Eine Kapelle, zwei Künstler, unzählige Rollen. Ein ungewöhnlicher Abend verbindet Literatur, Musik und Malerei zu einer intensiven Erfahrung. Was dabei entsteht, ist mehr als eine Lesung – und bleibt lange im Kopf.

Volle Kapelle, große Neugier
“Heute ist ganz schön voll – das ist toll!”, stellte Stephan Möller-Titel unbewusst gereimt zu Beginn der Veranstaltung fest. Rund 100 Gäste hatten sich am Samstagabend zu einer ganz besonderen Lesung in der Kapelle in Wittdün eingefunden. Damit war auch wirklich jeder Sitz- und sogar Stehplatz besetzt. Was sie an diesem Abend konkret erwartete, wussten sicher die wenigsten. Umso größer war die Überraschung.
Eine Bühne voller Möglichkeiten
Die Schauspieler und Musiker Jochen Klüßendorf und Stephan Möller-Titel präsentierten eine Art multimediale Lesung, die sie bereits 2023 beim Festival “Hamburg liest verbrannte Bücher” uraufgeführt hatten. Der Wittdüner Altarraum war übersät mit Instrumenten – Gitarren, Cello, Banjo, Schlagzeug, Mundharmonika, dazu Mikrofone und Verstärker. Ein ganzes Orchester für zwei Personen! Mittig noch ein kleiner Tisch mit großer Sanduhr und Schiffsglocke. Eine große Leinwand verdeckte den Altar. Ein imposantes Ensemble für zwei Personen.

Ein fast vergessenes Buch
Zur Eröffnung des Abends spielten beide eine eigene Interpretation des Sechziger-Jahre-Klassikers “Seemann, deine Heimat ist das Meer”. Anschließend tat Klüßendorf einen Schlag auf die Glocke und drehte die Sanduhr um, “damit sie die Zeit im Auge behielten”. Doch worum ging es nun eigentlich? In Vorbereitung auf das Festival vor drei Jahren waren sie auf der Suche nach einem passenden Text. Bei der Recherche stießen sie auf “Das Vaterland” von Heinz Liepmann, ein Exilroman von 1933, der aufgrund der Bücherverbrennung nur noch antiquarisch erhältlich war. Die beiden entdeckten das Potenzial dieses Textes und entwickelten eine noch nie dagewesene Neuinterpretation des Buchs – eine Lesung mit Musik und Videodokumentation einer Sofortmalerei-Performance. “Wem das alles zu viel wird, der kann sich ja einfach die Augen zuhalten,” schlägt Klüßendorf vor. “Oder die Ohren!”, ergänzt Möller-Titel scherzhaft.
Der Roman, der laut Liepmann selbst eher ein Pamphlet sein soll, thematisiert die gesellschaftlichen Umbrüche, die die Machtübernahme der Nationalsozialisten von heute auf morgen mit sich gebracht haben. Ende März 1933 läuft der Dampfer Kulm nach drei Monaten auf See wieder in Hamburg ein. Doch die Heimat, in die die Besatzung zurückkehrt, ist kaum wiederzuerkennen: Die Nationalsozialisten haben die Macht übernommen und bestimmen das Land mit Gewalt und Willkür. Die Männer an Bord, geprägt von unterschiedlichen sozialen Hintergründen und Weltanschauungen, sehen sich plötzlich mit einer neuen, bedrohlichen Realität konfrontiert. Während politische Spannungen wachsen und persönliche Konflikte aufbrechen, beginnt für jeden Einzelnen ein Ringen um Orientierung, Zugehörigkeit und das nackte Überleben in einer zunehmend gnadenlosen Gesellschaft.
Zwischen Ernst und Leichtigkeit
Ein ernstes und beklemmendes Thema, doch Jochen Klüßendorf und Stephan Möller-Titel schaffen es, mit ihrer Interpretation dem Ganzen auch etwas von der Schwere zu nehmen. Sie lesen mit wechselnden Rollen und geben jedem Charakter eine ganz eigene Persönlichkeit. Da ist der Kapitän, der mit tiefem, rasselnden Bass laut durch das Kirchenschiff donnert. Dann gibt es den jungen Matrosen Hannes, der mit schneller, hoher Stimme in herrlichem Berliner Dialekt daherredet. Oder Arthur, der Jude, der sich gutmütig und sanft eher im Hintergrund hält. Für einen Charakter namens “Guschi” haben die beiden Darsteller sich einen besonders unterhaltsamen Kniff einfallen lassen: Seine Passagen lesen sie mit einer Walnuss “in der Gusche”. Klar.
Kunst entsteht im Moment
Die ganze Zeit, während Klüßendorf und Möller-Titel lesen – oder vielmehr: darstellen, aufführen, interpretieren – sieht man auf der Leinwand hinter ihnen den Künstlern Matthias Kulcke und Jan Helbig (sofortmalerei.de) beim Malen zu. Inspiriert vom Text und zeitlich exakt auf die Dauer der Lesung abgestimmt, bringen die beiden Bildkünstler gemeinsam abstrakte Formen und Farbflächen auf eine meterhohe Leinwand. Nichts Gegenständliches – und dennoch hat man als Zuschauer den Eindruck, erst ein Schiff zu erkennen. Später, als die “Kulm” in den Hamburger Hafen einläuft, meint man die charakteristischen Containerbrücken auszumachen. Noch später, als im Roman die ersten Begegnungen mit den Nazis und den neuen Restriktionen thematisiert werden, erscheinen dann schwarze, bedrohlich wirkende Rabenvögel. Bei einem Lied über Hoffnung und Freundschaft werden dunkle Flächen kurzzeitig wieder mit Rosa übermalt.

Ein Abend, der nachwirkt
Der ganze Abend ist ein Kunstwerk: Die Malerei im Hintergrund. Die Musik, fast alles selbstgeschriebene Songs, die perfekt auf den Inhalt der Textpassagen abgestimmt sind. Die ganze Lesung – ein hochprofessionelles Live-Hörspiel, mit noch mehr Charakteren als Instrumenten auf der Bühne. Eine meisterliche Darbietung, die Jochen Klüßendorf und Stephan Möller-Titel höchste Konzentration abgerungen haben dürfte – wovon das Publikum jedoch nichts merkt.
Nach anderthalb Stunden ein letzter Schlag auf die Schiffsglocke. Ein Dank an die Eltern für die Sanduhr und mehrere Danksagungen an weitere Beteiligte und Unterstützer. Der Abend war – drei Jahre nach der Uraufführung – eine erneute Premiere, denn die beiden treten in den kommenden Tagen noch in Hamburg, Lübeck und Kiel auf. Wer die Möglichkeit hat oder jemanden in diesem Raum kennt, sollte die Chance unbedingt ergreifen, dieser eindrucksvollen Performance beizuwohnen. Für alle anderen zum Schluss die vielleicht erfreuliche Alternative: Damals, 2023 auf dem Hamburger Festival, war der Verleger Günther Butkus im Publikum. Ihm und seiner Überzeugung vom Wert des Textes ist es zu verdanken, dass “Das Vaterland” von Heinz Liepmann nun neu aufgelegt und so wieder für ein breites Publikum zugänglich gemacht wurde.
AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum

