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Familiendrama auf einem Grabstein


Auf dem St. Clemens-Friedhof im Norden der Kirche steht als Mini-Obelisk ein schwarzer Grabstein der Wittdüner Quedens-Familie und verrät dem Betrachter neben den Daten einiger Familienmitglieder auf der einen Seite auch ein Drama, wie es auf Amrum in der Seefahrerzeit nicht ungewöhnlich war – den Tod zweier Söhne, die später der Familiendynastie fehlten und eine Ursache für das Aussterben der Wittdüner Quedens waren.

Der Obelisk wurde zunächst dem Ehepaar Volkert Martin Quedens und seiner Ehefrau Therese, geb. Cöster, gesetzt. Ersterer wurde am 26. Februar 1844 geboren und starb am 1. März 1918. Die Ehefrau Therese stammte aus einer Süddorfer Bauernfamilie, geboren am 1. Januar 1847, gestorben am 25. Januar 1941, in einem strengen Winter, der zunächst ihre Beerdigung verhinderte, weil der Boden gefroren war. Nur beim Ehemann steht ein Zusatz “Gründer von Wittdün 1889”, und damit ist das Wirken von Volkert Martin Quedens sehr dürftig beschrieben. Volkert Quedens gehörte in den Jahrzehnten vor und nach 1900 zu den bedeutendsten Persönlichkeiten auf Amrum. 1844, im damals einzigen Haus auf Steenodde, der späteren Gaststätte “Zum lustigen Seehund”, geboren, ging er wie für Knaben üblich, gleich nach der Schulzeit zur See. Die erste Reise ging mit der Brigg “Gloriosa” ab Hamburg nach Batavia, anschließend mit der “Candaze” mit dem Amrumer Kapitän Anton Schau nach Hongkong. Aber auf der Rückreise über New York erhielt der junge Volkert die Nachricht, dass sowohl sein jüngerer Bruder Philipp (- 1862) als auch sein Vater Volkert (- 1863) gestorben waren und die Mutter dringend um Rückkehr nach Amrum bat, damit er die Familiengeschäfte weiterführe. Strandvogtamt und jene des Austernkommissars und Tonnenlegers – letztere durch eine Intrige des Lehrers Feddersen – waren inzwischen verlorengegangen. Aber durch die Heirat mit Camilla Therese Cöster aus Süddorf kam wenigstens das Strandvogtamt auf Umwegen wieder in die Familie zurück, und gerade hier machte sich Volkert Martin Quedens als Berger von gestrandeten Schiffen und Schiffsgütern einen Namen. Er ließ auf einem bronzezeitlichen Grabhügel bei Süddorf die erste Windmühle aus dem Abbruchmaterial der Mühle von List-Sylt aufstellen und gründete im Jahre 1889 den Badeort Wittdün auf der gleichnamigen Amrumer Südspitze. Aus Fertigteilen mit Wellblechwänden errichtete Volkert Martin Quedens ein erstes Hotel, das angeblich im Hamburger Hafen lag und für die Diamantenfelder in Südwestafrika bestimmt, aber nicht bezahlt worden war. Mit seiner Ehefrau hatte er fünf Kinder, von denen die Tochter Mathilde als zehnjährige starb. Und von den Söhnen kamen zwei als Seefahrer ums Leben. Beide sind auf dem Obelisk verewigt.

Auf See verunglückt

Der erstgeborene Volkert, geboren am 13. Januar 1866, begann seine Laufbahn nach der Schulzeit auf dem Frachtschiff “Jette Christine” unter dem Kommando seines Vaters, der mit Fracht von Hamburg nach Sylt, Föhr, Amrum und Römö segelte. Hier war er drei Jahre an Bord. 1883 nahm ihn der Amrumer Kapitän Georg Hansen mit nach Antwerpen, wo Volkert auf dem Überseesegler “William Engels” angemustert wurde. Mit diesem Schiff machte er zwei Reisen nach Valparaiso um Salpeter zur Westküste von Südamerika und umrundete dabei das berüchtigte Kap Hoorn. Dann ging er wieder bei seinem Vater an Bord des Dampfers “Vorwärts”, den dieser mit einigen Gesellschaftern auf Linienfahrt von Hamburg zu den nordfriesischen Inseln betrieb, machte dann noch eine Reise mit der Hamburger Bark “Augusta” nach New York und ging im Herbst 1887 auf die Steuermannschule und machte dort im Frühjahr 1889 sein Examen.

