Seit fast drei Jahrzehnten reist eine rund 30-köpfige Gruppe von Menschen mit Behinderung aus dem schwäbischen Raum jeden Sommer für zweieinhalb Wochen auf die Nordseeinsel Amrum. Doch in diesem Jahr bricht für die Urlauber und ihre ehrenamtlichen Betreuer die letzte gemeinsame Freizeit im hohen Norden an. Ein emotionaler Abschied in der Wittdüner Strandbar „Seehund“ markiert das Ende einer Ära – doch zwei Teilnehmer haben bereits einen heimlichen Plan geschmiedet, wie es doch noch weitergehen könnte…

Seit Ende der 90er-Jahre gibt es sie bereits: die „Freizeit“ für Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung. Getragen wird die Organisation vom Evangelischen Jugendwerk. Ihren Anfang nahmen die jährlich stattfindenden Reisen in den hohen Norden einst auf der Insel Pellworm, doch Amrum wurde schnell zur echten Heimat auf Zeit.
Die Gruppe besteht aktuell aus rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmern unterschiedlichen Alters. Der Jüngste ist gerade einmal 14 Jahre alt, während der Älteste in der Gemeinschaft schon seinen 61. Geburtstag gefeiert hat. Die meisten kennen sich noch aus der Schulzeit und besuchen die selbe Werkstatt für Menschen mit Behinderung im Kreis Schwäbisch Gmünd in Baden-Württemberg. Manche von ihnen leben mit einer Mehrfachbehinderung, zwei Personen sitzen im Rollstuhl. Davon lässt sich die bunte und lebhafte Gemeinschaft jedoch nicht abhalten.

Routine gibt Sicherheit – doch der Aufwand ist riesig
Während des zweieinhalbwöchigen Aufenthalts auf der Insel, in dem auch den Eltern und Angehörigen zu Hause ein wenig Erholung vergönnt ist, hat die Reisegruppe auf Amrum derweil volles Programm. Ein Besuch im Café Pustekuchen, bei der Bäckerei Claussen in Wittdün, mehrere Ausflüge ins Amrumer Badeland und natürlich eine Stippvisite am Leuchtturm dürfen da nicht fehlen.
Ein Ort war jedoch seit vielen Jahren die wichtigste Anlaufstelle für die Gemeinschaft, die Strandbar „Seehund“ in Wittdün. In all den Jahren ist eine tiefe Freundschaft zwischen dem Betreiber Holger Lewerentz, seinem Team, den Betreuern und der gesamten Gruppe entstanden.

Im Jahr 2016 übernahm Frank Balint die Leitung von Ursula May, die aus Altersgründen in den wohlverdienten Ruhestand ging. Der Lehrer einer Gemeinschaftsschule aus Baden-Württemberg hat mittlerweile seine ganze Familie mit ins Boot geholt: Seine Ehefrau Katrin, eine Heilerziehungspflegerin, sowie seine drei Töchter samt Partnern engagieren sich ehrenamtlich und mit viel Herzblut.
Trotz der spürbaren Dankbarkeit, der Freude am Miteinander und der Unterstützung durch die Aktion Mensch bleibt die Organisation von An- und Abreise per Reisebus sowie der Aufenthalt ein Vollzeitjob. „Das lässt sich mit einer gewöhnlichen Urlaubsplanung nicht vergleichen“, erklärt Frank Balint. „Sich wiederholende Abläufe sind hierbei entscheidend. Diese Routine gibt Menschen mit Behinderungen die nötige Sicherheit und Ruhe, aber dadurch dauert es manchmal sehr viel länger“

Ergebnislose Suche nach Unterstützung führt zum Aus
Dabei hat die Gruppe mit der modernisierten DJH Jugendherberge in Wittdün bei Familie Jürgens die ideale Unterkunft gefunden. „Das Haus an sich, die Lage, die schönen Zimmer und die Sanitäreinrichtungen sind perfekt für uns“, zeigt sich Balint dankbar.
Trotzdem wachsen ihm und seiner Familie die Verantwortung und der enorme, unentgeltliche Arbeitsaufwand über den Kopf. Händeringend haben sie nach Unterstützung gesucht und sogar eine Anzeige in der Zeitung aufgegeben, aber leider ohne Erfolg. Aus diesem Grund und schweren Herzens wird es in diesem Jahr die letzte Freizeit sein, die die sympathische Gruppe aus Schwaben auf Amrum verbringen darf.

Ein letzter Blick auf das weite Meer
Um der Gemeinschaft einen gebührenden Abschied zu bereiten, ließ es Strandbar-Betreiber Holger Lewerentz noch einmal richtig krachen. Er organisierte eine kleine Abschiedsparty direkt auf der Terrasse mit allem Drum und Dran. Ein T-Shirt für jeden als Erinnerung an die gemeinsame Zeit gab es obendrauf.
Die Herzlichkeit von Holger Lewerentz und dem gesamten Team der Strandbar war stets spürbar. „Man fühlte sich einfach immer willkommen und es gab nie Probleme“, erinnert sich Frank Balint mit einem warmen Lächeln. „Auch die Strandkorbvermietung war immer unter dem regulären Preis und das Strandspielzeug durften wir für die Zeit des Aufenthalts an der Bar unterstellen“
Auch Holger Lewerentz findet nur positive Worte über seine treuen jährlichen Besucher: „Es war eine schöne Zeit. Mein Team und ich sind wirklich traurig, dass es jetzt vorbei ist, denn wir haben sie alle in unser Herz geschlossen.“
Ein heimlicher Plan für die Zukunft?
Und was sagt die Gruppe selbst zum endgültigen Abschied? Die beiden Brüder Manuel (38) und Max Betz (31) haben dazu eine klare Meinung. Beide sind seit ihrem fünften Lebensjahr bei der Freizeit dabei. Manuel liebt den Strand, das Badeland und die Tatsache, dass er jedes Jahr seinen Geburtstag auf der Insel feiern konnte; ein Geschenk von Holger gab es inklusive. Max mag das offene Meer, die Wellen und sitzt abends gerne auf der Terrasse der Strandbar. Manchmal beobachtet er auch am Fähranleger die Kennzeichen der Autos, die von der Fähre rollen. Er findet es spannend zu sehen, von woher die Besucher überall anreisen.
Auf die Frage, ob sie traurig sind, dass dies vorerst der letzte Besuch auf Amrum war, nicken beide. Doch Manuel hat auch gleich eine kreative Lösung parat: „Du Max, das nächste Mal, wenn der Frank privat wieder hierher fährt, fahren wir einfach heimlich im Koffer mit.“ Eine gute Idee, gegen die der Rest der Gruppe bestimmt auch nichts einzuwenden hätte.
AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum

