Ein Amrumer Seemannsgrab in der Ferne


“Jammerbucht” heißt im nördlichen Jütland eine Meeresbucht am Skagerak. Der Name mahnt an die zahlreichen Strandungsfälle und die zahlreichen Toten, verursacht durch Stürme unter den Segelschiffen, die, vom Atlantik, von England oder Hamburg kommend, um das dänische Nordkap “Skagen” herum in die Ostsee wollten. Und eben südlich davon, schon an der Nordseeküste liegend, hinter den Stranddünen ein kleiner Ort mit Kirche – Nörre Vorupör genannt, früher ein Fischerdorf, heute von sommerlichem Fremdenverkehr geprägt. Nur ein paar Kutter sind noch vorhanden, und mangels Hafen werden sie nach der Heimkehr maschinell auf den Strand gezogen.
Einen knappen Kilometer landeinwärts, im sanften Auf und Ab der Dünenheide, liegt ein grasbewachsener Hügel mit windzerzausten Bäumen rundum – der alte Friedhof von Nörre Vorupör, der aber lange schon nur noch in Ausnahmefällen genutzt wird, weshalb der Weg dorthin auch spurlos und überwachsen ist. Aber hier stehen zwei Grabsteine, die uns aus den Jahren 1885 und 1890 die Dramatik des dänischen und des deutschen Rettungwerkes auf der Nordsee vermitteln.

Nörre Vorupör an der jütländische Küste.

Der erste Stein trägt die Namen von acht Männern im Alter zwischen 17 und 67 Jahren, die am 26. März 1885 als Rettungsmänner ihr Leben verloren. Und der andere Stein wurde dem Andenken an zwei Amrumer gesetzt, die – ebenfalls als Rettungsmänner – am 30. Oktober 1890 ums Leben kamen, Jens Peter Bork und Theodor Flor.

Strandungsdrama bei Wenningstedt-Sylt
Am Tag vorher, dem 29. Oktober 1890, stieß der englische Schoner “Reintjedina”, mit Tonröhren von Dundee (Schottland) nach Hamburg bestimmt, “im fliegenden Südweststurm” in Höhe von Wenningstedt auf ein Sandriff und ging sofort unter. Die Besatzung, vier Mann, konnte sich mit letzter Not in die Masten retten. Sofort wurde auf der Höhe des Roten Kliffs der Raketenapparat in Stellung gebracht, aber infolge des heftigen Sturmes gelang es erst nach 30 Schüssen, eine Verbindung zum gestrandeten Schiff herzustellen. Als Erster wagte sich der Steuermann von Bord, konnte aber nur, weil unterwegs ertrunken, als Leiche an Land gezogen werden. Dann folgte der Koch, sehr erschöpft, aber immerhin noch lebend. Dann wurde es Nacht und dunkel, und die Verbindung riss, so dass weitere Rettungsversuche für die noch im Mast hängenden Schiffbrüchigen, den Kapitän Reed und den Schiffsjungen Miller, nicht mehr möglich waren. Am nächsten Tag wurden weitere Leinen-Raketen zum Wrack geschossen.

Vergebliche Rettungsversuche mit Leinen-Raketen.

Aber die halbtoten Schiffbrüchigen hatten nicht mehr die Kraft, die stärkeren Trossen mit der Hosenboje hinüber zu ziehen. Das Lister Rettungsboot konnte wegen der hohen See nicht auslaufen, und ebenso misslang der Versuch, mit dem herbeigeschafften Badeboot von Westerland durch die Brandung zu kommen. Die Rettungsaussichten der Schiffbrüchigen sanken auf den Nullpunkt, und verzweifelt schaute die wachsende Menschenmenge auf dem Roten Kliff auf das Drama vor ihren Augen. Es verbreitete sich die Ansicht: “Wenn dies auf Amrum passiert wäre, wären alle Schiffbrüchigen längst gerettet”. Der Postinspektor Schütz aus Westerland konnte den Anblick nicht länger ertragen. Er eilte in sein Amt und telegrafierte nach Amrum an den Posthalter Hinrich Ph. Hansen: “Hier Inspektor Schütz. Ich komme von der Strandungsstelle bei Wenningstedt. Die Raketen sind vergeblich verschossen. Das Lister Rettungsboot ist wieder abgesegelt. Die Brandung ist nach Aussage von Kennern mäßig. Können Sie Seeleute mobil machen, da hier zur Rettung der Mannschaft in den Masten nichts geschieht”.

Gestrandet und gesunken. “Reintjedina” vor Sylt.

Der Amrumer Posthalter (ehemaliger Kapitän Großer Fahrt) reichte das Telegramm an den Vorsteher des DGzRS-Ortsausschusses Julius Schmidt (ebenfalls ehemaliger Kapitän), der die Rettungsmannschaft der Station Nord alarmierte, in deren Schuppen am Norddorfer Strand das Rettungsboot “Theodor Preußer” lag.

