Ein Schiff mit weitem Herzen …

Die Geschichte der „Rüm Hart“ – später „Baltica“ (1959–2026)

Wenn Schiffe erzählen könnten, dann hätte die „Baltica“ viel zu berichten. Über stürmische Nordseetage, über sonnige Ausfahrten entlang der Ostseeküste und über Millionen von Passagieren, die auf ihren Decks standen und den Blick über das Meer schweifen ließen. Mehr als sechs Jahrzehnte lang war dieses Schiff ein treuer Begleiter des Küstentourismus – zunächst als „Rüm Hart“ im nordfriesischen Wattenmeer, später als „Baltica“ vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns.

Nun aber endet vorerst die lange Reise dieses maritimen Klassikers. Nach einer Havarie im Frühjahr 2025 wird das Schiff nicht mehr in den regulären Ausflugsverkehr zurückkehren. Die bisherigen Betreiber wollen das Schiff in neue Hände geben. Damit schließt sich ein Kapitel norddeutscher Schifffahrtsgeschichte.


Indienststellung der „Rüm Hart“ am 13. Mai 1959, noch mit schwarzem Rumpf.

Ein Neubau für das Wattenmeer

Die Geschichte beginnt im Jahr 1959 auf der Husumer Schiffswerft. Dort entstand mit der Baunummer 1136 ein neues Motorschiff für die Wyker Dampfschiffs-Reederei Föhr-Amrum (W.D.R.).

Am 10. Januar 1959 wurde der Kiel gelegt, und bereits am 26. März 1959 lief das Schiff vom Stapel. Taufpatin war Christine Lützen, die Frau des damaligen W.D.R.-Geschäftsführers Friedrich Lützen. Nur wenige Wochen später, am 13. Mai 1959, wurde das Schiff nach erfolgreichen Probefahrten abgeliefert.

Föhrer Schülerinnen und Schüler waren auf den Schiffen der W.D.R. unterwegs, um den neuen Dampfer „Rüm Hart“ einzuholen. Ihnen kam ein schwarz-weißes, schnittiges Schiff entgegen an dessen Ruder Kapitän Julius Johannsen stand.

Der Name des Schiffes war bewusst gewählt: „Rüm Hart“, ein friesischer Wahlspruch, der so viel wie „reines, weites Herz“ bedeutet. Kaum ein Name hätte besser zu einem Schiff gepasst, das fortan zwischen den Nordseeinseln unterwegs sein sollte.

Die „Rüm Hart“ war der dritte Neubau der W.D.R. nach dem Zweiten Weltkrieg und zugleich bereits der dritte Auftrag für die Husumer Werft. Dort waren zuvor auch die Schwesterschiffe „Uthlande“ und „Schleswig-Holstein“ gebaut worden. Mit ihren knapp 49 Metern Länge war die „Rüm Hart“ sogar etwas größer als diese.

Anfangs fuhren die „Seebäderschiffe“ noch mit schwarzem Rumpf, Anfang der 1960er-Jahre erstrahlten sie dann komplett in Weiß.


„Rüm Hart“ am 16. Februar 1962 an der noch vorhandenen Brücke Wittdün.

Aufbruchsjahre des Inselverkehrs

Die späten fünfziger und frühen sechziger Jahre waren eine Zeit des Aufschwungs. Der Tourismus an der Nordseeküste nahm stetig zu, und immer mehr Urlauber zog es auf die Inseln Föhr und Amrum.

Die „Rüm Hart“ wurde vor allem im Linienverkehr zwischen Dagebüll, Wyk auf Föhr und Wittdün auf Amrum eingesetzt. Daneben unternahm sie zahlreiche Ausflugsfahrten – etwa nach Helgoland, Sylt oder zu den Halligen im Wattenmeer.

„Rüm Hart“ im Linienverkehr mit vielen Menschen an der Wittdüner Brücke.

An manchen Sommerwochenenden wurden bereits bis zu tausend Passagiere zu den Inseln befördert. Auch Autos reisten zunehmend mit – allerdings noch auf eine heute fast abenteuerlich anmutende Weise. Fahrzeuge mussten über Bretter auf die Schiffe gefahren werden, die sogenannte „RurüB“-Methode – „rauf und runter über Bretter“.

Dabei kam es gelegentlich zu kuriosen Zwischenfällen. Ein junger Urlauber etwa wollte mit seinem neuen Motorroller besonders schnell auf die „Rüm Hart“ gelangen. Doch auf dem steilen Brettersteg verlor er das Gleichgewicht. Während er sich mit einem beherzten Sprung auf das Schiff retten konnte, verschwand der Roller zwischen Mole und Schiffswand. Die Mannschaft holte ihn schließlich mit einem langen Bootshaken wieder an Bord – tropfnass, aber unversehrt.


„Rüm Hart“ mit weißem Rumpf im Liniendienst.

Butterfahrten und große Ausflüge

Neben dem Inselverkehr war die „Rüm Hart“ auch für längere Ausflugsfahrten im Einsatz. Besonders beliebt waren die sogenannten Butterfahrten nach Helgoland oder nach Dänemark.

Gelegentlich führte das Schiff sogar Reisen nach Schweden durch. Auch andere Reedereien griffen zeitweise auf die Dienste der „Rüm Hart“ zurück. So fuhr sie Anfang der 1970er-Jahre im Charterverkehr von Büsum nach Helgoland und später im Auftrag der HADAG von Cuxhaven aus.

