Mit Herz, Engagement und vielen Helfern: Im Berlin-Wilmersdorfer Nordseeheim kehrt wieder Leben ein …

Nach drei Jahren Leerstand kehrt wieder Leben in das Berlin-Wilmersdorfer Nordseeheim auf Amrum ein. Mit viel ehrenamtlichem Engagement, kreativen Ideen und einem neuen Konzept wurden die ersten Räume liebevoll renoviert. Nun können dort wieder Schulklassen, Familien und andere Gäste einen bezahlbaren Aufenthalt auf der Insel verbringen.

Die Terrasse lädt vor allem im Sommer zum Frühstück nach draußen ein.

Der Blick von der Terrasse gehört zu den schönsten der Insel: Der schier endlos wirkende, fast schneeweiße Kniepsand, die kleinen Vordünen, die über die Jahre immer weiter gewachsen sind und eine Bucht, die sich im Rhythmus der Gezeiten mit Wasser füllt oder trocken fällt. Wer hier Urlaub machte, hatte den Jackpot im Ausblickslotto gezogen. Leider gab es seit 2023 keine Gäste mehr – das Berlin-Wilmersdorfer Nordseeheim musste wegen anstehender Renovierungsarbeiten geschlossen werden. Doch jetzt, drei Jahre später, erstrahlen die Räume des Schullandheims, dem zweitältesten Gebäude Wittdüns, in neuem Glanz.

Von außen zeigt sich das Haus dagegen noch immer mit jener schlichten Fassade, die in den 1950er- und 60er-Jahren einer wenig behutsamen Modernisierung zum Opfer gefallen war. Dabei war das Nordseeheim einst eines der repräsentativsten Gebäude Wittdüns: 1892 als Hotel Kaiserhof im neoklassizistischen Stil erbaut, entsprach es ganz dem Geschmack der Kaiserzeit. 1920 erwarb der Verein für Erholungs- und Ferienstätten aus Berlin-Wilmersdorf das Haus, um Kindern aus einkommensschwachen Familien Erholung an der Nordsee zu ermöglichen. Nach seiner Nutzung als Flüchtlingsunterkunft während und nach dem Zweiten Weltkrieg fanden hier ab 1950 wieder Kinderkuren statt, seit 1976 diente das Haus als Schullandheim.

Wer heute durch die Eingangstür tritt, erlebt allerdings eine Überraschung. Ein lichtdurchfluteter Traum aus Hellblau, Weiß und warmen Erdtönen empfängt die Gäste – als hätte der Blick von der Terrasse selbst Einzug in den Speisesaal gehalten. Statt langer Tischreihen in Schulmensa-Optik empfängt die Gäste heute ein liebevoll eingerichteter Ess- und Aufenthaltsbereich mit kleinen Sitzgruppen, Sofas und gemütlichen Ecken.

Genau diese Atmosphäre ist Teil des neuen Konzepts. Statt möglichst viele Betten anzubieten, setzt das Team um Vorstandsvorsitzende Katrin Lück bewusst auf Qualität, Gemeinschaft und ein Haus, in dem sich Gäste vom ersten Moment an willkommen fühlen.

Die erste Schulklasse hat ihre Klassenfahrt bereits im frisch hergerichteten Bereich verbracht. Weitere Gruppen, unter anderem von der DLRG, folgen in den kommenden Wochen. Für das nächste Jahr liegen bereits zahlreiche Anfragen vor.

„Wir haben gesagt: Mehr Qualität als Quantität“, beschreibt Katrin Lück den neuen Weg. Denn aktuell bietet das Haus Platz für rund 28 Gäste. Als Selbstversorgerhaus unterscheidet es sich bewusst von einer klassischen Jugendherberge. Die Gruppen kaufen auf Amrum ein, organisieren ihren Alltag gemeinsam und erleben dadurch ein ganz besonderes Gemeinschaftsgefühl.

Von der ersten Schulklasse ist Lück noch immer berührt. Viele der Jugendlichen hätten zuvor weder die Nordsee noch überhaupt das Meer gesehen. „Die waren völlig begeistert und haben gesagt: Ich komme mit meiner Familie wieder. Das hat mich sehr berührt.“

Vorstandsvorsitzende Katrin Lück freut sich über die Wiedereröffnung und ist dankbar für die Hilfe.

Renovierung mit Herzblut

Dass nun wieder Leben in das Haus eingezogen ist, verdankt das Nordseeheim vor allem dem außergewöhnlichen Engagement vieler Ehrenamtlicher. Neben Katrin Lück selbst arbeiteten gut zehn Helferinnen und Helfer über Monate hinweg an der Renovierung. Unterstützung kam außerdem von Amrumer Handwerksbetrieben, Berliner Freunden und zahlreichen Spendern.

