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Konstantin Wecker im Interview

Konstantin Wecker im Interview… © Timo Kabel

Konstantin Wecker auf Amrum im Konzert. Ausverkauft – und zwar so was von ruck, zuck. Die Schlange derer, die abends dennoch geduldig vor dem Norddorfer Gemeindehaus warteten, wurde immer länger. Derweil bewegte sich drinnen ein entspannter Konstantin Wecker zur Mikroprobe durch den Saal. Lockeres Hemd, Hand in der Hosentasche, perlige, bunte Friedenskette um den Hals. Der Check ging zügig über die Bühne. Zeit für ein kleines Interview im Buchladen nebenan, der als Rückzugsraum diente.

Sie haben sich für ihr Team glutenfreies Bio-Bier gewünscht. Ein gewagter Wunsch für eine kleine Nordesseinsel, finden Sie nicht?!

Überhaupt nicht. Ich wusste, dass Amrum so was wie einen Bioladen oder ein Reformhaus haben muss. Schon auf dem Schiff habe ich gemerkt, dass die Leute, die nach Amrum fahren, in einem ähnlichen Universum zuhause sind wie ich. Was nicht heißen muss, dass sie die gleiche Meinung haben, aber vielleicht die gleiche Sehnsucht und die gleichen Träume.

Sie waren einen Tag vorher auf Sylt.

Großer Beifall. Aber mein 1978-Gedicht über Kapitalmärkte und Senator-Klasse-Menschen auf dem Airport-Scheißhaus – „Knöpfchen drücken, runter spülen – fertig“, das kam nicht so gut an. Sylt ist halt speziell (lacht). Aber eigentlich unterscheidet mein Publikum sich fast nicht. Es ist sehr aufmerksam und lässt sich berühren.

Und es ist mit Ihnen älter gworden?

Natürlich, klar. Aber deren Kinder sind eben auch schon eingeführt worden ins Weckersche Werk. 30- bis 40-jährige Frauen kommen zu mir und erzählen, dass sie mich als Kind immer auf Kassette hören mussten. Ich bin über Eltern und Lehrer bekannt geworden. Gerade die Deutschlehrer haben viel für mich getan.

Ist die junge Generation eine, mit der Sie was anfangen können?

Die 16- bis 18-Jährigen in den Großstädten sind wieder richtig aufmüpfig, nicht so absolut gehirngewaschen und von der Marktwirtschaft korrumpiert. Da tut sich ‘was!

Sie haben im Moment zwei Touren. Solo – wie auf Amrum, nur begleitet von Ihrem Pianisten Johannes Barnikel und die Jubiläumstour „Poesie und Widerstand“, mit der Sie unterwegs sind bis Weihnachten. Was treibt sie an? Sie sind 70 geworden im Juni!

Enorme Bühnenpräsenz… © Timo Kabel

Mein erstes Stück nachher wird sein „Ich singe weil ich ein Lied hab’“. Besser wäre „weil es mich hat“. Seit meinem zwölften Lebensjahr begleitet und motiviert mich die Liebe zur Poesie. Die ich mir ja nicht ausdenke; sie passiert mir. Poesie lehrt uns, dass Worte nur Symbole sind und nicht ausinterpretierbar. Wenn wir das Wort Gott nicht zu Ende interpretiert hätten, wie viele Kriege hätten wir uns ersparen können?!

Amrums Pastorin fragt sich, was aus diesem Land wird und wen wir wählen sollen.

Es muss ein Umdenken geben und ich glaube, dabei kommt es nicht so drauf an, wen wir wählen. Das Ziel muss sein, die Zivilgesellschaft zu stärken. Politiker sind immer mehr nur daran interessiert, gewählt zu werden, im Amt zu bleiben, und machen viel zu viele Kompromisse. Wenn ich mir angucke, dass Leute, die wichtige Arbeit tun, ob mit Behinderten oder Alten, so mies bezahlt werden, dann will ich eigentlich in so einer Gesellschaft nicht leben. Was wir brauchen sind Bündnisse von engagierten Menschen – zum Beispiel auf kommunaler Ebene. Das ist eine Chance.

Was war denn Ihre letzte Demo?

Vor zwei Wochen beim Aktionstag am Fliegerhorst Büchel in Rheinland-Pfalz. Da ist seit März Dauerprotest. Dort liegen immer noch US-Atomwaffen.

Sie schreiben immer noch. Wie?

Liedtexte müssen passieren. Das ist dann meist ein kreativer Anfall von ein paar Tagen. Die meisten vertone ich auch. Aber immer erst später.

Sie haben mit zig Größen gespielt und gesungen … Joan Baez, Mercedes Sosa. Mit wen würden Sie gern noch was machen?

Mit Daniel Baremboin zum Beispiel. Sein Israel-Palestina-Orchesterprojekt fand ich sehr beeindruckend. Viele, die ich sehr verehre, sind ja leider schon tot. Dieter Hildebrandt. Oder Hans-Peter Dürr, der Physiker, den man aus dem Flughafentaxi nicht raus bekam, weil er dem Fahrer die Relativitätstheorie noch nicht zuende erklärt hatte. Ihm habe ich das Lied „Gefrorenes Licht“ gewidmet. Er hat mal den schönen Satz gesagt „Eigentlich ist Materie ja nichts anderes als gefrorenes Licht.“

Sind Sie aufgeregt?

Nein. Ich hatte tatsächlich nie Lampenfieber.

Ihre Stimme ist immer noch beeindruckend.

Ich habe Gesang studiert. Und schon als Kind mit der richtigen Technik gesungen – mein Vater war ja leidenschaftlicher Opernsänger. Ohne grundlegende Technik können sie solche Konzerte nicht durchstehen.

Wie würden Sie einem Tauben Ihre Musik beschreiben?

Ich bitte ihn ans Klavier. Dann hält er die Hände auf den Flügel, und ich spiele. Er bekommt die Schwingungen mit. Ich habe das tatsächlich schon oft gemacht.

Noch ein Wort fürs Publikum, dass trotz ausverkauften Konzert abends noch geduldig Schlange stand?

Da kommt ein Großteil meiner Motvation her. Ich bekomme von den Leuten Energie zurück. Ich glaube, wenn ich das Erlebnis mit den Menschen nicht hätte und nur allein in einer Künstlerstube sitzen würde, wäre ich zum Zyniker geworden.

Sie machen eine kurze Tourneepause. Wohin geht’ nach Amrum?

In den Urlaub. In mein Haus in der Toskana. Aber vorher noch in die Arena nach Verona. Ich gucke mir „Madame Butterfly“ an, mit meinem Ältesten, der schon 18 Jahre alt ist. Wir lieben Opern.

 

Danke für das Gespräch, Herr Wecker!

 

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Über Undine Bischoff

Journalistin und Texterin. Fuhr mit drei Jahren zum ersten Mal über den Kniep – in einer Schubkarre. Weil ihr Vater da draußen eine Holzhütte baute, zwanzig Feriensommerjahre lang. Betextet Webseiten und Kataloge, schreibt für verschiedene Medien und natürlich für Amrum News.
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