Wo tausende Vögel Kräfte sammeln: Die Kniepbucht im Frühling …

Der Frühling zählt zu den eindrucksvollsten Zeiten für den Vogelzug an der Nordseeküste – und kaum ein Ort macht dieses Naturschauspiel so erlebbar wie die Kniepbucht im Süden Amrums. Zwischen Stränden, Salzwiesen und Dünen entsteht hier jedes Jahr eine Bühne, auf der sich tausende Zugvögel sammeln, rasten und weiterziehen.

Hunderte Knutts (Calidris canutus) landen in der Kniepbucht. Der Großteil trägt bereits sein oranges Prachtkleid. © Sven Sturm

Ein Hotspot des Vogelzugs

Mit den ersten milden Tagen kehren viele Vogelarten aus ihren Winterquartieren in Afrika und Südeuropa zurück. Der Kniephaken im Süden Amrums gehört zu den wichtigsten Rastplätzen im Wattenmeer. Die Lage zwischen Watt und offener Nordsee bietet für die Vögel ideale Bedingungen: reichlich Nahrung im Watt, sichere Ruhebereiche und gute Sicht, um Gefahren früh zu erkennen.

Spektakuläre Schwärme

Derzeit sind große Schwärme von Watvögeln zu beobachten. Alpenstrandläufer ziehen in dichten Formationen über die Kniepbucht, ihre Bewegungen wirken nahezu choreografiert. Tausende Vögel bilden fließende, sich ständig verändernde Muster mit schnellen Richtungswechseln. Dieses Schwarmverhalten dient dem Schutz – das Risiko für den einzelnen Vogel erbeutet zu werden, sinkt deutlich.

Zwei Pfuhlschnepfen (Limosa lapponica) im orangeroten Prachtkleid stochern mit ihren langen Schnäbeln nach Nahrung im Spülsaum. © Sven Sturm

Am vergangenen Sonntag waren es insbesondere Pfuhlschnepfen, die zahlreiche Beobachter:innen anzogen. Rund 800 Tiere rasteten abseits der Kniepbucht am Steenodder Kliff, viele davon bereits im leuchtend orangeroten Prachtkleid. Dazwischen hielten sich auch kleinere Arten wie Knutts und Steinwälzer auf, die sich beim Auffliegen unauffällig in die Bewegungsmuster der Pfuhlschnepfen einfügten.

„Was für ein Schauspiel! Die Vogelwelt auf Amrum ist fantastisch“, schwärmt eine Urlauberin aus der Schweiz. „Deswegen reise ich hierher. Es ist nicht nur beeindruckend, die Vögel zu beobachten. Ich möchte auch viel über die ganze Natur von Amrum erfahren, damit ich mein Wissen an meine Enkel weitergeben kann“.

Leben im Rhythmus der Gezeiten

Zeitgleich ruhten etwa 700 Pfuhlschnepfen am äußersten Ende des Kniephakens. Wer ein gutes Fernglas dabei hatte, konnte von der Wandelbahn aus gut erkennen: Inmitten des Schwarms langbeiniger Schnepfen schliefen etwa 100 kurzbeinige Knutts.

Die Vögel folgen keinem festen Tag-Nacht-Rhythmus, sondern orientieren sich an Ebbe und Flut: Bei Niedrigwasser suchen sie im Watt nach Nahrung, bei Hochwasser ziehen sie sich auf Salzwiesen, Strände oder in die Dünen zurück. Ruhige, störungsarme Bereiche sind dabei überlebenswichtig.

Auf dem Kniephaken lassen sich von der Wandelbahn aus gut die großen Vogelschwärme beobachten. Links sitzt dicht gedrängt ein großer Schwarm Pfuhlschnepfen. Rechts ruhen etwas zerstreuter Austernfischer.

Der Knutt – Langstreckenflieger mit Strategie

Der Knutt gehört zu den am besten erforschten Zugvögeln. Er überwintert in Westafrika und zieht mit Zwischenstopp in Europa bis in seine arktischen Brutgebiete. Das Wattenmeer ist dabei seine zentrale „Tankstelle“.

Innerhalb von nur drei bis vier Wochen kann der etwa amselgroße Vogel sein Körpergewicht von rund 120 Gramm mehr als verdoppeln. Zur Hauptnahrung zählen winzige Wattschnecken, die er im Ganzen verschluckt und im Muskelmagen zerdrückt – bis zu 700 Stück in nur 15 Minuten.

