Amrumer Kontraste 04 – Ackerbau auf der Geest …

Auch auf der Insel Amrum wird Landwirtschaft betrieben und werden Felder bestellt. Nun könnte man meinen, dass eine Bilderserie über Ackerbau nichts Besonderes darstellt – solche Fotos könnten schließlich überall auf der Welt entstehen. Es gibt jedoch auf unserer Insel ganz typische Stellen, die mit keinem anderen Ort vergleichbar sind.

So ist das vom Süddorfer Hof Martinen bewirtschaftete Feld oberhalb des Wurftaubenstandes am Ual Aanj auf der Gemarkung „Stiandösk“ wohl einmalig. Es kann durchaus als Alleinstellungsmerkmal bezeichnet werden: Vom Geestrücken aus blickt man in nordöstlicher Richtung über den Wurftaubenstand hinweg auf das Wattenmeer bis hinüber zur Insel Föhr. Betrachtet man hier die Feldbearbeitung und das Wachstum der Aussaat über zwei Jahre hinweg, gewinnt man einen guten Eindruck von der differenzierten landwirtschaftlichen Nutzung und den unterschiedlichen Erscheinungsformen des Feldes. Im Verlauf dieser zwei Jahre wachsen Mais, Hafer und eine Zwischensaat heran. Die geernteten Maiskörner werden auf dem Hof Martinen getrocknet und anschließend zum allergrößten Teil zur Tierfutterproduktion ans Festland gebracht. Aus dem Ernteertrag des Hafers wird zur Hälfte Silage produziert, die als Futtermittel für die eigenen Tiere dient; die andere Hälfte wird nach Dänemark verkauft und dort zu Haferflocken verarbeitet.

Der Hof Martinen mit dem „Jungbauern“ Oke Martinen ist der letzte landwirtschaftliche Betrieb auf Amrum, der großflächigen Ackerbau betreibt. Noch um 1900 hatte die Landwirtschaft auf Amrum große Bedeutung; sie war neben Seefahrt und Fischfang eine der Haupterwerbsquellen der Insel. Dutzende, zumeist kleine Parzellenbetriebe dienten allerdings hauptsächlich der Selbstversorgung. Mit der Zunahme des Fremdenverkehrs als Einnahmequelle sank die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe stetig; um 1980 gab es keine zehn Landwirte mehr auf Amrum.

Nur wenige andere betreiben heute neben der Familie Martinen noch Landwirtschaft. In Wittdün gibt es mit Cornelius Hinrichs einen Gemüsebauern, der in mehreren Gewächshäusern saisonal seine Pflanzen heranzieht. Außerhalb der Gemüsesaison arbeitet er in seinem erlernten Beruf als Zimmermann und baut oder erneuert beispielsweise die Amrumer Bohlenwege. In Norddorf sind es Bauer Schult, der mit seiner Familie neben der Ferienwohnungsvermietung Rinderzucht und Milchkuhhaltung betreibt sowie Hühnereier und Gemüse aus eigener Produktion verkauft, und Thorsten Andresen vom Pony-Reiterhof Andresen, der neben seiner Tätigkeit als Bäcker eine kleine Rinderherde hält.

So ist der Hof Martinen einer der letzten Betriebe auf der Insel, der ausschließlich von der Landwirtschaft lebt – oder besser gesagt: um sein Überleben kämpft. Letztlich ist auch dieser Hof allein mit Viehzucht und Ackerbau wirtschaftlich kaum noch tragfähig. Nur durch zusätzliche Einnahmequellen kann der Familienbetrieb erhalten bleiben. Dazu zählen die Vermarktung hofeigener Produkte im „Hofladen“, der Verkauf entsprechender Speisen im mobilen „Futtertrog“, die Produktion von Hühnereiern im „Hühnermobil“, die Aufzucht von Leicoma Schwein, die Zusammenarbeit mit Naturschutzorganisationen der Insel durch die Haltung von Galloway Rind zur Dünenpflege, ein kleiner Weinanbau sowie Informationsveranstaltungen wie Hoffeste oder der „Tag des Bauernhofes“. Dennoch hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, dass all dies allein nicht mehr ausreicht. Inzwischen werden auch Ferienwohnungen vermietet. Ein geerbtes Haus wurde mit viel Eigenleistung zu mehreren Dauerwohnungen für Insulaner umgebaut. Okes Mutter Birgit arbeitet zusätzlich in Teilzeit in ihrem Beruf als Physiotherapeutin. Zudem werden die betriebseigenen Fahrzeuge und Gerätschaften für Transportzwecke, Baumfällarbeiten oder Baumaßnahmen eingesetzt.

Eines der größten Probleme für die Landwirtschaft auf Amrum ist – wie in vielen anderen Küstenregionen Norddeutschlands – der sogenannte Gänsefraß. Die Insel ist, nicht zuletzt aufgrund ihrer Lage im Nationalpark Wattenmeer, ein bedeutender Rastplatz im Durchzugsgebiet für Millionen von Zugvögeln auf ihrem Weg im Frühjahr zu den nördlichen Brutgebieten beziehungsweise im Herbst zu den südlichen Winterquartieren. Bedingt durch den Klimawandel, steigende Temperaturen und ein nahezu ganzjähriges Futterangebot sind viele dieser Rastvögel mittlerweile sesshaft geworden und halten sich dauerhaft auf Amrum auf, wo sie sich zunehmend vermehren. Insbesondere Grau-, Ringel- und Nonnengänse sind ganzjährig in großen Scharen anzutreffen. In jüngerer Zeit werden zudem vermehrt Nilgänse gesichtet, die ursprünglich aus Afrika stammen. Diese ganzjährige Massenvermehrung hat existenzbedrohende Auswirkungen auf landwirtschaftliche Betriebe. Gänse fressen Grünflächen nahezu kahl, sodass Rinder, Kühe und Pferde auf den Weiden kaum noch Nahrung finden. Auch Felder mit Kulturpflanzen wie Roggen werden häufig bereits in frühen Keimphasen stark geschädigt, sodass die Ernteerträge in den vergangenen Jahren massiv zurückgingen.