Gekentert bei Hörnum
Die Amrumer zögerten nicht, ungeachtet der Entfernung zum Strandungsort von etwas 40 Kilometern! Um 2 Uhr nachmittags ging das Amrumer Rettungsboot in See, und ungeachtet der hochgehenden See kam das geruderte und mit kurzem Mast gesegelte Boot bis Hörnum voran. Aber eben außerhalb der Sylter Südspitze, als alle glaubten, nun sei auf tieferem Wasser alle Gefahr überwunden, lief eine steile Grundsee in das Rettungsboot und brachte es zum Kentern. Alle zehn Männer wurden herausgeschleudert und trieben mit ihren Korkwesten im Wasser. Dank seiner Konstruktion richtete sich das Boot aber mit einer folgenden Welle wieder auf, und es gelang den Männern, nach und nach wieder in das Boot zu kommen, das allerdings randvoll mit Wasser war. Nach Erzählung eines alten Amrumer Seefahrers, Richard Matzen, war es vor allem dem jüngsten der Rettungsmänner, Gerret Peters aus Norddorf, zu verdanken, dass die meisten der verunglückten Rettungsmänner wieder das Boot erreichten. Aber zwei Männer fehlten! Der eine, Jens Peter Bork, trieb ganz in der Nähe, rührte sich aber nicht mehr, vermutlich, weil er von dem kenternden Boot erschlagen worden war. Der andere, Theodor Flor, ein Bruder des Vormannes Volkert Flor, trieb weiter weg und war nicht mehr zu erreichen. Er verschwand mit einem letzten Winken in der wildbewegten See. Es gelang dann, zwei Riemen aufzufischen und mit den Südwestern einen Teil des Wassers aus dem Boot zu schöpfen, so dass es schwimmfähig blieb. Nach stundenlanger Mühe gelang es, den etwa eine Seemeile entfernten Strand von Hörnum zu erreichen und durch die Brandung an Land zu kommen. Hier brachen einige der Männer erschöpft zusammen, während zwei der jüngeren zu dem etwa 12 Kilometer entfernten Dorf Rantum eilten, um Hilfe zu holen. Sofort wurde ein Pferdefuhrwerk nach Hörnum gesandt, und gegen Mitternacht trafen die Überlebenden in Rantum ein, wo sie von den Dorfbewohnern versorgt wurden (das früher große Dorf zählte aber nur noch fünf Häuser. Die anderen waren von Sturmfluten zerstört oder mitsamt der Kirche von Wanderdünen begraben. Hörnum, die Sylter Südspitze, war damals noch unbewohnt).
Das Unglück des Amrumer Rettungsbootes war aber nicht ganz unbemerkt geblieben. Von einer Anhöhe des Friesendorfes Norddorf (wo heute das Kaufhaus Jannen steht), hatte der Leiter der Austernfischerei, Roluf W. Peters, mit seinem Spektiv die Fahrt verfolgt und das Kentern der “Theodor Preußer” beobachtet. Sofort rannte er nach Nebel zum Posthalter und sandte ein Telegramm mit Hilferuf nach Westerland zwecks Weitergabe nach Rantum. Dort kam die Depesche aber erst um Mitternacht an, als die ersten Überlebenden der Unglücksfahrt schon in Rantum angekommen waren.

Die Witwe Josephine Bork

Als die Überlebenden am nächsten Tage heimkehrten, offenbarte sich das ganze Ausmaß dieser vergeblichen Rettungsfahrt. Die Witwe von Jens Peter Bork hatte sieben Kinder – davon zwei aber schon außerhalb des Hauses. Und die Witwe von Theodor Flor hatte fünf Kinder, das älteste 14 Jahre alt. Es war ein glücklicher Zufall, dass sich der Inspektor Pfeiffer der DGzRS (Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger) gerade auf Amrum befand und den Witwen die Zusicherung einer Versicherung und sonstiger Zahlungen versprechen konnte, die in etwa dem Jahresverdienst (damals um 560 Mark) der Ehemänner entsprachen.

Das Grab in der Ferne
Die Schreckensnachricht vom Unglück des Amrumer Rettungsbootes verbreitete sich auf Sylt ganz schnell, und die Hoffnung für die beiden noch im Mast der “Reintjedina” hängenden Seeleute sank auf Null. Aber zwei Tage später drehte der Wind, und eine mutige Mannschaft von vier Syltern konnte mit dem Westerländer Badeboot das Wrack erreichen. Der Schiffsjunge Miller lebte noch, aber der Kapitän war kurz vor der Rettung gestorben.
Zwei Wochen später kam ein Telegramm bei der Poststation in Nebel an: “Zwei Leichen mit Rettungsgürtel an Land geborgen. Vermutlich von der Rettungstation Amrum. Werden in vier Tagen begraben”. Der Vormann des verunglückten Norddorfer Rettungsbootes, Volkert Flor, machte sich unverzüglich auf den Weg nach Nörre Vorupör, identifizierte die Toten und lieferte einen umfangreichen Bericht über die Beerdigung.
Die beiden Amrumer Rettungsmänner wurden mit allen Ehren begraben: “Am Tage der Beerdigung wurden die Leichen mit Blumen und Kränzen geschmückt. Das Zimmer war mit Flaggen ausgehängt, wie denn auch letztere von allen Häusern halbmast wehten. Die Särge wurden von den dortigen Rettungsmannschaften getragen und zunächst in die Kirche gebracht und dann mit zwei Flaggen auf den Weg zum Friedhof gebracht (…) die ganze Bevölkerung nahm an der Beerdigung teil.”

Der Autor am Grab seines Urgroßvaters.

Die Anteilnahme am Schicksal anderer ist in Dänemark sehr verbreitet. Sie wurde in Nörre Vorupör noch verstärkt, weil der Ort – wie erwähnt, nur wenige Jahre zuvor ein ähnliches Unglück mit acht Toten erlebt hatte.
Der Grabstein wurde laut einer Inschrift von den Feuerwehrkameraden in Norddorf gestiftet – und er steht noch heute, 130 Jahre nach der Unglücksfahrt der “Theodor Preußer”.
2020 Georg Quedens Urheberrecht beim Verfasser

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