Vor dem Weiterflug passt sich sein Körper an die Extremleistung an: Nicht benötigte Organe werden verkleinert, während die Flugmuskulatur zunimmt. So gelingt der Nonstop-Flug in die Arktis.

Die kleinen Zwergseeschwalben (Sternula albifrons) sind gut an ihrem gelben Schnabel mit schwarzer Spitze und dem weißen Stirnfleck zu erkennen. Während der Balz werden häufig kleine Fische dem Partner als Hochzeitsgeschenke überreicht. © Sven Sturm

Seeschwalben – Rekordhalter der Lüfte

Auch Seeschwalbenarten lassen sich von der Wandelbahn aus gut beobachten, darunter Fluss-, Küsten-, Brand- und Zwergseeschwalben sowie gelegentlich die seltene Trauerseeschwalbe. Seeschwalben unterscheiden sich von Möwen durch ihren schlanken Körperbau, schmale Flügel und den deutlich gegabelten Schwanz – letzterer gab ihnen ihren Namen See-Schwalben.

Besonders bemerkenswert ist die Küstenseeschwalbe: Sie kann jährlich bis zu 90.000 Kilometer zwischen Arktis und Antarktis zurücklegen. Über ihre Lebensdauer summiert sich das auf mehrere Millionen Kilometer – eine Strecke, die etwa 50 Erdumrundungen entspricht.

Auf Amrum brütet vor allem die in Deutschland vom Aussterben bedrohte Zwergseeschwalbe. Im vergangenen Sommer wurden 102 Brutpaare auf dem Kniephaken gezählt – die einzige große Brutkolonie im gesamten östlichen Wattenmeer.

Informationsschilder an allen Abgängen der Wandelbahn zeigen die Wegführung durch die Kniepbucht bis zum seeseitigen Strand.

Rücksicht schützt die Vogelwelt

Die ausgedehnten Wattflächen bieten reichlich Nahrung, zugleich sind die Vögel auf ruhige Rückzugsorte angewiesen. Als eines der wichtigsten Rastgebiete der Region gehört der Kniephaken zum europäischen Vogelschutzgebiet und sollte zum Schutz der Vögel ganzjährig nicht betreten werden.

Eine Pfahlreihe von der Kniepbucht bis zur Seeseite des Kniephakens hilft Besucher:innen bei der Orientierung durch das weitläufige Gebiet. Da die Pfähle aufgrund der Hochwasserereignisse seewärts nicht bis zur Wasserkante reichen, werden sie gelegentlich umgangen – dabei kann man unbeabsichtigt in sensible Bereiche gelangen. Ein Blick auf den Verlauf der Pfähle hilft, auf dem vorgesehenen Weg zu bleiben.

Auch für Kitesurfer gilt: Bitte Abstand halten – eine Bojenkette markiert die entsprechende Grenze.

Der Frühjahrszug auf Amrum zeigt, wie wichtig geeignete Lebensräume für Zugvögel sind – und wie eng Naturerlebnis und Schutz zusammenhängen.

Über Karen Heidemann

Karen Heidemann erblickte das Licht der Welt 1963 in Bremen, nach dem Abitur folgten eine Ausbildung zur MTRA und erste Berufsjahre in Bremer Kliniken, 1988 Studium der Biologie in Oldenburg, entdeckte dort ihre Leidenschaft für die Botanik, schloss ein Auslandsstudium in den USA mit Forschungstätigkeit im Yellowstone Nationalpark ein, war nach ihrem Diplom 1995 als Biotopkartiererin in den neuen Bundesländern unterwegs, wechselte 1996 an die Uni Trier als Wissenschaftliche Mitarbeiterin, entdeckte dort im Rahmen einer ehrenamtlichen Vereinstätigkeit ihre zweite Leidenschaft: Umweltbildung. Ging im Jahr 2000 nach Köln, um als Bildungsreferentin / Projektleiterin in der nachuniversitären Weiterbildung Schwerpunkt Medizin tätig zu werden. Nachdem ihre 2 Töchter zwecks Studiums eigene Wege gingen, verwirklichte sie 2023 ihren Traum, auf einer Nordseeinsel zu leben und kam nach Amrum. Dort war sie in den Bereichen Umweltbildung und Schutzgebietsbetreuung am Naturzentrum in Norddorf tätig, 2025 übernahm sie dort die Leitung.

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