Amrum auf dem Weg zur Energie-Unabhängigkeit … ?

Die Nordseeinsel denkt neu: Strom soll künftig von der eigenen Insel kommen.
Steigende Preise und unsichere Versorgung treiben die Pläne voran.

In sonniger Lage mit idealer Neigung – der Norddorfer Teerdeich

Strom aus dem Wattenmeer

Amrum ist bislang auf eine einzige Lebensader angewiesen: ein 4,5 Kilometer langes Seekabel, das die Insel mit Strom von Föhr versorgt. Es liegt rund zwei Meter tief im Wattenmeerboden zwischen Utersum und Norddorf – und ist den Kräften der Natur ausgesetzt.

Strömungen verändern ständig den Meeresboden. Immer wieder muss überprüft werden, ob das Kabel freigelegt wurde. In strengen Wintern kam es auch schon zu Schäden durch Eisschollen. Die Folge: Stromausfälle, die die Insel tagelang lahmlegten.

Wenn Krisen den Preis bestimmen

Doch nicht nur Naturgewalten machen die Versorgung unsicher. Globale Krisen wirken sich direkt auf die Energiepreise aus. Die Corona-Pandemie ließ die Kosten steigen, ebenso wie aktuelle internationale Konflikte.

Für die Inselbewohner bedeutet das: steigende Stromrechnungen und wachsende Abhängigkeit von Entwicklungen, die sie nicht beeinflussen können.

Klimaziele im Blick

Gleichzeitig wächst der Druck, klimafreundlicher zu werden. Deutschland will seine Treibhausgasemissionen bis 2030 deutlich senken. Vor allem in Norddeutschland spielt Windenergie dabei eine zentrale Rolle.

Vor Amrum zeigt der Offshore-Windpark Amrumbank bereits, was möglich ist: 80 Anlagen versorgen rechnerisch Hunderttausende Haushalte mit Strom. Doch auf der Insel selbst sind Windräder keine Option.

Die Idee: Solarstrom für die ganze Insel

Die Gemeinden auf Amrum denken deshalb um. Ihr Ziel: vollständige Stromautarkie. Künftig soll der Bedarf durch eigene Photovoltaikanlagen gedeckt werden – ergänzt durch leistungsfähige Batteriespeicher.

Der Bedarf ist überschaubar, aber nicht gering. Rund 2.300 Einwohner verbrauchen zusammen mehrere Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr. Hinzu kommen Tausende Urlauber. Insgesamt liegt der jährliche Bedarf bei etwa sechs Gigawattstunden. Um diesen Bedarf mit Photovoltaik zu decken, braucht es etwa 30.000 Quadratmeter Fläche – für eine Insel mit sensibler Natur keine triviale Frage.

Der Deich mit simulierten Photovoltaik-Modulen

Ein Deich als Kraftwerk

Die entscheidende Frage lautet: Wohin mit den Solaranlagen? Die Antwort könnte überraschend einfach sein – und zugleich innovativ.

Im Blick steht der Norddorfer Teerdeich. Mit seiner Länge von rund 1,8 Kilometern bietet er auf der Landseite genügend Fläche für Photovoltaikmodule. Ergänzt durch Speicher in der nahegelegenen Marsch könnte so ein autarkes Energiesystem entstehen.

Ein Konzept mit doppeltem Nutzen: Küstenschutz und Energiegewinnung in einem.

Hohe Kosten, große Chancen

Noch ist das Projekt Zukunftsmusik. Die Umsetzung würde erhebliche Investitionen erfordern. Doch langfristig könnte sich der Aufwand lohnen.

Bei aktuellen Strompreisen ließen sich jährlich Einsparungen in Millionenhöhe erzielen. Gleichzeitig würde die Insel unabhängiger – von Märkten, Krisen und anfälliger Infrastruktur.

Die Versorgungsbetriebe Amrum wurden bereits mit einer Machbarkeitsstudie beauftragt. Auch Gespräche mit dem Küstenschutz laufen.

Ob der Plan aufgeht, ist offen. Klar ist jedoch: Amrum sucht nach einem Weg in eine neue, autarke Energiezukunft – und der könnte direkt vor der Haustür beginnen.

 

Über Ralf Hoffmann

Ralf Hoffmann wurde 1955 in Schleswig geboren und zog mit seinen Eltern und Geschwistern 1962 nach Amrum. Nach dem Abitur in Niebüll studierte Ralf Luft und Raumfahrttechnik in Berlin. Die ersten 6 Berufsjahre verbrachte er als Entwicklungsingenieur bei VW und danach wechselte er als Aerodynamischer Entwicklungsingenieur zu Ford nach Köln. Als Leiter der Aerodynamischen Entwicklung für Ford Europa und die letzten 15 Jahre als Manager Aerodynamik und Motor- und Komponentenkühlung war er weltweit verantwortlich und viel unterwegs, um die jeweiligen Prototypen unter Hitze und Kälte zu testen. Nach all den Jahren auf dem Festland sind Ralf und seine Frau Karin nun wieder nach Amrum zurückgekehrt.

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3 comments

  1. Eine zukunftsweisende und nachhaltige Idee!

    Ich würde vorschlagen, zusätzlich noch alle vier Seiten der “alten Post” in Wittdün ebenfalls mit PV-Anlagen auszustatten. Dies würde die Statik verbessern und man könnte von früh bis spät und sogar bei schweren Sturmfluten, wenn der Teerdeich in Norddorf überspült wird, noch Energie gewinnen – von den optischen Vorteilen gegenüber der jetzigen Situation mal ganz zu schweigen 🙂

  2. Wieder eine nette Idee zum ersten April und gut überlegt, Kompliment an das Team Amrum News! Wird aber nicht realisierbar sein angesichts der Lage des Teerdeichs im Landschaftsschutzgebiet und an der direkten Grenze zum Nationalpark Wattenmeer…..

  3. Immer im Frühjahr, wenn der trübe und vielleicht auch trübsinnige Winter vorbei ist, und die Tatkraft wieder frisch erwacht, erfahren wir von kühnen, ideenreichen Vorhaben wie: Amrum, die rauchfreie Gesundheitsinsel, – endlich der Flugplatz auf Amrum, den die Nachbarinseln schon längst haben, – Abriss des uralten „Hauses des Gastes“ in Nebel und dessen Ersatz durch einen hypermodernen Flachdachbau, – vollelektrische S-Bahn zwischen Norddorf und Wittdün, – der Deich durchs Watt als Fahrstraße zwischen Föhr und Amrum und noch vieles mehr.

    Aber was ist aus all diesen wegweisenden Ideen denn geworden? Kein Flugplatz, keine S-Bahn,
    keine absolute Nichtraucherinsel, keine Straße nach Föhr. Und ich fürchte, mit der Photovoltaik auf dem Norddorfer Teerdeich wird’s auch wieder nichts, obwohl dieser Plan doch richtig super ist und leicht umzusetzen wäre. Lieber Amrumer, packt eure tollen Ideen mutig an, verwirklicht sie! Auf geht’s!

    walter axmann

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