Wenn der Schauspieler zum Geschichtenerzähler wird …

Enno Kalisch ist ein bekanntes Gesicht aus Film, Fernsehen und Theater. Bei seinem Besuch auf Amrum gab er sich allerdings ganz unkompliziert: Er erzählte, sang, improvisierte – und nahm das Publikum mit in seine nordfriesische Heimat. 

Fast zwei Stunden lag zog Enno Kalisch mit Liedern, Texten und Geschichten das Publikum in seinen Bann.

“Ich hab’ Musiktherapie in Heidelberg studiert. Heidelberg! Kein Wind, kein Meer. Du lebst dort quasi nicht!”, scherzte der Schauspieler und Sprecher Enno Kalisch zu Beginn seiner fast zweistündigen musikalischen Lesung in der Wittdüner Kapelle. Zwar wohnt der gebürtige Nordfriese mittlerweile in NRW, doch die Verbundenheit zu seiner nordischen Heimat ist bis heute stark. So stark, dass er seit fast 15 Jahren an einem Buch darüber arbeitet: “Geschichten aus dem Grenzland” wird es heißen und voraussichtlich im kommenden Jahr erscheinen. Auszüge daraus las Enno Kalisch auf Einladung des Vereins Bunte Kapelle e.V. vor interessiertem Publikum vergangene Woche. Ergänzt wurden die gelesenen Kapitel durch zahlreiche frei erzählte Geschichten und selbstkomponierte Lieder auf der Gitarre.

“Ich könnte jetzt eine Stunde lang erzählen, was für ein toller Mensch das ist…”, begrüßte Thurid Pörksen ihren Gast. Denn die beiden kennen sich schon lange. Aus Ennos Heimat Rodenäs, dem “Grenzland”, aus dem die Geschichten stammen, die er gesammelt hat. Doch damit will Thurid keine Zeit verlieren und stattdessen lieber unverzüglich ihrem Gast die Bühne überlassen. Denn zu erzählen hat jener reichlich.

Grenzland zwischen Heimat und Erinnerung 

“Meine Unruhe ist die Unruhe vor dem Sturm in dieser geduckten Landschaft, in der die Berge aus Wolken sind und das Meer aus Gras. (…) Bist Du eine Kartoffel, so ist es das Paradies für Dich. (…) Manches Gesöff würde es gar nicht geben ohne die Kartoffel. Den Schnaps “1889” gibt es nicht seit 1889, aber es beschreibt in etwa genau die Zahl von Konsumenten, die die Auftrechterhaltung dieses in Heide abgefüllten Weinbrandverschnitts so rentabel halten, dass er immer noch lokal zu erwerben ist. In Nordfriesland gibt es Schnaps in Pfandflaschen zu kaufen.

Das Flüssige ist flüchtig, und die Erinnerungen sind flüchtig, auch wegen dem ständigen Wind. Die Menge bringt Fäulnis und gesunde Erosion. Wasser kommt bekanntlich von See her, doch das Flüssige, das von Land seewärts Abgang sucht in die Siele und Priele, ist nicht selten das größere Problem. In windigen und stürmischen Zeiten können die Schleusen nicht geöffnet werden, dann staut es sich und staut sich und nimmt kein Ende, bis alles blank ist, und die Felder nur noch von Schlauchbooten befahren werden können. Im Idealfall perlt das Flüssige durch die Wurzeln der hiesigen Gewächse und unterstützt das gesunde Wachstum. Jedem sein winziges Inselchen, oder seine Hallig, landunter, saisonales Land, von allem so viel, zu viel, und gleichzeitig zu wenig. So wird es auch mit meinen Erinnerungen sein. Die jetzt kommen und gehen, wie das Wasser. Aber sie wollen raus, der Druck ist da und der Sog zugleich.”

So beginnt das Buch von Enno Kalisch, aus dem er an diesem Abend immer wieder Passagen lesen wird. Es ist eine Art nordfriesische Hommage an seine Heimat Rodenäs – eine raue Realität, verpackt in poetische Sprache. Geschichten aus einer Landschaft, in der man die Schönheit erst auf den zweiten Blick erkennt. Mit der sich viele erst warmleben müssen, andere es niemals schaffen – und schließlich zurückgehen nach Heidelberg.

Rodenäs hat rund 400 Einwohner und liegt direkt an der Grenze zu Dänemark. Hier spricht man fünf Sprachen: Deutsch, Dänisch, Plattdeutsch, Plattdänisch und Friesisch. Es ist ein Duz-Dorf, wie Enno sagt. Das kommt aus dem Dänischen. Selbst die dänische Königin sei bei ihren Besuchen geduzt worden. Hierarchie mag man nicht, es herrschen Augenhöhe und zuweilen Anarchie. Typisch friesisch.

Auch in seinen selbst geschriebenen Liedern wie “Ich fühl den Norden” kam die Liebe zur Heimat zum Ausdruck.

