Amrum blieb deutsch


 

Vor 100 Jahren, am 14. März 1920, fand in unserer Heimat ein politisches Ereignis statt, dessen Ausgang zu einer tiefgreifenden Veränderung der Lebensverhältnisse auf unserer Insel geführt hätte, wenn ein anderes Ergebnis zu verzeichnen gewesen wäre. Es ging um nichts weniger als um die staatliche Zugehörigkeit bei der Abstimmung im deutsch-dänischen Grenzraum. Die Abstimmung betraf den nördlichen Teil von Schleswig-Holstein, nämlich den Landesteil Schleswig. Und Ursache war das aus einem Wirrwarr der politischen Geschichte entstandene Mit- und Nebeneinander von dänischer und deutscher Bevölkerung unter wechselnder Staatsgewalt.

Über Jahrhunderte waren Amrum und Westerlandföhr als Harde bzw. Birk Teile des Königreiches Dänemark

Amrum stand etwa seit der Wikingerzeit, also seit dem 8./9. Jahrhundert, mehr oder weniger intensiv unter der Oberhoheit dänischer Könige. Die detaillierte Landeszugehörigkeit wird erstmalig im “Jordebog”, im “Erdbuch” von Waldemar II. anno 1231 dokumentiert. Amrum gehörte als sogenanntes “Kununglef” unmittelbar zum Königreich Dänemark, zusammen mit Westerlandföhr, dem westlichen Teil von Föhr. Zusammenhängend werden sie zunächst “Westerharde”, später “Birk” genannt, beides mittelalterliche dänische Verwaltungsbezirke. Sitz des Hardes bzw. Birkvogtes war Nieblum. Der östliche Teil von Föhr aber gehörte zu Osterlandföhr (mitsamt der Kirche St. Johannis). Und der “Flickenteppich” der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg war entstanden, weil das Königshaus die Erbansprüche von Söhnen zufriedenstellen wollte. Die Herzogtümer gehörten aber unter der Oberhoheit des dänischen Königshauses zum “Gesamtstaat”, entwickelten aber natürlich doch Eigenständigkeit und tendierten schließlich nach Süden, zum deutschen Bund, so dass Komplikationen und Auseinandersetzungen unvermeidlich blieben und sich schließlich auf die Frage dänisch oder deutsch konzentrierten.
Die Westerharde bzw. die Birk Westerlandföhr-Amrum wurde von diesen Vorgängen aber nur am Rande berührt.

Für “ewige Zeiten vom Kriegsdienst befreit…”
Die dänische Verwaltung war lose und liberal. Sie war auf Amrum mit fast keinen besoldeten Beamten vertreten. Nur die Bauernvögte in den zwei Gemeinden Norddorf und Nebel hatten gewisse Befugnisse und erhielten von “höheren Orts” gelegentlich die eine oder andere Order, doch wurde auch z. B. vom Küster der St. Clemens-Gemeinde beklagt, dass “auf dieser von Beamten entblößten Insel den erlassenen Verordnungen nur unzureichend nachgelebet werde…”. Anordnungen der Obrigkeiten wurden übrigens Sonntags in der Inselkirche vom Küster verlesen oder in der Bauernstube ausgehängt. Allerdings spielten auch die Strandvögte eine gewisse Rolle, die nicht selten zu Auseinandersetzungen mit den “Strandräubern” und sogar zu Gefängnis und Zuchthaus führte. Einen Gendarm gab es auf Amrum aber nicht. Zur Förderung der ungehinderten Seefahrt wurden die Inselfriesen 1735 für “ewige Zeiten von allen Kriegsdiensten zu Lande befreit”. Nur in Kriegsfällen mussten sie eine kleine Mannschaft auf der Königlichen Flotte stellen, konnten diese aber selbst auswählen, worüber es für Föhr einige Beispiele gibt. Von Amrum sind aber keine Kriegsdienste bekannt – ein Zustand, der den Amrumern gefiel. Und als im Jahre 1771 der Reformer Struensee beschloss, die Verwaltung und Gerichtsbarkeit der Enklave mit dem Herzogtum zu vereinen, baten die Repräsentanten von Westerlandföhr und Amrum den König “pro futura und zu ewigen Zeiten unter der dänischen Jurisdiction zu verbleiben und fernerhin nach den sanften und weltgepriesenen dänischen Verordnungen und Gesetzen gerichtet zu werden” und waren sogar bereit, eine Steuererhöhung zu akzeptieren.

