Amrumer Kontraste 07 – Blick aus dem Küchenfenster

In diesem Teil der Serie „Amrumer Kontraste“ geht es etwas persönlicher zu. Hier werden die unterschiedlichen Eindrücke beim Blick aus dem Küchenfenster des Autors präsentiert. Er kann von hier aus über den Gemeindeparkplatz Nebel, über die reetgedeckten Häuser zwischen Lungjaat und Mühlenhügel auf das Wattenmeer sehen und, wenn es die Sichtverhältnisse zulassen, bis auf die Nachbarinsel Föhr. Dorthin fällt der Blick in nordöstlicher Richtung auf den Bereich in etwa zwischen Goting, Nieblum und den Südstrand von Wyk.

Es ist schon ein etwas privilegierter Umstand, täglich einen derartigen Ausblick genießen zu dürfen. Zudem ergibt sich hier die Möglichkeit, jederzeit einen aktuellen Wetterstand auszumachen: Scheint die Sonne, regnet es oder hat es gar geschneit? Wie sind die Sichtverhältnisse – ist es Tag oder Nacht, ist Föhr zu sehen oder verhindert Nebel den Blick dorthin? Wie stark weht der Wind – flattert die Amrum-Fahne oder hängt sie bei Flaute schlaff herab? Auch die Windrichtung lässt sich hier rasch ausmachen. Zudem ist, wenn sich die Blickrichtung gen Südosten ändert, auch die Nebeler Mühle zu sehen, an deren Flügelstand eindeutig erkannt werden kann, woher der Wind weht.

Viele Amrumer kennen den Spruch: „Was ist das Schönste von Föhr? – Der Blick dorthin.“ Das ist zwar ein bisschen gemein, spiegelt jedoch die Hassliebe zwischen den beiden Schwesterinseln wider. Föhr und Amrum sind zu einem Amt, eben dem Amt Föhr-Amrum, zusammengefasst. Das war nicht immer so. Im Jahr 1948 wurde das ursprüngliche Amt Amrum gebildet, das zum 1. Januar 2007 mit dem Amt Föhr-Land und der Stadt Wyk auf Föhr zum heutigen Amt fusionierte. Viele Amrumer beklagten damals eine Aufgabe von Selbstbestimmungsmöglichkeiten, und möglicherweise spiegelt sich dies auch in einem gewissen Konkurrenzdenken zwischen den beiden Inseln wider. Dabei sind Föhr und Amrum in ihrer Struktur und vor allem im Landschaftsbild völlig unterschiedlich. Föhr ist eher rund, mit noch viel Landwirtschaft und einem eher ruhigen Publikum. Amrum wird von den Föhrern auch als „hörnchenförmiger Sandhaufen“ bezeichnet. Die Insel ist rau und hat mit ihrer Dünenlandschaft und dem riesigen Kniepsand ein beeindruckendes Naturerlebnis zu bieten. Amrum wird auch als die „Geliebte des Blanken Hans“ bezeichnet; das Wetter zwingt Gäste wie Insulaner häufig zum Tragen sogenannter Funktionskleidung.

Die beiden Inseln waren aber schon immer eng miteinander verbunden. In früheren Zeiten sind die Föhrer Landwirte mit Pferdekutschen bei Niedrigwasser durch das Watt nach Amrum gekommen, um hier ihre Waren zu verkaufen. Heute sind es die Fähren der Wyker Dampfschiffs-Reederei, die die Last- und Lieferwagen transportieren. Und für die Amrumer bedeutet es immer, den Weg über Föhr nehmen zu müssen, wenn sie auf das Festland oder zurück wollen. Es sei denn, sie fahren mit einer der wenigen sogenannten „Direktfähren“. Der schon in früherer Zeit und auch heute noch andauernde enge Kontakt zwischen Föhr und Amrum spiegelt sich auch in der Sprache wider. Das Inselfriesisch ähnelt sich auf Föhr und Amrum sehr. Auf Amrum wird „Öömrang“ gesprochen, auf Föhr „Fering“. Die beiden friesisch sprechenden Gruppen verstehen sich problemlos, auch wenn es einige markante Unterschiede in den Sprachen gibt. Ganz anders ist die Verständlichkeit zu Sylt, wo „Sölring“ gesprochen wird. Die Sylter verstehen die Amrumer und Föhrer nicht – und umgekehrt ebenso wenig. Das liegt wohl daran, dass sich zwischen Sylt und Föhr/Amrum das sogenannte Vortrapptief befindet, ein Wasserlauf der Nordsee, der nie trockenfällt. So konnten die Inselbewohner auch schon in früheren Zeiten nie trockenen Fußes zwischen Sylt und den Nachbarinseln verkehren und mussten daher auf einen engen Kontakt verzichten.

