür angelegt, damit bei einem Feuer das brennende Reet des Daches nicht vor die Haustür, sondern rechts und links davon fällt. Somit bleibt ein Rettungsweg frei. Bei einem sogenannten “Kapitänshaus“ kann der Giebel hingegen auch mittigem Abstand zur Haustüre hervorragen, was baulich natürlich kostspieliger ist und in früheren Zeiten nur von gutverdienenden Kapitänen finanzierbar war.
Die traditionelle Reetdachdeckung gilt als eine der ältesten Handwerkstechniken beim Hausbau und ist seit 2014 sogar als immaterielles Kulturerbe von der UNESCO anerkannt. Die ersten nachgewiesenen Reetdächer (Pfahlbauten am Bodensee) gab es bereits um 4000 v. Chr. Als Dachmaterial wird getrocknetes Schilfrohr (Reet, Ried oder Rohr genannt) verwendet. Dies stand in früheren Zeiten bei vielen Siedlungsbereichen reichlich zur Verfügung. Heute gibt es in Deutschland mit seinen geschätzten 50.000 Reetdächern kaum mehr für eine Dachkonstruktion geeignetes Schilf. Die rund 300 deutschen Reetdachdeckereien müssen das Material zumeist aus Rumänien, Ungarn, der Ukraine oder sogar aus China beziehen.
Bei der Dachkonstruktion wird eine Neigung von 45° angestrebt, so können Wassertropfen von Halm zu Halm gleiten und nur die oberste Schicht der Dachdeckung wird durchfeuchtet. Regenrinnen wird man bei Reetdächern vergebens suchen. Damit das ablaufende Wasser nicht ins Mauerwerk eindringen kann, haben die Häuser einen großen Dachüberstand (auch Traufüberstand genannt). So tropft das Wasser in einem ausreichenden Abstand in ein Kiesbett oder wird durch eine Rinne abgeführt.
Der Blick auf das hier vorgestellte Haus eignet sich gut für die Darstellung der vier Jahreszeiten. Man beachte die sich im Jahresverlauf verändernde Farben- und Blütenpracht des liebevoll gepflegten Gartens und des Friesenwalls.
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