Der Hof Martinen versuchte bereits vor Jahren, den Ernteausfall zu kompensieren, indem statt der üblichen Getreidearten Mais ausgesät wurde, da dieser später keimt und wächst, wenn die Zugvögel normalerweise bereits weitergezogen sind. Doch inzwischen bleiben viele Gänse dauerhaft auf der Insel und verursachen auch hier erhebliche Schäden. Und selbst wenn die Keimlinge verschont bleiben, werden später die reifenden Maiskolben – vor allem von Krähen – abgefressen.

Ein weiteres gravierendes Problem ist die starke Verunreinigung der Grün- und Ackerflächen. Eine erwachsene Graugans frisst bis zu einem Kilogramm frisches Grünfutter täglich. Davon werden nur etwa 20 Prozent verwertet; bis zu zwei Kilogramm Kot wird in rund 150 Portionen pro Tag ausgeschieden. Der Kot enthält große Mengen Stickstoff, der in der Umwelt zu Nitrat umgewandelt wird. Dies führt zu einer Überdüngung und Belastung der Böden. Zudem gelangt Nitrat insbesondere nach Regenfällen ins Grundwasser und in Oberflächengewässer, wo es durch verstärkte Algenbildung die Ökosysteme schädigt. Zählungen und Hochrechnungen zufolge sind auf Amrum mittlerweile bis zu 20.000 Gänse sesshaft, die täglich rund 20 Tonnen Grünmasse vertilgen. Mit dieser Menge könnte der Hof Martinen seinen Betrieb mehr als zwei Wochen lang versorgen. Besonders Pferdehalter müssen große Mengen Futtermittel zukaufen, die mit hohen Frachtkosten verbunden sind.

Der Hof Martinen geht einen anderen Weg: Um die Tiere ausreichend mit Futter von den eigenen Flächen versorgen zu können, wurde der Bestand an Mastrindern drastisch reduziert. Standen vor einigen Jahren noch über 130 Tiere im Stall oder auf den Weiden, sind es heute nur noch rund 70. Gleichzeitig mussten die Grünfutterflächen von 15 auf 25 Hektar erweitert werden – zulasten von Ackerflächen für die Getreideproduktion.

Vor zwanzig Jahren wurden im Winter lediglich rund 1.500 Gänse gezählt. Zwar gibt es Ausgleichszahlungen aus verschiedenen Entschädigungsfonds, doch deren Beantragung ist mit hohen bürokratischen Hürden verbunden. Immerhin wurde im vergangenen Jahr der Fonds des Landwirtschaftsministeriums von 350.000 auf 1,2 Millionen Euro erhöht. In den Augen der Landwirte löst dies jedoch nicht das Grundproblem, da der große Gänsebestand bestehen bleibt und voraussichtlich weiter anwachsen wird.

Lösungsvorschläge wie Vergrämung oder Bejagung sind umstritten, stehen die Wildgänse – ebenso wie die sich zunehmend auf Amrum ausbreitenden Krähen – doch unter Naturschutz und dürfen nur mit Sondergenehmigungen vergrämt oder bejagt werden.

Anm.:

„Leicoma-Schweine“ sind eine seltene, stark gefährdete Schweinerasse, die aus verschiedenen Rassen in der ehemaligen DDR gezüchtet wurde. Der Name erinnert an die Hauptzuchtbetriebe in den ehemaligen Bezirken LEIpzig, COttbus und MAgdeburg. Ein Schweinezüchter aus Sachsen-Anhalt hat mehrere Tiere nach Amrum gebracht. Damit besteht auf dem Hof Martinen quasi ein gesicherter Genpool, sollte seine Zucht krankheitsbedingt einmal ausfallen.

„Galloway-Rinder“ stammen ursprünglich aus Schottland. Sie sind sehr widerstandsfähig und kommen mit Wind, Kälte und kargen Weideflächen gut zurecht und sind daher zur Pflege der Amrumer Dünenlandschaft geeignet.

Über Peter Totzauer

Dr. med. Peter Totzauer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Anästhesie, Notfallmedizin, Spezielle Schmerztherapie, geb. 1954 in Fürth/Bay., hat, bedingt durch den Beruf des Vaters, als Kind u.a. 4 ½ Jahre in Frankreich gelebt. Abitur 1974 in Köln, Studium der Humanmedizin an der Universität Bonn. War seit 1982 ärztlich tätig, davon viele Jahre als Oberarzt in der Anästhesie und als Leitender Notarzt in Euskirchen. War 2007 für ein halbes Jahr im Rahmen einer „Auszeit“ vom Klinikalltag bei seiner Lebensgefährtin und mittlerweile Ehefrau Claudia auf Amrum. Dies hat ihm so gut gefallen, dass er seit Ende 2008 seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ganz auf die Insel verlegt hat und hier seit 2010 mit in der „Praxis an der Mühle“ gearbeitet hat. In 2024 ist er endgültig in den ärztlichen Ruhestand getreten. Er hat zwei erwachsene Kinder, sein Sohn ist niedergelassener Physiotherapeut in Neuss, seine Tochter ist Lehrerin an der Öömrang Skuul.

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