Nationalismus breitet sich aus
Die nationale Zugehörigkeit spielte Anfang des 19. Jahrhunderts zumal auf der abgelegenen Insel Amrum bzw. in der Birk keine große Rolle. Hinsichtlich ihres Berufs- und damit Wirtschaftslebens waren die Bewohner als Seefahrer über Europa, über die Häfen Antwerpen, Amsterdam, Bremen, Altona (später Hamburg), Flensburg, Kopenhagen, St. Peterburg und andere verstreut. Ihre “Nation” war Amrum bzw. Föhr. Aber dann erwachte in Europa eine Art Nationalgefühl. Und als der Sylter Uwe Jens Lornsen um 1830 in Verbindung mit der Kieler Universität für eine weitgehende Selbständigkeit der schleswig-holsteinischen Herzogtümer und damit für eine Loslösung aus dem dänischen Gesamtstaat plädierte, wurde eine Bewegung ausgelöst, an deren Ende schließlich die Lösung der Herzogtümer aus dem Königreich Dänemark stand. Uwe Jens Lornsen setzte am 13. Februar 1838 seinem unruhigen, verwirrten Leben am Genfer See ein Ende, aber die Selbständigkeitsbestrebungen und damit faktisch der Gedanke eines weitgehend unabhängigen Staates Schleswig-Holstein war in der Welt und zog weitere Kreise.

Uwe Jens Lornsen von Sylt gilt als Initiator der Loslösung der Herzogtümer von Dänemark

Am 10. Juni 1844 fand in Bredstedt ein “Volksfest” für alle Nordfriesen statt. An diesem Volksfest nahm auch der Amrumer Historiker Knud Jungbohn Clement (1803 – 1873) teil. Aber was wohl ursprünglich als “Fest der Friesen”, die bis dato keinerlei Gemeinschaft der verschiedenen insularen und festländischen Völkerschaften mit ihren zum Teil sehr unterschiedlichen friesischen Dialekten kannten, gedacht war, entwickelte sich zu einem Bekenntnis zu einem d e u t s c h e n Schleswig-Holstein. Spätere “Volksfeste” hatten einen ähnlichen Charakter. Laut wurde das “Schleswig-Holstein-Lied” gesungen (“Schleswig-Holstein meerumschlungen, d e u t s c h e r Sitte hohe Wacht…”) und ein aus Westfriesland stammender Schlachtruf “Lewer duad üüs Slaaw” (Lieber tot als Sklave) wurde aktiviert und entwickelte sich bald zu einem bis heute gebräuchlichen Kernspruch der Friesen. Mit der “Versklavung” war die Regierung unter Dänemark gemeint, wofür aber keinerlei geschichtlichen Belege vorhanden sind.
1848 kam es zur “Erhebung” der Schleswig-Holsteiner gegen Dänemark, die aber 1850 niedergeschlagen wurde. Und dieser auf dem Festland sich abspielende Krieg griff mit einem bemerkenswerten Vorfall auch auf Amrum über. Anfang September 1850 landete ein Leutnant namens Lamp mit zunächst 30, dann 60 Mann einer schleswig-holsteinischen Truppe auf Amrum und verlangte die Herausgabe von drei Kanonen, die noch aus der Zeit des dänisch-englischen Krieges (1807 – 1814) am Pastorat lagerten. Der Pastor Lorenz Friedrich Mechlenburg aber verweigerte die Ablieferung der Kanonen und wurde dabei von herbeigeeilten Dorfbewohnern unterstützt. Leutnant Lamp aber ließ seine Soldaten auf die Insulaner anlegen, “so dass wir auf drei Schritt etwa 5 Minuten den Gewehrmündungen gegenüberstanden, bis sich der Anführer der Insurgenten eines Besseren besann und seine Leute abmarschieren ließ…”
Mit der Niederschlagung der “Erhebung” waren die politischen Ziele aber nicht aus der Welt. Sie verhärteten sich auf beiden Seiten. Und als 1863 die dänische Regierung versuchte, mit einer neuen Verfassung wenigstens das uralte dänische Land Schleswig in das Königreich einzubinden, kam es 1864 erneut zum Krieg, diesmal mit der Übermacht von Preußen und Österreich unter dem Kommando von Bismarck. Dänemark verlor diesen Krieg und musste die Herzogtümer von Schleswig-Holstein mitsamt den reichsdänischen Enklaven Westerlandföhr-Amrum an die Sieger abtreten. Zwar hatte Österreich schon damals eine Abstimmung über die zukünftige Staatsgrenze im nördlichen Schleswig verlangt, aber Bismarck lehnte dies ab.

