Frauenpower in der Nebeler Windmühle …

Eine neue Ausstellung bringt frischen Wind in die historische Mühle. Mit Aquarellen, Tuschezeichnungen und Keramikarbeiten zeigen zwei Künstlerinnen ihre Sicht auf die Insel. Wer hinter den Werken steckt, erfahren Sie im Artikel.

Noch bis zum 31.10. sind die Werke von Caroline Flor und Kerstin Friedrichs in der Amrumer Windmühle zu sehen.

“Das ist ein schöner Tag für uns”, eröffnete Kai Quedens, stellvertretender Vorsitzender des Amrumer Mühlenvereins, seine kleine Begrüßungsrede, „und ich freue mich sehr, dass ich dabei sein darf!” Grund seiner Freude war die Vernissage einer neuen Kunstausstellung in der Nebeler Mühle am vergangenen Sonntag. Und neben ihm kamen auch viele weitere interessierte Gäste, die sich in den Bauch des historischen Bauwerks drängten.

Zwei Künstlerinnen, zwei Handschriften

Caroline Flor und Kerstin Friedrichs sind die beiden Künstlerinnen, deren Werke nun bis Ende Oktober in der Mühle besichtigt und erworben werden können. Zu sehen sind dabei rund 50 Werke ganz unterschiedlicher Art: keramische Fliesenarbeiten von Flor, Aquarelle und Tuschezeichnungen von Friedrichs. “Wir müssen der Frauenpower danken, dass wir einen Moment innehalten dürfen und uns an einer erfrischenden Kunst erfreuen dürfen”, fuhr Kai Quedens in seiner Rede fort. Es sei Kunst, die unseren Geist, unsere Seele bewege. “Denn wir brauchen doch geistige Bewegung, weg von der Diktatur des Smartphones als Bild- und Lebensersatz. Weil wir nur auf der Benutzeroberfläche von Bild zu Bild springen, aber nicht innehalten und in die Tiefe gehen. Und mit der Bewegung des Geistes können wir durch nahbare Bilder zu uns finden – und genau diese Bilder hier leisten das mit ihrer Befruchtung”, lobte Quedens die Arbeiten der beiden Frauen.

Präzision bis ins kleinste Detail

Kerstin Friedrichs vor ihrem Werk “Bug”, in das zusätzlicher echter Amrumer Sand eingearbeitet ist.

Kerstin Friedrichs (geb. 1972) studierte Textildesign und arbeitet seit 1996 u.a. als freiberufliche Künstlerin und Designerin in Liebenau, Niedersachsen. Ihre Kunst – Tuschezeichnungen, Aquarelle, Malereien – zeichnet sich durch technische Präzision aus. “Aber auch durch ihre Fähigkeit, subtile Schönheiten des Alltags festzuhalten”, wie Kai Quedens die Arbeiten passend beschreibt. Und genau auf diese Fertigkeit ist der Amrumer Künstler “total neidisch”. “Wie machst du das”, fragt er rhetorisch, „diese Akribie in deiner Kunst?” Da würde er als Maler verrückt werden.

Friedrichs “Blick vom Krabbenkutter auf Steenodde” wird noch während der Vernissage verkauft.

Jeden Grashalm, jede Schraube im Holz der alten Schiffe, ja nahezu jedes Sandkorn meint man in den Bildern von Kerstin Friedrichs wiederzuentdecken. Manche Werke muten fast fotorealistisch an – sehr zur Freude der Besucher, die jedes Motiv mit Begeisterung genau auf der Insel verorten.

Friedrichs wiederum, so sagt sie, beneide Quedens dafür, so frei und wild malen zu können. Dieses Abstrahieren, das liege ihr einfach nicht. Aber das muss es ja auch gar nicht, schließlich mache ja auch die Vielfalt den Reiz der Kunst aus. Und der Erfolg gibt Friedrichs Recht: Zahlreiche Ausstellungen, einige Kunstpreise und zwei veröffentlichte Bücher markierten bereits den künstlerischen Weg Kerstin Friedrichs – auch auf Amrum. Seit 2006 macht sie Urlaub auf der Insel, seit 2010 haben ihre Bilder kaum mehr die Insel verlassen, sondern wechselten von hier nach dort: von der Windmühle, über das Amtsgebäude in Nebel ins Norddorfer Gemeindehaus – und wieder zurück. Viele Jahre lang hing immer irgendwo ein Friedrichssches Original.

Caroline Flor präsentiert stolz ihre keramischen Bildarbeiten.

