Vor 50 Jahren – ein Dachs auf Amrum


 

Ein Dachs, unverkennbar an seinen weißen Kopfstreifen

Ein halbes Jahrhundert ist es nun her, da meldete die Amrumer Wildbahn ein ungewöhnliches Ereignis: Das Auto eines Kurgastes war im Morgengrauen auf der Straße zwischen Nebel und Norddorf mit einem schwergewichtigen Tier kollidiert, und letzteres hatte sich dabei in die “ewigen Jagdgründe” verabschiedet. Aber was war das für ein Tier? Amrumer Jäger wurden zur Stelle gerufen, und einer, ein Bäckermeister aus Nebel, wusste Bescheid. “Ein Frischling”, also ein ganz junges Wildschwein, war seine Feststellung. Aber dann wurde dieses gänzlich unbekannte Tier mit dem wunderbaren Fell und den weißen Streifen am Kopf als das identifiziert, was es war – ein Dachs!
Der Dachs war etliche Jahre vorher aus einem Gehege des Verfassers in der Norddorfer Marsch ausgebrochen, wo er als halbwildes Jungtier gehalten worden war. Der Gehegedraht war halbmetertief in den Boden eingegraben, aber der Dachs hatte sich eines Nachts, ungeachtet des hoch anstehenden Grundwassers, darunter durchgegraben.
Weg war er und wurde jahrelang nicht gesehen. Nur der Busfahrer Werner Peters soll das an sich auffällige und große Tier einige Male beim Überwechseln über die nächtliche Straße gesehen haben, und auch Wilhelm Hölck erinnert sich an die große und wunderschöne “Katze”, die er in der Ferne im Autoscheinwerfer gesehen hatte – und die er sich damals als kein anderes Tier als eben eine Katze erklären konnte.
Nun lag der Dachs tot am Straßenrand, und erst im folgenden Sommer entdeckte der Norddorfer Jagdpächter Heinrich Schubert in den Dünen südlich des Quermarkenfeuers die gewaltige “Burg” des Dachses. Dieser hatte die kleine Düne bis auf den eiszeitlichen Geestboden ausgegraben. Tonnen von Sand, vermischt mit Geröllen und Feldsteinen, lagen zutage – und das inmitten von Silber- und Heringsmöwenkolonien, die sich offenbar nicht an ihrem Nachbarn gestört hatten, der allerdings auch nur nachts unterwegs war, wenn Möwen so gut wie nichts sehen können.
Der Amrumer Dachs wog an die 40 Pfund, das höchstmöglich erreichbare Gewicht, ein Zeichen, dass er gut genährt war. Dachse sind faktisch “Allesfresser”, aber ihre Hauptnahrung sind Bodeninsekten, vor allem Mistkäfer. Aber auch Regenwürmer spielen eine beachtliche Rolle, und natürlich bei Gelegenheit auch junge Kaninchen, Mäuse und die Eier von Bodenbrütern. Aber in letzterem Fall machte sich der Dachs – anders als die später in den 1990er Jahren ausgesetzten Füchse, nicht bemerkbar. Vielleicht waren die Möweneier auch nur zu groß? Auch Frösche und Eidechsen gehören zur Nahrungsvielfalt der Dachse – und Beeren. Der Amrumer Dachs wird im Hochsommer reichlich Krähenbeeren gefressen haben, ebenso in den Dünenmooren die blauen Rauschbeeren. Der versierte Naturkenner Gerhard (“Geke”) Gerrets aus Süddorf, der als Jungjäger den Totfund des Dachses miterlebte, meint allerdings, dass die vielen durch die damals auftretende Myxomatose kranken und leicht zu fangenden Wildkaninchen die gute Ernährung des Dachses begünstigt hatten.
Im Gegensatz zu einer verbreiteten Meinung sind Dachse aber keine Winterschläfer. Wohl sinkt ihre Körpertemperatur um einige Grade ab, und sie liegen in ihrem frostsicheren unterirdischen Bau in langer Ruhe. Aber auch im Schnee sind ihre Spuren zu finden, sind auf Amrum allerdings mangels anhaltender Schneelagen nie bestätigt. Es müssten aber etliche nächtliche Autofahrer, Inselgäste und Einheimische, in den 1960er den Dachs im Scheinwerferlicht gesehen haben, ein großes Tier mit auffallend weißen Kopfstreifen. Aber wer hätte je an einen Dachs gedacht!?
Er war übrigens nicht der einzige seiner Art, der auf Amrum nachgewiesen wurde. Als in den 1880er Jahren Prof. Olshausen die vor- und frühgeschichtlichen Grabstätten auf “Ual Hööw” bei Steenodde erforschte, fand er in einer jungsteinzeitlichen Grabkammer den Unterkiefer eines Dachses, der offenbar auf der Insel gelebt hatte, als diese vor 5000 Jahren noch eine Verbindung mit dem Festlande hatte.
Aus jüngerer Zeit werden Dachse nur von Sylt gemeldet, zuerst aus der Eisenbahnschlucht bei Morsum (1953), in den 1990er Jahren dann auch bei Kampen und Keitum, auch mit Nachwuchs im Bau (Wilhelm Hölck). Hier aber erklärt sich das Vorkommen durch die Zuwanderung über den Hindenburgdamm.

2020 Georg Quedens Urheberrecht beim Verfasser

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