Dabei entstand nahezu jedes Zimmer aus einer Mischung aus Kreativität, Nachhaltigkeit und Gemeinschaftssinn. Möbel wurden gespendet, auf Flohmärkten entdeckt oder aus Wohnungsauflösungen übernommen. Viele Einrichtungsgegenstände erzählen ihre ganz eigene Geschichte. „Fast jedes Sofa, jeder Sessel und jeder Stuhl hat hier eine Geschichte“, erzählt Lück freudig.

Das Konzept dahinter ist bewusst nachhaltig. Möglichst wenig soll neu angeschafft werden. Stattdessen erhalten gut erhaltene Möbel und Gegenstände ein zweites Leben.

Aus der Krise entstand ein neues Konzept

Dass das Nordseeheim heute diesen Weg geht, ist letztlich auch einer gescheiterten Finanzierung zu verdanken. Nachdem eine bereits weit fortgeschrittene Kreditfinanzierung überraschend platzte, musste der Vorstand seine ursprünglichen Pläne komplett überdenken.

Rückblickend sieht Katrin Lück darin sogar einen Vorteil. Das ursprünglich geplante Konzept hätte sich deutlich stärker an einem Hotel orientiert. Heute verfolgt die Genossenschaft bewusst einen anderen Ansatz.

Das Nordseeheim möchte weiterhin Familien, Schulklassen, Seniorengruppen und Individualreisende willkommen heißen – gerade auch Menschen, für die ein Urlaub auf Amrum sonst kaum noch bezahlbar wäre. „Wir wollen nicht, dass Amrum nur noch für Menschen mit großem Geldbeutel erreichbar ist“, sagt Lück. „Ein zweites Sylt darf die Insel nicht werden.“

Mehr als eine Unterkunft

Neben Klassenfahrten sollen künftig auch Kulturveranstaltungen, Workshops, Gesundheitskurse und Meisterklassen ihren Platz im Nordseeheim finden. Künstlerinnen und Künstler könnten hier arbeiten und ihre Werke direkt vor Ort präsentieren. Auch Vereine oder Volkshochschulen sollen die Räume künftig nutzen können.

Darüber hinaus entstehen Angebote für Menschen, die auf Amrum arbeiten möchten, aber zunächst eine unkomplizierte Unterkunft suchen. Eine kleine Mitarbeiter-WG für bis zu fünf Personen sowie eine sogenannte Starter-Wohnung mit Pantryküche sollen den Einstieg ins Inselleben erleichtern.

Inselgemeinschaft macht vieles möglich

Immer wieder betont Katrin Lück, wie sehr sie die Hilfsbereitschaft auf Amrum beeindruckt. Ob gespendete Möbel, geliehene Fahrzeuge oder spontane Hilfe beim Transport schwerer Waschmaschinen – überall habe sie offene Türen gefunden. „Man merkt einfach: Wenn jemand Hilfe braucht, findet sich fast immer eine Lösung.“ Diese Gemeinschaft habe entscheidend dazu beigetragen, dass das Nordseeheim heute wieder Gäste empfangen könne.

Tag der offenen Tür geplant

Ganz abgeschlossen ist die Entwicklung noch lange nicht. Schritt für Schritt sollen weitere Bereiche des Hauses renoviert werden. Gleichzeitig möchte die Genossenschaft allen Unterstützerinnen und Unterstützern etwas zurückgeben.

Geplant ist deshalb ein Tag der offenen Tür – voraussichtlich rund um den traditionellen Flohmarkt zwischen Weihnachten und Neujahr. Dann sollen alle Interessierten sehen können, was aus den vielen Ideen, Spenden und unzähligen ehrenamtlichen Arbeitsstunden entstanden ist.

Schon jetzt zeigt sich jedoch: Im Berlin-Wilmersdorfer Nordseeheim ist nach langer Zeit wieder das eingezogen, was einem Haus wie diesem am besten steht – Leben.

Wer sich für einen Aufenthalt im Berlin-Wilmersdorfer Nordseeheim interessiert, schreibt am besten direkt eine Mail an Katrin Lück: wilmersdorfer.nordseeheim@t-online.de

Über Nina Löschner

Nina Löschner kam 1989 kurz vor dem Mauerfall in Ost-Berlin zur Welt. Aufgewachsen auf dem Brandenburger Land zog es sie nach der Schule zurück in die Hauptstadt. In Berlin studierte sie Kunstgeschichte und Englisch, arbeite anschließend im Projektmanagement eines Auktionshauses und schließlich sieben Jahre lang als Redakteurin für Funk und Fernsehen. 2022 nahm sie sich eine berufliche Auszeit und absolvierte einen Freiwilligendienst im Naturschutz auf Amrum. Doch die Insel ließ sie nicht mehr los - und so brach sie alle Zelte in der Hauptstadt ab. Heute arbeitet Nina als Leiterin der Schutzstation Wattenmeer in Wittdün.

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