Nichtseattle eröffnet diesjährige Konzertreihe Hidden Tunes auf Amrum …

Mit einem solchen Andrang hatte niemand gerechnet. Rund 150 Besucher erleben Nichtseattle beim Saisonstart von Hidden Tunes in besonderer Atmosphäre. Zwischen leisen Tönen, Humor und Gänsehautmomenten entwickelt sich ein außergewöhnlicher Konzertabend.

Katharina Kollmann aka Nichtseattle begeistert mit ihrer klaren, rauchigen Stimme. ©David Sedlacek

Eigentlich hatten sie Sorge, dass niemand kommen würde. Haben wir genug plakatiert? Schauen die Gäste überhaupt ins Veranstaltungsheft? Oder zieht es an einem warmen Sommerabend doch alle lieber an den Strand, zum Sonnenuntergang oder in die Strandbar? Die Bedenken der ehrenamtlichen Organisatoren der Konzertreihe Hidden Tunes sollten sich am vorletzten Montag schnell als unbegründet erweisen.

Voll besetzte Kapelle schon vor Konzertbeginn

Bereits eine halbe Stunde vor Einlass warteten die ersten Besucher geduldig vor der Wittdüner Kapelle. Ab 19.30 Uhr riss der Strom der Interessierten nicht mehr ab. Schon nach wenigen Minuten waren sämtliche Sitzplätze belegt. Nun wurde zusammengerückt, improvisiert und jeder freie Platz genutzt. Einige verfolgten das Konzert stehend, andere sogar von draußen vor der geöffneten Tür. Rund 150 Gäste fanden sich schließlich in und vor der kleinen Kapelle ein. Ein Erfolg, noch bevor überhaupt der erste Ton erklang.

Mit dem Konzert der Berliner Musikerin Katharina Kollmann, die seit 2017 unter dem Namen Nichtseattle veröffentlicht, startete Hidden Tunes in seine diesjährige Saison. Das ehrenamtlich organisierte, spendenbasierte Projekt möchte Gästen und Insulanern außergewöhnliche Indiepop-Konzerte in besonderer Atmosphäre ermöglichen.

David Sedlacek, einer der Initiatoren der Konzertreihe, begrüßte die zahlreichen Gäste und bedankte sich ausdrücklich bei den vielen Helferinnen und Helfern, die den Abend möglich gemacht haben – von der Technik für Licht und Ton bis zum Einlass.

Gitarre, Mikrofon, Loopstation und ihr wunderschöne Stimme – mehr braucht Katharina Kollmann nicht.

Eine Stimme, die den Raum füllt

Dann betrat Katharina Kollmann den Altarraum. Viel mehr als Gitarre, Verstärker, Mikrofon und eine Loop Station brauchte sie an diesem Abend nicht. Normalerweise steht Nichtseattle mit Band auf der Bühne, in der Wittdüner Kapelle war sie allein. Ein wenig aufgeregt sei sie schon, gestand sie lächelnd. Davon war während des Konzerts jedoch kaum etwas zu spüren.

Beeindruckend ist, mit welcher Selbstverständlichkeit Kollmann singt, Gitarre spielt und gleichzeitig mit den Füßen die Loop Station bedient. Was spielerisch und entspannt wirkt, verlangt höchste Konzentration. Schicht für Schicht entstanden so Klangflächen, über denen sich ihre markante Altstimme entfaltete – rauchig, klar und kraftvoll zugleich.

Den Auftakt machte der Song „Haus aus Papier“. Schon nach den ersten Takten erfüllte ihre Stimme das gesamte Kirchenschiff. Zuweilen erinnert ihr Gesang an Judith Holofernes von Wir sind Helden. Der Songtext passte unterdessen besonders gut zu jenem Abend:

„Es klirren Gläser, in ein paar plätschert’s rein,
einige singen, noch keiner geht heim …
Und wenn wir könnten, blieben wir
einfach immer hier.“

Treffender hätte ein Konzertabend kaum beginnen können. Das Publikum hing der Musikerin von Beginn an an den Lippen, auf vielen Gesichtern lag ein Lächeln. Ans Heimgehen dachte tatsächlich niemand.

Nach dem ersten Stück blickte Kollmann schmunzelnd ins Publikum. „Findet ihr die Gitarre auch mega leise? Nein? Na gut. Dann versuche ich mir vorzustellen, dass es mega rockt.“ Gelächter erfüllte die Kapelle. Es sind diese kleinen, spontanen Momente zwischen den Liedern, die den Abend besonders nahbar machten.