Keramik mit Amrumer Wurzeln

Die zweite im Bunde der neuen Ausstellung ist die junge Künstlerin Caroline Flor, die in Hamburg Kommunikationsdesign studiert. Obwohl sie selbst nicht auf der Insel lebt, verbindet sie eine lange Familientradition mit Amrum. Seit 1629 der Pastor Martin Flor auf das kleine Eiland kam, ist das Geschlecht der Flors hier nicht mehr wegzudenken. Caroline verbrachte seit ihrer frühen Kindheit nahezu jeden Sommer bei ihrem Großvater auf Amrum. Wie prägend diese Verbindung ist, sieht man ihren Arbeiten an. Es sind rechteckige Keramikfliesen, inspiriert von den alten Delfter Fliesen, die auch Carolines Vorfahren von der Seefahrt mitbrachten, die die Künstlerin jedoch mit modernen Motiven versieht. Auch wieder etwas, auf das Kai Quedens total neidisch ist: “Wie kommt man auf die Idee, Keramikbilder in Form von Frühstücksbrettern zu kreieren?!”, sagt er. “Da schwingt doch etwas mit. Ich meine, Frühstücksbretter! Brotlose Kunst?! Ganz sicher nicht!”, widerspricht Quedens sich sofort selbst. Stattdessen: “Kunst ist geistige Nahrung. Wir brauchen Kunst wie Brot, um zu überleben. Das schwingt da mit!” Und das sehen die Gäste der Vernissage genauso. Nach etwa einer halben Stunde sind bereits die ersten drei Arbeiten verkauft – für jeweils knapp 500 Euro. Caroline kann man indes die Freude und den Stolz über die Möglichkeit der Ausstellung ansehen. Sie strahlt über das ganze Gesicht, ist voller Dankbarkeit. Bereits zweimal war sie beim Rotary Kunstfest in Norddorf dabei und wunderte sich beide Male sehr über den Zuspruch ihrer Werke. Kai Quedens aber kommentiert, dass ihn das überhaupt nicht überrascht habe, schließlich handele es sich um “kleine Kunstwunderwerke”. Technisch sind diese Wunderwerke glasierte und gebrannte Keramikplatten, die anschließend gerahmt werden.

Ein Dia ihrer Großeltern diente Caroline Flor bei diesem Werk als Vorlage.

Die Motive sind hingegen vielfältig: Landschaften, Menschen und Nahaufnahmen, deren Basis eigene Analogfotografien oder Dias aus der großelterlichen Sammlung bilden. “Aktuell mag ich vor allem die modernen Schwarz-Weiß-Motive, wie das Schaf auf dem Deich oder die Portraits von Freunden beim Fotografieren”, sagt Caroline. “Aber auch durch die Dias meiner Großeltern zu wühlen und diese dann mit derselben vergilbten Patina abzumalen, finde ich total spannend.” Seit neuestem experimentiert die Künstlerin auch mit abstrakten Formen. Auf einen Stil festlegen will sie sich nicht. Nur der Fliese als Grundlage bleibt sie vorerst treu.

Caroline Flor bedankt sich auch im Namen von Kerstin Friedrichs bei allen, die diese Ausstellung ermöglicht haben.

Eine Bühne für die Kunst

Am Ende der Begrüßungsrede betonte Kai Quedens noch einmal, dass es seit Anbeginn seiner Mitgliedschaft im Mühlenverein sein Ansinnen war, immer noch ist und auch bleiben wird, Künstler*innen, die von ihrer Kunst leben wollen oder müssen, eine Plattform zu bieten. Und das gelingt dem Verein mit der aktuellen Doppelausstellung nun auch schon zum 65. Mal. Damit das so bleibt, ruft Quedens außerdem alle Besucher*innen auf, ihre Kunstsammlungen tatkräftig zu erweitern. Schließlich finanziert sich der Mühlenverein hauptsächlich durch Spenden und Bilderverkäufe. “Oder, wenn Sie noch kein Sammler sind, werden Sie es!”

Die Möglichkeiten zur Erweiterung Ihrer Sammlung haben Sie noch bis zum 31. Oktober immer zu den Öffnungszeiten der Mühle:
Mo, Di, Mi, Do, Fr, So
10:00 – 13:00 Uhr
Mo, Mi, Do, Fr, Sa, So
14:00 – 17:00 Uhr

Über Nina Löschner

Nina Löschner kam 1989 kurz vor dem Mauerfall in Ost-Berlin zur Welt. Aufgewachsen auf dem Brandenburger Land zog es sie nach der Schule zurück in die Hauptstadt. In Berlin studierte sie Kunstgeschichte und Englisch, arbeite anschließend im Projektmanagement eines Auktionshauses und schließlich sieben Jahre lang als Redakteurin für Funk und Fernsehen. 2022 nahm sie sich eine berufliche Auszeit und absolvierte einen Freiwilligendienst im Naturschutz auf Amrum. Doch die Insel ließ sie nicht mehr los - und so brach sie alle Zelte in der Hauptstadt ab. Heute arbeitet Nina als Leiterin der Schutzstation Wattenmeer in Wittdün.

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