Und so sind sich die Föhrer und Amrumer einig: Es ist der Bezug zu dieser dritten der nordfriesischen Schwesterinseln – Sylt –, mit der man so gar nichts „am Hut haben“ möchte. Sylt ist die Promi- und Schickimicki-Insel, auf der man modisch gekleidet seinen Porsche bewegt. Und Westerland ist, mit Verlaub gesagt, hässlich, wenngleich es auf Sylt durchaus auch äußerst schöne Ecken gibt. Insgesamt kann man sich jedoch an den Ausspruch des Amrumer Heimatforschers Georg Quedens halten: „Wenn man mit dem Zug von Hamburg Richtung Westerland fährt, sieht man am Gepäck und an den Schuhen der Fahrgäste, wer nach Sylt muss und wer nach Amrum darf!“

Was alle drei Inseln verbindet, ist der schwierige Anreiseweg. Die Inseln liegen – auf der Landkarte betrachtet – in Deutschland ganz oben links. Alle sind beliebte Urlaubsziele und in jeder Hinsicht vom Tourismus abhängig. Manch Urlauber aus dem Süden unseres Landes meint, dass die Inseln auf der Anreise kurz hinter Hamburg liegen. Dem ist aber überhaupt nicht so. Von Hamburg aus sind es – wenn man den Elbtunnel hoffentlich problemlos hat durchqueren können – mit dem Auto noch mindestens zweieinhalb Stunden Fahrtzeit bis Niebüll, wo sich dann die Fahrtstrecken teilen: nach Föhr und Amrum links ab nach Dagebüll zu den Fähren bzw. geradeaus zur Verladestation auf den Autozug nach Sylt. Eine Dreiviertelstunde braucht die Fähre nach Föhr und dann noch eine weitere Stunde nach Amrum. Der Autozug nach Sylt benötigt nur etwa 35 Minuten über den Hindenburgdamm bis Westerland.

Bahnreisende sind gegenüber dem Auto nicht wirklich im Vorteil. Mit der Marschbahn zwischen Hamburg-Altona über Heide, Husum und Niebüll nach Westerland braucht man bei reibungslosem Verlauf in etwa dieselbe Zeit, um ans Ziel zu gelangen. Wenn sie denn ohne Probleme fahren kann, denn sie ist wohl Deutschlands unzuverlässigste Bahnverbindung mit vielen Zugausfällen. Es ist also egal, ob man mit dem Zug oder mit dem Auto auf die Inseln anreisen möchte. Man muss immer mit Verzögerungen rechnen und sollte nach Möglichkeit bei seiner Planung für eine Fahrt nach Amrum nie auf die letzte Fährfahrt des Tages setzen. Denn wenn diese nicht erreicht wird, bleibt zumeist nur eine Übernachtung im Strandhotel Dagebüll – wenn dort noch ein Zimmer frei ist. Amrumer, die sich als solche ausweisen können, bekommen hier in diesem Fall übrigens einen „Insulanertarif“.

Über Peter Totzauer

Dr. med. Peter Totzauer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Anästhesie, Notfallmedizin, Spezielle Schmerztherapie, geb. 1954 in Fürth/Bay., hat, bedingt durch den Beruf des Vaters, als Kind u.a. 4 ½ Jahre in Frankreich gelebt. Abitur 1974 in Köln, Studium der Humanmedizin an der Universität Bonn. War seit 1982 ärztlich tätig, davon viele Jahre als Oberarzt in der Anästhesie und als Leitender Notarzt in Euskirchen. War 2007 für ein halbes Jahr im Rahmen einer „Auszeit“ vom Klinikalltag bei seiner Lebensgefährtin und mittlerweile Ehefrau Claudia auf Amrum. Dies hat ihm so gut gefallen, dass er seit Ende 2008 seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ganz auf die Insel verlegt hat und hier seit 2010 mit in der „Praxis an der Mühle“ gearbeitet hat. In 2024 ist er endgültig in den ärztlichen Ruhestand getreten. Er hat zwei erwachsene Kinder, sein Sohn ist niedergelassener Physiotherapeut in Neuss, seine Tochter ist Lehrerin an der Öömrang Skuul.

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