Motorschoner “Mathilde”

Nachdem Volkert im Mai 1890 die Tochter des Wyker Postmeisters, Frieda, geheiratet hatte, machte er sich als Frachtschiffer mit einem Neubau von 100 Tons selbständig. Der Gaffelschoner wurde auf den Namen seiner Frau “Frieda” getauft und lag auf der Reede von Steenodde vor Anker. Am 22. April 1894 wurde der Amrumer Frachtschiffer von einem schweren Unglücksfall betroffen. Volkert Quedens war mit Frachtgut unterwegs von Hamburg nach Glückstadt und sollte dort noch einige Weinfässer für Sylt einladen. Er ging auf der Elbe vor der Stör vor Anker und bekam hier Probleme mit der Maschine. Als der Schiffer nach dem Fehler suchte, explodierte der Motor und Volkert Quedens stand in Flammen. Er sprang über Bord in die Elbe, wo er von seinem Steuermann Gerhard Martens wieder aufgefischt wurde. Auch die “Frieda” stand in Flammen, aber ein vorbeikommender Schleppdampfer pumpte das Schiff voll Wasser, so dass es sank. Volkert Quedens kam schwer verbrannt in das Krankenhaus von Glückstadt, wo er einige Monate liegen musste. Die gesunkene “Frieda” konnte aber wieder gehoben und auf der Werft Otto Doose in Brunsbüttel repariert werden, so dass Volkert Quedens im Herbst 1894 die Stückgutfahrt von Hamburg wieder aufnehmen konnte.

Aber die obige Explosion blieb nicht die einzige. Im November 1898 war die “Frieda” wieder mit einer Ladung Petroleum nach Sylt unterwegs, als auf Amrum Station gemacht wurde und bei der Ausfahrt im Land-Tief der Motor ein weiteres Mal explodierte. Diesmal konnte sich die Besatzung in das Beiboot retten. Volkert bestellte sich nun in Holland ein Schiff von 150 Tons, das auf den Namen der 1894 geborenen Tochter Mathilde getauft wurde. Mit diesem Schiff, wieder ein Gaffelschoner mit Benzinmotor, konnte der Amrumer Schiffer auch nach England und Norwegen fahren. Im Herbst 1901 wurde er dort mit einer Ladung Holz nach Stolpmünde (Ostsee) befrachtet und segelte von dort am 8. Dezember 1901 in Ballast nach Rönne auf Bornholm. Aber dort ist die “Mathilde” nicht angekommen. Mit ihrer fünfköpfigen Besatzung blieb das Schiff spurlos verschwunden. Es hatte als Neubau 48.000 Mark gekostet, war aber nur für 28.000 Mark versichert, so dass die Eltern Volkert Martin und Therese in Wittdün neben dem Verlust ihres Sohnes einen entsprechenden finanziellen Verlust zu tragen hatten.

Im Zusammenhang mit dem Untergang der “Mathilde” wurde in der Familie eine merkwürdige Geschichte erzählt: In Stolpmünde entlief der Hund des Schiffers und war nicht wieder an Bord zu kriegen, so dass das Schiff schließlich ohne ihn abfahren musste. Und während dieses draußen auf der Ostsee in einem Sturm verloren ging, stand der Hund heulend auf der Mole von Stolpmünde – als hätte er das Unglück vorausgefühlt.

Philipp Quedens

Philipp Tycho Quedens
Nach dem Tod des ersten Sohnen mussten die Eltern in Wittdün auf Amrum wenig später einen zweiten Todesfall beklagen: Philipp Tycho. Dieser war am 26. Januar 1884 in Süddorf geboren worden und wählte nach der Schulzeit den Weg zur See. Im Februar 1899 musterte er als Kajütenjunge auf einer Viermastbark an. Die Reise ging zur Westküste von Südamerika (Valparaiso) und mit Salpeter zurück. Die zweite Reise machte der junge Amrumer im Herbst desselben Jahres mit der Viermastbark “Palmyra”, Kapitän Carl Jessen von Amrum. Es folgte dann eine Heuer als Vollmatrose auf der “Oceano” von Hamburg nach New York, wo die gesamte Mannschaft, einschließlich Philipp Quedens, wegen der Zustände an Bord vom Schiff desertierte.

Philipp fand dann für zwei Jahre eine Heuer auf einem Dampfer auf Reisen von New York nach Montevideo und musterte im Herbst 1902 auf der Bremer Bark “Kyandra”, Kapitän Lüttjen, an, die mit einer Ladung Petroleum nach London befrachtet war. Aber das Schiff ist, ohne eine Spur zu hinterlassen, auf dem Nordatlantik verschollen. Auch hierzu berichtet die “Familienchronik”, dass der junge Philipp in der Todesnacht den Eltern als “Gonger”, als Geist, im Schlafzimmer erschien, obwohl diese nicht abergläubig waren.

Von den Söhnen blieb nur der 1874 geborene Carl Theodor am Leben. Er spielte als Hotelier (“Vierjahreszeiten” und “Victoria”) jahrzehntelang eine bedeutende Rolle im Fremdenverkehr des Seebades Wittdün und starb hochbetagt zusammen mit seiner Frau Pine, geb. Jannen, binnen einer Woche im Dezember 1966/Januar 1967.

Georg Quedens

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