Wein statt Warenkorb: Ein Abend im Supermarkt …

Ein Supermarkt ohne Kassenbetrieb – dafür mit vollen Gläsern. Letzten Samstag verwandelte sich der Edeka Wittdün in eine gut besuchte Weinbar. Und der Abend endet später, als viele erwartet hätten …

Ein seltener Anblick: Das Kassenband als Garderobe.

Zwischen Regalen und Erinnerungen

Hatten Sie auch diesen Wunschtraum in der Kindheit, eine Nacht im Spielwarenladen vergessen zu werden und mit allem spielen zu dürfen, was in den Regalen steht? Daran erinnerte ich mich, als ich vergangenen Samstag bei der Weinverkostung im Wittdüner Zentralmarkt saß. Zwischen Pralinen und Pasteten, zwischen Chips und Shiraz – alle Verlockungen zum Greifen nah. Die Kassen außer Betrieb – sie dienen heute Abend als Garderobe. Fleece-Pulli auf Fließband.

ur Begrüßung gabs Grauburgunder – und eine kleine Ansprache von Heiko Müller vom Getränkekasten aus.

Ein Dankeschön mit edlen Tropfen

Bereits zum sechsten Mal lud Betreiber Heiko Müller ab 19 Uhr zur Weinverkostung ein – und gut 50 Gäste waren dieser Einladung gefolgt. Eine ordentliche Zahl – mehr als die Jahre zuvor, stellte der Veranstalter freudig fest. Es sei vor allem ein Dankeschön für seine Kunden, sagt Müller. Und: “Hauptsache wir trinken heute Abend Weine, die man nicht einfach so jeden Abend trinkt.”

Beste Stimmung: Bis spät in die Nacht probierten sich einige Gäste durchs Sortiment.

30 Weine und ein Kasten als Bühne

Nachdem alle Gäste eingetrudelt und mit einem Glas Grauburgunder in der Gemüseabteilung stehen, steigt Heiko Müller für die offizielle Begrüßung standesgemäß auf einen Getränkekasten, damit ihn alle sehen können. Insgesamt 30 Top-Weine aus Deutschland und Österreich, Italien, Frankreich, Spanien und Südafrika stehen an diesem Abend zur Verkostung – Weißweine, Rotweine, ein Rosé- und ein Dessertwein. Darunter sind auch viele Bioweine. Besonders gefreut hat Müller sich auf eine Sechs-Jahrgänge-Vertikalverkostung des Großen-Gewächs-Rieslings „Birkweiler Kastanienbusch“ von Rebholz aus der Pfalz. Allerdings gibt er zu, ein wenig enttäuscht zu sein. “Vor allem der 2016er hat sich nicht so richtig entfaltet.” Von den Rotweinen hingegen ist der Veranstalter umso begeisterter: “Die Roten sind richtig gut – also wenn davon jemand eine Flasche mitnimmt, bin ich zufrieden”. Allzu viele Worte will Heiko Müller ansonsten nicht verlieren: “Es soll kein Seminar werden, sondern einfach ein lustiger Abend.” Weinfachmann Günther Kroiss stand natürlich trotzdem gerne beratend zur Seite.

Weinfachmann Günther Kroiss (rechts) beriet gerne zu jedem einzelnen Wein.

Neues Konzept: Freie Wahl am Weintresen

“Früher wurde Wein nach Wein durchprobiert und zu jedem einzelnen etwas erzählt. Bei der Menge an Sorten war man allerdings bis Mitternacht gerade mal bei der Hälfte – und die Gäste schon längst betrunken.”, erzählt ein Gast schmunzelnd. Kein Wunder also, dass sich das neue Konzept durchgesetzt hat: man trinkt, worauf man Lust hat. Und wer mehr zu den Weinen wissen will, fragt die Experten. Dazu liegen überall Listen samt Preis aus, auf denen man sich seine Favoriten auch markieren und kommentieren kann. Sehr praktisch. Am langen Weintresen kann man dann genüsslich alles durchprobieren. Während einige Gäste besonders am Rosé vom Weingut Château Miraval interessiert sind, das bis 2021 Angelina Jolie gehörte, gilt meine Aufmerksamkeit natürlich dem teuersten Wein des Abends: dem Côte-Rôtie Les Pierrelles 2016, einem Syrah aus der nördlichen Rhône, 18 Monate im Barrique gereift. Kostenpunkt: Knapp 90 Euro die Flasche. So eine Gelegenheit bietet sich nicht oft. Und was soll ich sagen: Von den Rotweinen, die ich an dem Abend probiert habe, ist es wirklich der beste!

Ein üppiges Buffet, das sogar Vegetarier und Veganer glücklich machte.

Genuss geht auch durch den Magen

Und da Alkohol bekanntermaßen appetitanregend wirkt, ist selbstverständlich auch für ein üppiges Abendessen gesorgt. Vor der Frischetheke ist ein Buffet zur Selbstbedienung aufgebaut: Salate, Käse, Obst, Räucherfisch und Roastbeef, Quiche, Auflauf und Antipasti und einiges mehr. Selbst an Veganer wurde mit Falafel und Co. gedacht. Später werden noch Pralinen auf den Tafeln verteilt. So lässt es sich einige Stunden aushalten.

Offizielles Ende ist Mitternacht, so hatte es Heiko Müller eingangs angekündigt. Allerdings: “Das haben wir noch nie geschafft”, räumt er augenzwinkernd ein. Kurz gesagt: das wird auch an diesem Abend nichts. Auf Nachfrage am nächsten Tag erfahre ich: Um halb fünf Uhr morgens war Schluss. Halleluja! Da haben sich einige offensichtlich an Müllers Wunsch gehalten – Hauptsache, es wird ein lustiger Abend!

Über Nina Löschner

Nina Löschner kam 1989 kurz vor dem Mauerfall in Ost-Berlin zur Welt. Aufgewachsen auf dem Brandenburger Land zog es sie nach der Schule zurück in die Hauptstadt. In Berlin studierte sie Kunstgeschichte und Englisch, arbeite anschließend im Projektmanagement eines Auktionshauses und schließlich sieben Jahre lang als Redakteurin für Funk und Fernsehen. 2022 nahm sie sich eine berufliche Auszeit und absolvierte einen Freiwilligendienst im Naturschutz auf Amrum. Doch die Insel ließ sie nicht mehr los - und so brach sie alle Zelte in der Hauptstadt ab. Heute arbeitet Nina als Leiterin der Schutzstation Wattenmeer in Wittdün.

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