Brandgänse – die Farbtupfer im grauen Watt


 

„Beragan“ – Bergente, wird der farbenprächtigste Vogel der Nordseeküste, ob in Ost- oder in Nordfriesland, genannt, aber die Bergente (Aythya marila) ist eine eigenständige, nordische Tauchentenart, sowohl an Binnenseen wie auch an der Meeresküste und als Wintergast im Wattenmeer und an der Nordseeküste zu sehen. Für Amrum liegen aber nur wenige Nachweise vor.

Wie aber ist die Brandgans (lat. Tadorna tadorna) zu ihrem falschen Namen gekommen? Vermutlich weil sie in (Dünen-) Hügeln in den dortigen Wildkaninchenhöhlen ihre Brutplätze hat. Denn wegen ihres auffallend bunten Federkleides kann sich die Brandgans nicht in die offene Vegetation wagen, sondern bedarf zur Tarnung bei der Brut des Dunkels einer Höhle. Sie kann sich aber nicht selbst eine solche graben, sondern ist auf vorhandene Höhlen angewiesen. Das können vor allem solche von Wildkaninchen sein, die auf etlichen Nordseeinseln zu finden sind, aber auch Höhlen sonstiger Art, etwa in Stohdiemen, unter den Fußböden von Strandschuppen oder kieloben liegenden Ruderbooten. Dort, wo es keine natürlichen Höhlen gibt, wie z. B. auf den Halligen oder früher auf Sylt und Föhr, als es dort noch keine Wildkaninchen gab, legten Insulaner künstliche Höhlen an, an deren Ende sich ein Kessel für die Anlage einer Brut befand. Hier befand sich dann eine Abdeckung, meist in Form von Grassoden, die sich öffnen ließ, um einen Teil der Eier zu entnehmen – sozusagen eine „Nutzungsgebühr“ für die Bruthöhle. Der andere Teil des Geleges aber blieb den Brandgänsen zum Ausbrüten, denn man wollte ja nicht nur den Bestand dieser Vogelart, sondern auch die Wiederkehr in den folgenden Jahren sichern. Trotz der zahlreichen Kaninchenhöhlen auf Amrum wurde diese Form der „Eierernte“ auch vereinzelt hier praktiziert. So richtete Kojenmann Cornelius Peters (Entenfänger in der Vogelkoje Meerum von 1866 bis 1890) in den Wällen der Kojenanlage, rund um den Teich und an den Grabenkanten etliche Kunsthöhlen an und „erntete“ regelmäßig „Bergenteneier“, insgesamt in der Zeit seiner Kojentätigkeit über 1.500 Stück laut seinen Tagebuchaufzeichnungen.

Und in der Mitte des vorigen Jahrhunderts legte der Amrum-Amerikaner Karl Jensen solche Kunsthöhlen in Ackerwällen an, die sich von der Inselgeest bis zum Wattenmeer herunterzogen und wegen der Nähe zum Watt von Brandgänsen oft zum Eierlegen genutzt wurden. Karl Jensens Vorfahren stammten allerdings von Sylt, wo das Eiersammeln eine ganz große Rolle spielte. Im Listland sollen Brandgänse sogar mittels solcher Kunsthöhlen faktisch als Haustiere gehalten worden sein.

In der Regel wurde das Eiersammeln auf Amrum aber mit Hilfe eines „Beraganstooks“ betrieben, ein um die zwei Meter langer, biegsamer Rattanstab mit einer zusammengedrehten Drahtverlängerung, deren Ende zu einer Eiform gedreht war. Damit angelte man in Kaninchenhöhlen hinein, wo Brandgansgelege vermutet wurden. Stieß dann der Stab auf ein Gelege, gab es ein unüberhörbares hartes Kratzgeräusch, und nun konnte Ei um Ei aus dem Dunkel der Höhle „herausgeangelt“ werden. Hatte der Eiersammler Glück, stieß er auf Gelege von mehreren Brandgänsen. Bis zu 27 Eier wurden schon aus Kaninchenhöhlen herausgeholt, die Gelege von mindestens drei Gänsen, die sich mehr oder weniger friedlich – offenbar aus Mangel an geeigneten Höhlen – zusammengetan hatten.

Von Krähen und Möwen dezimiert

Es wimmelt im Amrumer Watt – mit Ausnahme einiger Wochen im Spätsommer/Frühherbst, wenn die Mauserzeit fällig ist und Zigtausende von Brandgänsen zwecks Gefiederwechsel im Watt bei dem Großen Knechtsand vor der Elbemündung versammelt sind – von etlichen hundert Brandgänsen bzw. – paaren, im Watt vor der Nordspitze, vor allem vor dem Lahnungsfeld der Salzwiesen am Asphaltdeich der Norddorfer Marsch bis hinunter nach Nebel und Steenodde und in der Kniepsandbucht bei Wittdün. Überall leuchtet das bunte Gefieder der Tadorna auf den grauen Wattenflächen, wo die Vögel in Pfützen und Wasserläufen nach Nahrung schnabulierend hin und her eilen.