Bis auf den letzten Platz besetzt war die Wittdüner Kapelle am vorletzten Montag.

Zwischen Tiefgang und Humor

Die in Berlin-Karlshorst aufgewachsene Liedermacherin veröffentlichte zuvor unter dem Namen Lake Felix englischsprachige Musik, bevor sie mit Nichtseattle begann, auf Deutsch zu schreiben. Ihre Songs verbinden folkige Melodien mit grungigen Gitarrenklängen, ihre Texte mal melancholisch, mal ironisch – immer aber höchst poetisch. Sie erzählen von gesellschaftlichen Fragen ebenso wie von ganz persönlichen Erfahrungen – von der Suche nach sich selbst, von ihrer Heimat, der ehemaligen DDR, von Beziehungen, vom Frausein und von der Kraft weiblicher Freundschaften.

Auch musikalisch gibt der Abend einen Ausblick auf Kommendes. Ihr neues Album „Große Liebe“ erscheint erst Ende September. Die Besucherinnen und Besucher auf Amrum kamen dennoch bereits in den Genuss mehrerer neuer Songs – lange bevor sie offiziell veröffentlicht werden.

Dazu gehörte auch „Meine Ladies“, ein Lied über den Zusammenhalt und die Kraft von Frauenfreundschaften. Weil der Song noch ganz neu ist und bislang nur selten live gespielt wurde, schlich sich eine kleine Unsicherheit ein. Kollmann nahm sie mit Humor: „Ah, verspielt – es geht noch weiter! Also … was bisher geschah: Es geht um Freund*innenschaft.“ Das Publikum quittierte die selbstironische Bemerkung mit herzlichem Lachen und spontanem Applaus.

Dass Katharina Kollmann zu den spannendsten deutschsprachigen Songwriterinnen ihrer Generation zählt, sehen nicht nur die Gäste in der Wittdüner Kapelle so. Musikjournalist Michael C. Lücke kommentierte auf radioeins vom rbb: „Wenn Tristan Brusch zu Recht gerade als König der deutschsprachigen Melancholie gefeiert wird, dann dürfte Katharina Kollmann textlich auf dem Weg zur Königin sein.“

Andächtig lauschte das Publikum den poetischen Texten von Nichtseattle.

Viel Applaus und zwei Zugaben

Nach gut einer Stunde verabschiedete sich Nichtseattle zunächst von der Bühne – beziehungsweise vom Altarraum. Doch das Publikum ließ sie nicht gehen. Unter lang anhaltendem Applaus kehrte sie für zwei Zugaben zurück. Den Abschluss bildete ihre berührende Interpretation von Gerhard Schönes „Vielleicht wird’s nie wieder so schön“. Über das Lied schrieb Kollmann einmal auf Instagram: „Er hat einige der schönsten deutschsprachigen Texte überhaupt geschrieben und ich hatte das Glück, mit ihnen auf der Rückbank nach Rügen groß werden zu dürfen.“

Unter begeistertem Applaus, Jubelrufen und vereinzelten Pfiffen trat Katharina Kollmann schließlich hinaus ins warme Abendlicht. Für die Musikerin war es der erste Besuch auf Amrum – und zugleich der Beginn eines zweiwöchigen Urlaubs. Nach diesem Konzert dürfte die Erinnerung an die Insel für sie ebenso lange nachklingen wie der Abend für die vielen Besucherinnen und Besucher, die Hidden Tunes einen rundum gelungenen Auftakt in die neue Saison bescherten.

Wer das nächste Konzert der Hidden-Tunes-Reihe nicht verpassen möchte, findet die kommenden Termine, spannende Hintergrundinfos sowie die Möglichkeit zur Unterstützung auf der Webseite: https://hiddentunes.de/

Über Nina Löschner

Nina Löschner kam 1989 kurz vor dem Mauerfall in Ost-Berlin zur Welt. Aufgewachsen auf dem Brandenburger Land zog es sie nach der Schule zurück in die Hauptstadt. In Berlin studierte sie Kunstgeschichte und Englisch, arbeite anschließend im Projektmanagement eines Auktionshauses und schließlich sieben Jahre lang als Redakteurin für Funk und Fernsehen. 2022 nahm sie sich eine berufliche Auszeit und absolvierte einen Freiwilligendienst im Naturschutz auf Amrum. Doch die Insel ließ sie nicht mehr los - und so brach sie alle Zelte in der Hauptstadt ab. Heute arbeitet Nina als Leiterin der Schutzstation Wattenmeer in Wittdün.

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