Im Wittdüner Seezeichenhafen bietet sich derzeit ein ungewohntes Bild. Statt des auf Amrum stationierten Seenotrettungskreuzers „ERNST MEIER-HEDDE“ liegen dort vorübergehend andere Schiffe der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Grund dafür ist ein planmäßiger Werftaufenthalt der „ERNST MEIER-HEDDE“, die seit dem 26. Mai bei der Fassmer-Werft in Berne an der Weser überholt wird. Während dieser Zeit sorgt die DGzRS mit Vertretungskreuzern dafür, dass die Einsatzbereitschaft rund um Amrum uneingeschränkt erhalten bleibt. Hinter dem Wechsel am Liegeplatz steckt ein bewährtes System, das seit Jahren dafür sorgt, dass die Seenotretter auch während längerer Werftzeiten jederzeit auslaufen können. Doch diesmal verlief die Vertretung anders als gewohnt. Warum die bekannten Springer nicht zur Verfügung standen und welche besonderen Kreuzer stattdessen nach Amrum kamen, zeigt ein Blick hinter die Kulissen der Seenotretter.
Die „ERNST MEIER-HEDDE“ in der Werft
Eigentlich ist der Seenotrettungskreuzer „ERNST MEIER-HEDDE“ fester Bestandteil des Wittdüner Seezeichenhafens. Seit Ende Mai befindet sich das Schiff jedoch nicht auf seiner angestammten Station. Stattdessen liegt der Kreuzer bei der Fassmer-Werft in Berne an der Weser.
Wie DGzRS-Pressesprecher Ralf Baur erklärte, handelt es sich um einen planmäßigen Werftaufenthalt. Dabei werden verschiedene kleinere Arbeiten am Schiff durchgeführt, die während des laufenden Einsatzbetriebes nicht erledigt werden können. Solche Werftzeiten gehören zum regelmäßigen Betrieb der Seenotrettungskreuzer und dienen dazu, die hohe Einsatzbereitschaft der Flotte dauerhaft sicherzustellen.
Warum keine Springer verfügbar waren
Normalerweise setzt die DGzRS in solchen Fällen sogenannte Springer ein. Dabei handelt es sich um Seenotrettungskreuzer ohne feste Station, die überall dort einspringen, wo andere Einheiten wegen Werftaufenthalten, Generalüberholungen oder Reparaturen ausfallen.
Diese flexibel einsetzbaren Schiffe verfügen über eine eigene Stammbesatzung und werden auf den jeweiligen Stationen zusätzlich von ortskundigen Rettungsleuten unterstützt. Doch diesmal standen die beiden bekannten Springer nicht zur Verfügung.
Nach Angaben der DGzRS war die „HANS HACKMACK“ bereits als Vertretung für die sich in einem längeren Werftaufenthalt befindliche „ANNELIESE KRAMER“ auf der Station Cuxhaven im Einsatz. Gleichzeitig befand sich die „THEO FISCHER“ in einer Werft in Barth. Damit mussten andere Lösungen gefunden werden, um die Einsatzbereitschaft auf Amrum sicherzustellen.

Die Vertreter aus Hooksiel und Bremerhaven
Zunächst übernahm der Seenotrettungskreuzer „BERNHARD GRUBEN“ die Vertretung auf der Insel. Das Schiff ist normalerweise auf der Station Hooksiel beheimatet. Sein Einsatzgebiet reicht von der Jade bei Wilhelmshaven über Mellum, Minsener Oog und Wangerooge bis weit hinaus in die Deutsche Bucht.
Anschließend übernahm die „HERMANN RUDOLF MEYER“ die Aufgabe am Liegeplatz der „ERNST MEIER-HEDDE“. Auch dieses Schiff gehört zur bewährten 23,1-Meter-Klasse der DGzRS.
„Die Vertretungszeit wird jedoch nur von kurzer Dauer sein. Bereits Mitte Juni soll die „ERNST MEIER-HEDDE“ nach Abschluss der Arbeiten wieder auf ihre Station nach Amrum zurückkehren“, so DGzRS-Pressesprecher Ralf Baur.
Die Besonderheiten der 23,1-Meter-Klasse
Die Seenotrettungskreuzer „BERNHARD GRUBEN“, „HERMANN RUDOLF MEYER“, „THEO FISCHER“ und „HANS HACKMACK“ gehören zur 23,1-Meter-Klasse der DGzRS. Diese Schiffe wurden ursprünglich für Einsätze unter besonders schwierigen Bedingungen entwickelt.

Erstmals in der Geschichte der DGzRS erhielten Kreuzer dieser Klasse einen vollständig geschlossenen Aufbau. Hintergrund war die Auslegung für den sogenannten Gasschutzbetrieb, bei dem Einsätze auch in gefährlichen Atmosphären möglich sein sollten.
Für Situationen, in denen die Besatzung auf akustische Wahrnehmungen angewiesen ist, wurde zusätzlich ein Außenfahrstand am Heck eingerichtet. Die besondere Rumpfform sorgt für hohe Stabilität, gute Seeeigenschaften und ausgezeichnete Manövrierfähigkeit. Die Konstruktion basiert auf langjährigen Erfahrungen der DGzRS und der beteiligten Werften.
Wie alle Seenotrettungskreuzer der Gesellschaft bestehen auch diese Einheiten vollständig aus seewasserbeständigem Leichtmetall. Besonders wichtig sind ihre selbstaufrichtenden Eigenschaften, die auch unter extremen Bedingungen ein Höchstmaß an Sicherheit gewährleisten.
Einsatzbereit rund um die Uhr
Zur Stammbesatzung eines Kreuzers dieser Klasse gehören jeweils neun Rettungsmänner. Vier von ihnen befinden sich ständig an Bord und stehen rund um die Uhr für Einsätze bereit.
Die „BERNHARD GRUBEN“ wurde 1997 bei der Schweers-Werft in Bardenfleth gebaut und ist seit 2017 auf der Station Hooksiel stationiert. Ihr Tochterboot trägt den Namen „JOHANN FIDI“. Benannt wurde der Kreuzer nach dem Vormann des Seenotrettungskreuzers „ALFRIED KRUPP“, der am 1. Januar 1995 bei einem Einsatz ums Leben kam. Auf der Station Hooksiel sind neun hauptamtliche Seenotretter sowie rund 15 Freiwillige aktiv. Vormann ist Dirk Hennesen.
Die „HERMANN RUDOLF MEYER“ entstand 1996 ebenfalls bei der Schweers-Werft in Bardenfleth. Seit 2008 liegt sie auf der Station Bremerhaven am Lotsengebäude. Benannt wurde das Schiff nach einem Bremer Verleger und Förderer der DGzRS, dessen Stiftung den Bau ermöglichte. Das Tochterboot „CHRISTIAN“ trägt den Namen seines Enkels. Auf der Station Bremerhaven sorgen neun fest angestellte Seenotretter gemeinsam mit mehr als 30 Freiwilligen für die Einsatzbereitschaft. Vormann ist Timo Wieck.
Mit einer Länge von 23,10 Metern, einer Breite von sechs Metern, einem Tiefgang von 1,60 Metern und einer Leistung von 2.700 PS erreichen die Kreuzer Geschwindigkeiten von bis zu 23 Knoten beziehungsweise rund 43 Stundenkilometern. Damit gehören sie seit Jahrzehnten zu den bewährten Arbeitsschiffen der deutschen Seenotrettung und sorgen auch während Werftzeiten dafür, dass Hilfe auf Nord- und Ostsee jederzeit verfügbar bleibt.
Quelle: DGzRS – Die Seenotretter
AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum


