Die Nazizeit von 1933 bis 1945 griff mit ihrer Ideologie und etlichen Regularien auch in das Alltagsleben der Bevölkerung ein, auf der abgelegenen Insel Amrum sicherlich weniger als in den reichsdeutschen Städten, vor allem Berlin. Aber einiges änderte sich auch im alltäglichen Inselleben, wo man sich z. B. bis in die 1930er Jahre mit “gud dai” begrüßte, aber nun als Tagesgruß “Heil Hitler” entbieten sollte, was allerdings nur die wenigsten Insulaner taten.
Als zehn-/elfjähriger Schüler wollte der Verfasser sich eines Tages vor dem Lehrer wichtigtun. Zusammen mit dem Schulfreund Heinrich Johannsen (“Heini Moler”) standen beide beim Zusammentreffen auf der Dorfstraße stramm, legten die Hand an die Mütze und entboten ein kräftiges “Heil Hitler”. Der Lehrer Richard Wanner sprach uns für diese übertriebene Führer-Huldigung ein Lob aus. Aber es blieb doch bei dieser einmaligen Aktion, und auch im Dorfleben setzte sich die Hitler-Huldigung nicht durch, nicht einmal bei den fanatischen Nazis, derer es im Dorf etliche gab (Namen im Archiv des Verfassers).
Eine andere allerhöchste Naziparole, angeblich vom Führer höchstselbst propagiert, lautete:
“Die deutsche Frau raucht nicht”
Das taten damals die allerwenigsten Frauen in der Welt und im Deutschen Reich. Aber offenbar befürchtete man doch eine sich langsam ausbreitenden “Mode”, denn im benachbarten Dänemark war es durchaus nicht ungewöhnlich, dass Frauen rauchten, sogar Zigarillos und Zigarren!

Auch in der Volksschule Norddorf wurde dieser “Führerwunsch” verkündet, aber auch diese Verordnung wurde nicht strikt eingehalten, z. B. von den Töchtern des Bäckermeisters Ernst Schult: Beim Bedienen von Kunden erschienen die Genannten nicht selten mit brennender Zigarette im Laden, wobei Karla ihre Zigarette am Rand einer Schüssel abschnippte und halb erklärend, halb entschuldigend sagte: “Uh, wi san jo so modern!” Aber dem Verfasser fiel beinahe das Herz in die Hose. Er dachte an die Führerorder und fürchtete um das Wohlergehen der Bäckertöchter: wenn das der Führer wüsste! Denn es gab im Dorf doch einige fanatische Nazis, denen eine entsprechende Denunziation zuzutrauen war. Aber das Problem löste sich auf andere Weise: ein halbes Jahr später war der Führer tot und der Krieg zu Ende. Und nun ging es nicht mehr darum, ob die deutsche Frau rauchen durfte oder nicht, sondern um die Ernährung der Inselbevölkerung, deren Anzahl sich binnen weniger Monate durch Flüchtlinge und Heimatvertriebene mehr als verdoppelt hatte – auf einer Insel, die von Dünen und Heide bedeckt, nur eine beschränkte eigene Nahrungsproduktion aufwies. Zwar gab es in allen Inseldörfern – mit Ausnahme von Wittdün – eine Vielzahl von Insulanern, die auf beschränktem Grundbesitz Klein- und Nebenbeilandwirtschaft für die Eigenversorgung betrieben, aber nur wenige Vollerwerbslandwirte – in Norddorf vier, in Nebel fünf und in Süddorf drei.
Im geschlagenen Deutschen Reich herrschte offenbar auch großer Mangel an Brotgetreide, weshalb von Amerika Mais zum Brotbacken geliefert wurde, um eine Hungerkatastrophe zu verhindern. Von rauchenden Bäckermädchen war nichts mehr zu sehen. Zigaretten, aber nur solche von den westlichen Siegermächten, spielten jetzt als “Währung” eine große Rolle! Beim Bäcker gab es nach Kriegsende jedenfalls keine Brötchen – wir sagten damals “Rundstücken”, weil es keine inselfriesische Bezeichnung für dieses offenbar “neumodische” Backwerk gab (auch im großen Nei Fering–Öömrang Wurdenbuk von Faltings/Jannen wird nur die Bezeichnung “Rundstück” genannt). Weizen und Roggen waren zunächst nicht auf dem Markt, und lange Zeit gab es von dem amerikanischen Mais nur runde Maisbrote, zugeteilt mit den Bezugsscheinen der britischen Militärregierung, und alle, Einheimische und Flüchtlinge, standen in langer Schlange an, um sich ein Maisbrot abzuholen.
Georg Quedens 2026
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