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Wälle und Deiche auf Amrum

Der Krümwaal
Wanderern, ob Einheimischen oder Inselgästen, die mit offenen Augen in der Insellandschaft unterwegs sind, fallen an ver­schiedenen Örtlichkeiten Erdwälle auf, die eindeutig von Menschen­hand geschaffen sind, aber keinen Zweck erkennen lassen und deshalb umso mehr die Frage nach dem “Wann” und “Warum” aufwerfen, zumal mit diesen Wällen ein gewaltiger Arbeitsaufwand der damaligen Bevölkerung verbunden war. Der mächtigste dieser Wälle und zugleich das größte Bodendenkmal aus der Amrumer Vorgeschichte ist der “Krümwaal” in der Inselmitte zwischen Nebel und Süddorf. Ursprünglich auch mit ei­nem Nebenarm auf der Höhe des Mühlenhügels, war er fast 1,5 Kilometer lang und konnte hinsichtlich seiner Erdmasse durchaus mit dem Wall der Borgsumer Burg, auch Lembecks-Burg genannt, auf der Nachbarinsel Föhr konkurrieren. Der Krümwaal ist aber auf weite Strecken durch das Abgraben der Humuserde verschwunden und nur dem geschulten Auge des Archäologen oder auf Luftbildern erkennbar. Besonders deutlich aber tritt der Wall südlich der Nebeler Mühle, direkt an der Auto­straße, aus dem Gelände hervor, verläuft in östlicher Richtung und ist nach etwa 200 Metern wieder verschwunden, um dann unmittelbar an der Dörfergemeinschaftsschule (Öömrang Skuul) sich wieder aus dem Bo­den zu erheben und sich in deutlicher Breite und Höhe ostwärts in Richtung Steenodde hinzuziehen, bis er auf halber Strecke an ei­nem Feldweg wieder verschwindet. Hier ist der Wall stellenweise fast 3 meter hoch, und wenn man bedenkt, dass Erdwälle im Laufe der Zeit zu beiden Seiten Substanz verlieren und zusammensacken, dann ist der Krümwaal ursprünglich bis über 4 Meter hoch gewesen! Aber warum haben vor etwa 1000 Jahren die damaligen Inselbewohner sich solche Mühe gemacht? Und die Sandmassen auch von weither her­angetragen, denn es gibt beiderseits des Krümwaales keinen Graben­aushub! Für die hauptamtliche Archäologie ist der Wall ein Rätsel. “Den Ursprung und den Zweck des Walles weiß niemand” notierte Olshausen 1888, und Karl Kersten berichtete 1958 lediglich, dass der Wall “aus strukturlosen Humusbonden besteht”. Genaue zeitdatierende Funde wurden nicht gemacht, doch ergab ein Einschlag in jüngerer Zeit Scher­ben aus der Eisenzeit. Wie gesagt, der Krümwall läßt weder einen prak­tischen noch einen geschichtlichen Zweck erkennen und – angesichts der zahlreichen religiös begründeten Monumentalbauten überall auf der Erde – stellt sich auch hier die Frage, ob ein damaliger Religionswahn nicht Ursache für den Bau gewesen ist, sozusagen eine Art Kommunikation mit den Göttern des Asaglaubens in Walhalla.
Der Krümwaal verlief dann bogenförmig von der Geesthöhe bis nahe an das Wattufer, so dass sich die Frage stellt, ob der Name des Kliffs “Ual Aanj” nicht korrekterweise “Waal Aanj” (Ende des Walles) lauten sollte. Auf dieser letzten Strecke ist der Wall allerdings völlig abgegraben bzw. einplaniert.

 

Der Krümwaal ist nicht das einzige vor- und frühgeschichtliche Bo­dendenkmal dieser Art auf Amrum. Südwestlich von Norddorf, am auffäl­ligsten im “Düüwdääl” direkt neben dem Bohlenweg zum Strande, liegt ein ähnlich hoher Wall unbestimmbarer Zeit und unbekannten Zweckes. Dieser Wall macht nach Osten einen Bogen auf Norddorf zu, verschwindet dann unter hohen Dünen und reicht nach Westen bis an die Küstenlinie. Auch bei diesem heute noch fast anderthalbmeter hohen und bis zu 10 Meter breiten Wall staunt man über den scheinbar sinnlosen Ar­beitsaufwand damaliger Völkerschaften, denn der Wall verrät keinen realen oder praktischen Sinn. Auch hier wurde die Erdmenge nicht aus der unmittelbaren Umgebung (Graben) entnommen, sondern aus der Fläche herangeschafft. Der Wallfuß wurde sogar noch mit Klei befestigt, der aus der Marsch oder aus dem Watt herangeschafft werden mußte. Archäologen (Olshausen, Bötel) fanden auf dem Wall Scherben aus der Römischen Kaiserzeit (27 vor Chr. – 284 nach Chr.). Während dieser Düüwdääl-Wall aber nicht mehr verrät, als dass er aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung stammt, hat die Landschaft ringsum einiges aus der Vor- und Frühzeit von Amrum offenbart. Nördlich des Walles in einem heute mit Heidekraut zugewachsenen Tal wurde ei­ne Siedlung aus der Römischen Kaiserzeit entdeckt (Kersten 1958), und direkt südlich des Walles lagen drei Hügelgräber der Bronzezeit, die in den ersten Jahren nach Kriegsende, um 1946/47 ausgegraben wur­den und reichhaltiqe Funde vermittelten.