Geschichten aus dem Dorf 

Und von diesen Friesen, von diesen Menschen, die mal mehr, mal weniger Teil von Ennos eigenem Leben waren, erzählt der Schauspieler. Es sind Geschichten von Tante Jule, seiner Tagesmutter, die ihren Rauhaardackel gegen Zucker tanzen ließ und Enno als Baby mit Liebe und Grießbrei fütterte. “Ich war das fetteste Kind im ganzen Dorf”, lacht er. Oder Erinnerungen an seinen Vater, eine Institution im Dorf: Lehrer und Bürgermeister. “Er war streng, aber gerecht; verteilte Werthers Echte oder Storck Riesen – und Tadel”, erzählt Enno. Auch sein früherer Hund Sherry, der alte Menschenknochen im Garten verbuddelte und die gesamte Hühnerschar vom Nachbarn riss, bekommt einen Abschnitt im Buch.

Grenzland zwischen Fantasie und Realität

Für die Recherchen in der eigenen Vergangenheit, aber auch die Gespräche mit Bekannten und langjährigen Dorfbewohnern reiste Enno Kalisch in den letzten Jahren immer wieder nach Rodenäs. Unterwegs mit seinem Geschichtenmobil verbrachte er dann häufig mehrere Wochen im Dorf, traf die Bewohner und ließ sie erzählen. So verwoben sich Ennos eigene Erinnerungen mit denen der anderen – und beflügelten wiederum das eigene Gedächtnis. “Anfangs sollte das Buch gar nicht so autobiografisch werden”, sagt Enno Kalisch im Gespräch, ”aber in so einem kleinen Ort ist die eigene Vergangenheit nicht von der anderer zu trennen. Es war nahezu unvermeidlich.” Allzu ernst sollte man die Geschichten dennoch nicht nehmen. So fließend die Grenze in Rodenäs zwischen Deutschland und Dänemark ist, so sei sie es vielleicht auch zwischen Fantasie und Realität.

Ein besonderes Highlight erwartete die Gäste nach der kleinen Pause, in der ein Glas alkoholfreier Sekt mit Holunderblütensirup in der Abendsonne genossen werden konnte. In der zweiten Hälfte verließen wir das Grenzland für eine ganz andere Geschichte. Eine, an der das Publikum quasi direkt beteiligt war. Enno Kalisch hatte die Gäste dazu aufgefordert, in der Pause genau ein Wort auf kleine Zettel zu schreiben. Egal was. Daraus wollte er dann spontan eine Geschichte erfinden. Denn: Improvisation ist eine weitere Leidenschaft des Schauspielers. Seit über 30 Jahren steht er auf Bühnen und improvisiert Geschichten, Lieder und Lyrik; 12 Jahre lang hat er vom Improtheater gelebt.

Noch las Enno Kalisch vom ausgedruckten Manuskript vor, im nächsten Jahr aber soll sein Buch “Geschichten aus dem Grenzland” fertig sein.

Wenn aus einem Wort eine Geschichte wird 

Und so ließ er jetzt einen jungen Nordfriesen, der vom Chiemsee träumt, auf eine bayerische Yogalehrerin treffen, die ihr Glück in der Dünenlandschaft sucht und Wolkenformationen als Zeichen deutet.

Es wurde viel gelacht und ordentlich applaudiert. Enno Kalischs Talent ist beeindruckend. Kein Zögern, keine Füllwörter, kein Unterschied zwischen frei erfundener Geschichte und gelesenem Wort. Es ist eine Gabe, die der Nordfriese fürs Geschichtenerzählen hat. Und die er in verschiedenen Formaten immer wieder auf die Bühne bringt.

Am Ende des Abends kehrt Enno Kalisch mit einem weiteren Kapitel in seine Heimat zurück und beschließt die Lesung mit den Worten: “Rodenäs wurde Erinnerung, bevor es das alte Rodenäs werden konnte. Das alte Rodenäs gibt es nicht mehr. Was bleibt?”

Auf Amrum jedenfalls hat Enno Kalisch neue Erinnerungen an einen außergewöhnlichen Abend geschaffen, der den Gästen hoffentlich lange in Erinnerung bleiben wird. Andernfalls, so wünschte es auch Thurid Pörksen am Ende, muss Enno wiederkommen und die Erinnerungen auffrischen…

Über Nina Löschner

Nina Löschner kam 1989 kurz vor dem Mauerfall in Ost-Berlin zur Welt. Aufgewachsen auf dem Brandenburger Land zog es sie nach der Schule zurück in die Hauptstadt. In Berlin studierte sie Kunstgeschichte und Englisch, arbeite anschließend im Projektmanagement eines Auktionshauses und schließlich sieben Jahre lang als Redakteurin für Funk und Fernsehen. 2022 nahm sie sich eine berufliche Auszeit und absolvierte einen Freiwilligendienst im Naturschutz auf Amrum. Doch die Insel ließ sie nicht mehr los - und so brach sie alle Zelte in der Hauptstadt ab. Heute arbeitet Nina als Leiterin der Schutzstation Wattenmeer in Wittdün.

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