Seeschlacht bei Helgoland am 9. Mai 1864 zwischen Preußen-Österreich und Dänemark

Die Abstimmung 1920
Eine Eigenschaft von Kriegen ist die Verschiebung von Grenzen. Was erobert und “einverleibt” wurde, lässt sich dann nur behalten, wenn ein nachfolgender Krieg nicht verloren geht und sich keine Völkerschaften regen, um eine andere Nationalität zu erlangen. Wie erwähnt, hatte nach dem Krieg von 1864 und der Erklärung der schleswig-holsteinischen Herzogtümer zu preußischen Provinzen der Mitsieger Österreich wegen der großen, eindeutig dänischen Volksgruppe im Landesteil Schleswig eine Abstimmung über die zukünftige Zugehörigkeit verlangt, die aber von Bismarck aus durchsichtigen Gründen abgelehnt worden war. Nun kam aber nach dem 1. Weltkrieg und der deutschen Niederlage das Problem verstärkt auf die Tagesordnung, und zwecks Abstimmung wurde der nördliche Landesteil bis hinunter zur “historischen” Grenze längs der Eider in drei Zonen aufgeteilt. In der Zone I, dem heutigen Nordschleswig bzw. Sönderjylland, waren die Verhältnisse relativ klar, und die hier erfolgte Abstimmung ergab dann auch am 10. Februar 1920 eine Mehrheit von knapp 75% für Dänemark.
Heiß umkämpft aber war die Zone II, wobei sich das Hauptaugenmerk auf Flensburg richtete. Aber auch auf Amrum ging es turbulent zu. Weil die Insel fast 1000 Jahre zum Königreich Dänemark gehört hatte, wurde ein entsprechendes Votum nicht ausgeschlossen. Und einige Dänen, darunter ein Kinobesitzer aus Kopenhagen namens Petersen, kauften mehrere der großen Hotels in Wittdün und andere Einrichtungen, um gleich ein komplettes Seebad zur Hand zu haben.
Etliche Veranstaltungen fanden in den damals großen Hotelsälen auch in Nebel und Norddorf statt, und es ging hoch her, wobei es nicht an Propaganda und Parolen fehlte, die man am ehesten als deutsch-national bezeichnen könnte. Schon Tage vor der Abstimmung hatten Bahn und Dampfer aus dem Deutschen Reich zahlreiche auf Amrum geborene und damit abstimmungsberechtigte Personen auf die Insel gebracht, und die Säle “waren gedrängt voll. Die dänischen Redner stellten die traurigen Zustände nach dem verlorenen Weltkrieg in den Vordergrund, während die deutschen Redner sich um das Herz der Zuhörer bemühten. Die Versammlungen endeten dann mit einem kräftig gesungenen Deutschland- und dem Schleswig-Holstein-Lied”, notierte der damalige Hauptschullehrer Lorenz Konrad Knudsen, von Föhr stammend und wie fast alle Lehrer in jener Zeit stramm deutsch orientiert.
Das Abstimmungsergebnis lautete dann wie folgt: 542 Stimmberechtigte, 508 abgegebene Stimmen, also 94,3 Prozent. Für Deutschland stimmten 425, für Dänemark 81. Besonders bemerkenswert war das Ergebnis in Wittdün. Von den dortigen 58 Stimmen hatte keine einzige für Dänemark votiert – ein Ereignis, auf das die allerdings fast ausschließlich “hochdeutschen” Einwohner Wittdüns zeitlebens stolz waren. Allerdings hatten sie dann nur 13 Jahre später auch als einzige auf Amrum eine “Adolf-Hitler-Straße”.

2020 Georg Quedens     Urheberrecht beim Verfasser

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