Doch mit der Zeit veränderte sich der Inselverkehr. Moderne Roll-on-Roll-off-Fähren übernahmen zunehmend den Transport von Autos und Passagieren. Für klassische Ausflugsschiffe wie die „Rüm Hart“ begann damit eine neue Phase.


„Rüm Hart“ kommt von Helgoland (Flagge) zurück.

Abschied von der Nordsee

Nach mehr als zwei Jahrzehnten im Dienst der W.D.R. wurde das Schiff im Mai 1982 verkauft. Die Reederei ersetzte es durch ein jüngeres Schiff gleichen Namens.

Der neue Besitzer war Rolf Böttcher aus Neustadt in Holstein, der das Schiff in „Baltica“ umbenannte. Damit begann ein neues Kapitel – diesmal in der Ostsee.

Nach einem Konkurs des Eigentümers übernahm 1983 die Flensburger Förde Schifffahrtsgesellschaft das Schiff und vercharterte es an die Seetouristik Kappeln. Von nun an war die „Baltica“ vor allem auf Ausflugsfahrten zwischen Flensburg, Kollund, Gråsten und Kappeln unterwegs.

Mehrfach wechselten in den folgenden Jahren die Betreiber, doch das Schiff blieb ein vertrauter Anblick in den Gewässern der Ostsee.


Drei Jahrzehnte Ostseetourismus

Seit 1999 war die „Baltica“ im Ausflugsverkehr von Rostock und Warnemünde aus im Einsatz. Heimathafen wurde Lübeck, während die Fahrten vor allem entlang der mecklenburgischen Küste stattfanden.

Über 30 Jahre lang gehörte das Schiff zum festen Bild an der Ostsee. Besonders beliebt waren:

  • Hafenrundfahrten in Rostock

  • Küstenausflüge entlang der Ostseebäder

  • Fahrten zwischen Kühlungsborn und Graal-Müritz

In dieser Zeit wurden rund zwei Millionen Passagiere befördert und etwa eine Million Seemeilen zurückgelegt.

Für die Eigner Melanie und Achim Krüger war das Schiff über Jahrzehnte ein wichtiger Bestandteil des regionalen Tourismus. Viele Gäste verbanden persönliche Erinnerungen mit den Ausfahrten auf der „Baltica“.


Die Havarie von Kühlungsborn

Am 7. April 2025 kam es kurz nach der Abfahrt von der Seebrücke Kühlungsborn zu einer schweren Havarie.

Ein Propeller und eine Antriebswelle gingen verloren, wodurch im Heck ein Leck entstand. Wasser drang in das Schiff ein, und die Lage wurde kritisch. Die Besatzung reagierte jedoch schnell und steuerte das Schiff zurück zur Seebrücke.

Dort gelang es der Feuerwehr, das eingedrungene Wasser abzupumpen und das Leck provisorisch abzudichten. Anschließend wurde die „Baltica“ in den Rostocker Hafen gebracht.


Überraschendes Aus für MS „Baltica“.

Ein Abschied nach über sechs Jahrzehnten

Zunächst bestand noch Hoffnung, das Schiff zu reparieren. Doch die Kosten erwiesen sich als zu hoch. Im Frühjahr 2026 fiel schließlich die Entscheidung, die „Baltica“ nicht wieder in den Ausflugsverkehr zurückkehren zu lassen.

Stattdessen soll das Schiff in neue Hände übergehen. Denkbar wäre etwa eine Nutzung als Restaurantschiff oder als festliegendes maritimes Denkmal. Der Stahlrumpf gilt weiterhin als sehr solide – ein Zeichen für die robuste Bauweise der fünfziger Jahre.

Viele Stammgäste reagieren mit Bedauern auf diese Nachricht. Über Jahrzehnte hinweg war die „Baltica“ ein vertrauter Anblick an der Ostseeküste.


Ein Stück Küstengeschichte

Von den Inseln der Nordsee bis zu den Ostseebädern Mecklenburgs – die „Rüm Hart“, später „Baltica“, hat mehr als sechs Jahrzehnte deutscher Küstenschifffahrt erlebt.

Millionen Menschen haben auf ihren Decks gestanden, den Wind gespürt und den Horizont betrachtet. Für viele war sie ein fester Bestandteil ihrer Urlaubserinnerungen.

Vielleicht findet sich eines Tages ein neuer Besitzer, der diesem Schiff ein weiteres Kapitel schenkt.

Denn eines ist sicher: Ein Schiff mit einem so weiten Herzen gehört noch lange nicht zum alten Eisen.

Über Gerd Arnold

Gerd Arnold, 1957 in Nebel auf Amrum geboren. Ein „echter“ Amrumer mit der friesischen Sprache (öömrang) aufgewachsen. Bis 1972 die Schule in Nebel besucht, danach Elektroinstallateur in Wittdün gelernt. 1976/77 in Wuppertal den Realschulabschluss nachgeholt. Ab Oktober 1977 als Berufssoldat bei der Bundesluftwaffe und seit November 2010 Pensionär. Nach vielen Jahren der verzweifelten Suche nach passenden „bezahlbaren“ Wohnraum auf Amrum endlich fündig geworden, seit Februar 2022 wieder ständig auf Amrum. 2019 ins Team der Amrum News integriert, aber das soll neben dem Angeln nicht die einzige Aktivität auf der Insel bleiben.

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