Ackerwälle aus der Zeit der Landreform
Wanderern durch die Amrumer Feldmark zwischen Steenodde und Nebel, nördlich von Süddorf sowie zwischen Nebel und Norddorf, fallen etliche, knapp meterhohe Erd­wälle auf, deren Sinn und Zweck heute nicht mehr erkennbar ist. Sie stammen aus der Zeit der Landreform, genauer der “Aufhebung der Feld­gemeinschaft” in den Jahren 1799/1800. Im vorherigen Amrum spielte die Landwirtschaft gegenüber der Seefahrt nur eine geringe Rolle, und der größte Teil der Feldmark sowie der Viehweiden und des Heulandes wa­ren unter der Inselbevölkerung nur durch “ideelle” Besitzansprüche aufgeteilt. Im Gefolge von Erbanteilen waren diese ideellen Nutzungs­rechte aber zum Teil in Miniparzellen aufgeteilt, die eine gemeinschaft­liche Nutzung erzwangen, damit mangels Wegen niemand auf den Feldern von anderen herumtrampeln musste .Diese gemeinschaftliche Nutzung war nach genauen Regeln festgelegt und wurde vom “Bauernvogt” bestimmt. Weil aber niemand fester Eigentümer einer bestimmten Landfläche war, hatte auch niemand Interesse an der Pflege des Landes durch Düngung u. a. Bodenverbesserung, und die Erträge waren gering. Deshalb verfügte die dänische Regierung schließlich die “Aufhebung der Feldgemeinschaft” und die dauernde Zumessung des Landes an die Feldinteressen­ten, verbunden mit der Auflage zur Abgrenzung. Zunächst wurden nur breite Ackerraine zwischen die eigentümlichen Felder gelegt. Irgend­wann begann man dann, sich mit meterhohen Wällen abzugrenzen. Dies geschah im ganzen 19. Jahrhundert und vereinzelt noch später. Die Wälle waren so steil, dass sie auch das Vieh abhielten und somit die Getrei­defelder sicherten. Ungeachtet der Mühe und des Arbeitsaufwandes, die vor allem im Winter von Tagelöhnern durchgeführt wurden, entstanden so zahlreiche Wälle auf der Feldmark von Süddorf, Nebel und Norddorf. Einer der letzten, der solche Arbeiten durchführte, war der von der Hallig Langeneß stammende Hermann Andresen aus Norddorf.
Im Laufe der Zeit sind etliche Wälle aber zusammengefallen, andere durch die sehr robuste Arbeit eines Landwirtes einfach weggepflügt worden, um grö­ßere Flächen für die maschinelle Bearbeitung zu erzielen – ein Vor­haben, das allerdings verboten ist und Strafe bzw. Wiederherstellung des Walles nach sich zieht.

Bahndämme
Sehr viel jünger, erst eben vor und nach 1900 entstanden, sind dann die Eisenbahndämme, die wir noch in den Dünen von Wittdün, auf der Feld­mark zwischen Nebel und Norddorf und am deutlichsten im Heidetal “Fleegam” in den Dünen westlich von Norddorf sehen. Hier lagen einmal die Schienen einer Dampfspurbahn, die in Jahren um 1901/02 von der Aktien­gesellschaft Seebäder Wittdün und Satteldüne als “Inselbahn” von Witt­dün über Nebel und Norddorf bis zum dortigen Kniephafen gebaut wor­den war. Grund für diesen kostspieligen und für die Aktiengesellschaft letzten Ende ruinösen, weil unrentablen Ausbau, war die Tatsache, dass Wittdün die direkte Dampferverbindung mit Hamburg verlor, weil sich die “Nordsee-Linie” nach Hörnum-Sylt orientierte, da mit Westerland mehr zu verdienen war als mit Wittdün. Deshalb wurde zwischen Norddorf und Hörnum auf kürzestem Wege eine Zwischenverbindung eingerichtet. Die Aktiengesellschaft ging im Jahre 1907 Konkurs, aber die “Inselbahn” musste als alleiniger Verkehrsträger auf Amrum bestehen bleiben und fuhr noch bis 1939 über die in der Insellandschaft noch sichtbaren Dämme, die heute das letzte Zeugnis eines originellen Verkehrsmittels sind.

Georg Quedens

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