Bald nach dem Schlüpfen verlassen die Küken die Bruthöhle

Wie alle jungen Enten und Gänsen sind auch die Brandgänse Nestflüchter. Nur wenige Stunden nach dem Schlüpfen drängen sie aus dem Dunkel der Bruthöhle und werden in der Regel von beiden Elternvögeln, Gans und Ganter, zum Wattenmeer geführt. Dies ist ein gefährlicher Weg. Denn werden sie von Möwen oder Krähen entdeckt, greifen diese sofort an und versuchen, Junge zu erbeuten, was auch immer gelingt, weil Brandgänse eine höchst unsinnige Abwehrstrategie entfalten: Sie fliegen hinter dem Angreifer her und entfernen sich dabei minutenlang von der Schar ihrer Jungen. Diese irren nun piepsend im Geländer umher, und sofort sind weitere Möwen und Krähen zur Stelle, um Beute zu machen. Dabei fangen Möwen einen Jungvogel und fliegen damit weg, um diesen aufzufressen. Aber die Krähen fangen und töten einen Jungvogel, verstecken diesen als „Nahrungsdepot“ in dichtem Gezweig und sind ganz schnell wieder zur Stelle, bis von einer Schar aus 8-10 Jungen eines Brandganspaares keines mehr vorhanden ist, ein Vorgang, der sich binnen weniger Minuten abspielt, wie es der Verfasser selbst einige Male erlebt hat!

Immer wieder gerieten und geraten Brandganspaare mit ihren Jungen auf der Wanderung von den Dünen zum Wattenmeer auch in die Dörfer, wo sie dann an Gartenzäunen oder Gebäuden hängenbleiben. Tauchen dann Menschen oder Autos auf, flüchten die Altvögel und lassen in der Regel ihre Jungen im Stich. Man kann dann die Jungen zum Amrumer Wattufer bringen, wo sie – wenn es glückt! – von anderen Familien aufgenommen werden. Aber in den meisten Fällen stoßen Brandganspaar fremde Junge ab, und diese sind dann sehr bald von Möwen erbeutet. Allerdings kommt es sehr oft auch zu einer unfreiwilligen Vermehrung von Jungenscharen, wenn Familien im Watt zu nahe aneinandergeraten. Dann entbrennt bei den aggressiven Brandgänsen ein heftiger Streit, wobei das unterlegene Paar vertrieben wird. Aber während die Elternvögel streiten, schwimmen die Scharen der Jungen ohne Komplikationen zusammen und lassen sich nicht mehr auseinandersortieren. So wächst kampfstarken Brandganspaaren immer mehr an Jungvögeln zu, was sie dann auch tolerieren. Im Sommer 1976 schwamm in der Wattenbucht vor dem Norddorfer Deich ein Brandganspaar mit etwa 125 Jungen, dem Nachwuchs von fünfzehn, zwanzig anderen Paaren, aber auch ein Paar mit nur e i n e m Jungvogel. Insgesamt wurden im genannten Jahr in der besagten Wattenbucht 11 Paare mit 675 Jungen gezählt.

Bei Ebbe waren die Brandganspaare mit ihren Jungen weit draußen auf dem Watt in den Pfützen und Prielen. Bei Flut kamen sie mit dem auflaufenden Wasser bis an die Küste, um in den dortigen Lahnungsfeldern über die Zeit des Hochwassers zu ruhen.

Brandgänse ohne Bruterfolg

Heute, Jahrzehnte später, werden am Amrumer Wattufer zwischen Norddorf und Wittdün nur zwei, drei Paare mit Jungen notiert. Aber es wimmelt, wie erwähnt, von Brandganspaaren während der Brutzeit im Amrumer Watt. Und es fehlt auch unverändert nicht an Wildkaninchenhöhlen als geeignete Brutplätze. Ebenso ist ein großer Teil des Wattufers vor Norddorf, von der Nordspitze bis über das Annland hin und ebenfalls das Wattufer vor Nebel mittels Lahnungen für die Landgewinnung hektarweise durch Buschbuhnen eingeteilt, so dass Junge führende Brandganspaare nicht mit anderen in Berührung kommen müssen und dadurch bedingte Revierkämpfe vermeiden können – ein einmalig idealer Zustand für eine Brandganspopulation!

Aber warum schreiten von den anwesenden Brandganspaaren nur ganz wenige zur Brut? Ein großes Rätsel der Amrumer Vogelwelt.

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