Badeleben anno dazumal


Amrum im 19. Jahrhundert. Noch liegt die Insel im Dornröschenschlaf. Die Männer fahren zur See oder lauern auf Strandungsfälle, und die Nordsee brandet wie heute auf den Strand. Aber kein Insulaner – mit Ausnahme vielleicht einiger Kinder – denkt im Sommer daran, zu baden. Insulaner fahren zur See, gehen aber nicht zu Wasser. Auch kann fast niemand, ob weiblich oder männlich, schwimmen. Und infolgedessen meldet die Chronik auch keinen einzigen Badetoten in damaliger Zeit. Wer nicht ins Wasser geht, kann auch nicht ertrinken.

Aber seit Ende des 18. Jahrhunderts wurde das gesundheitsfördernde Baden im Salzwasser von damals schon stressgeplagten Großstadtmenschen entdeckt, und es entstanden zunächst an der englischen Südküste, dann auch an der deutschen Nord- und Ostseeküste Seebäder. In unserer näheren Heimat machte Wyk (1819) den Anfang, gefolgt von Westerland-Sylt (1855). Auf Amrum wehrte man sich zunächst gegen den “Fremden”verkehr, aber ab 1890 gab es kein Halten mehr. Auf der unbewohnten Südspitze Wittdün wurde ein kompletter Badeort mit noblen Hotels und Logierhäusern gegründet, in der Inselmitte an der Satteldüne errichtete eine Wandsbeker Aktiengesellschaft ein mondänes “Kurhaus”, und oben bei Norddorf erbaute Pastor Friedrich von Bodelschwingh seine Seehospize und machte das Friesendorf zu einem Nordseebad. Bald merkten auch die Insulaner, dass man mit Kurgästen mehr Geld verdienen konnte als mit Kühen, und es begann eine rege, bis in die Gegenwart andauernde Bautätigkeit.

Zur Zeit des Kaiserreiches: Herren mit “Prinz-Heinrich-Mütze”, die Damen unter Sonnenschirmen.

“Was sind denn das für Leute”?
Die Kurgäste wurden auf Amrum “Baaselidj”, Badeleute, genannt, eine Bezeichnung, die auch heute noch gültig und wesentlich humaner ist als die kalte Benennung “Tourist”. Aber für die Insulaner, die gewohnt waren, den ganzen Tag im Hause oder draußen auf der Feldmark zu arbeiten, waren die Kurgäste doch ein ganz ungewohnter Anblick. Und als einige ältere Insulaner bei der Feldarbeit die Jüngeren fragten, was denn das für Leute seien und die Antwort erhielten: “Das sind Badeleute”, meinten die Alten, “das muss ein schöner Beruf sein, so am Alltag in Sonntagszeug herumspazieren zu können”.

Es waren aber auch im deutschen Kaiserreich die Jahre allerhöchster Prüderie, die am Badestrand manches Kuriosum bewirkte. Natürlich durften Damen und Herren nicht zusammen baden, und beide Strandbezirke waren voneinander getrennt. Die diesbezügliche Vorschrift lautete, mindestens 150, möglichst aber 500 Meter auseinander – eine Bedingung, die am Amrumer Badestrand dank der Weite des Kniepsandes zur Erleichterung aller einfach zu erfüllen war. Vorgeschrieben waren auch die Badeanzüge, die nicht so eng gefasst sein durften, dass sie typisch weibliche oder männliche Körperformen demonstrierten. Muster der erlaubten Textilien lagen bei der Kurverwaltung aus. Fotos mit “Badezeug” aus der guten, alten Zeit zeigen Gruppen von Menschen, die man auch für eine Kolonne von Sträflingen bei Küstenschutzarbeiten halten könnte, rotgestreift vom Hals bis zu den Knien.

Anno dazumal: Badekarren warten auf “geneigte Benutzer”.

Badeleben nach der preußischen Militärordnung
In der Anfangszeit des Badelebens waren vor allem Badekarren im Einsatz, geschlossene Kabinen auf vier Rädern, die von einem Pferd in die Nordsee gezogen wurden, soweit hinein, bis die Wellen an die Radachsen klatschten. Dann trotteten Ross und Reiter wieder an Land, während sich zur Seeseite hin die Tür des Badekarrens öffnete und der Badegast bzw. gendergerecht die Badegästin erschien, um sich den Elementen anzuvertrauen. Bei etlichen Badekarren fiel auch eine Art Jalousie herunter, um den Badegast bei seinem Tun vor den Augen neugieriger Zuschauer am Strand zu verbergen.

Aber wie verlief nun die Badezeremonie? Bei den Damen wurde empfohlen, “sich mit einem Hofknicks” in die Nordsee zu wagen, während die Anleitung für die Herren der preußischen Militärordnung entsprach: “Ängstliche Naturen ergreifen ein Tau, halten sich an dasselbe fest und fallen auf die Knie, wie es beim Feuern der Grenadiere in der ersten Reihe üblich ist.” Nun konnte aber nicht munter drauflos gebadet werden. Nach sechs- bis siebenmaligem Eintauchen war das Bad laut Vorschrift beendet. Der Badegast verschwand wieder im Badekarren, kleidete sich “landfein” und setzte eine kleine Signalfahne. Ross und Reiter setzten sich wieder in Bewegung und zogen Karren nebst Kurgast bzw. Kurgästin an Land.

Reguliert war aber auch der Bereich des Badelebens. Man durfte nicht einfach irgendwo in die Nordsee steigen. Das Baden an unerlaubten Strandabschnitten kostete eine Strafe von 30 Mark, eine unerhört hohe Strafe: Die Vollpension (einschließlich Hummeressen) im “Kaiserhof” (heute Berlin-Wilmerdorfer Nordseeheim) war für 2,75 Mark pro Tag zu haben!

Am Norddorfer Badestrand, unter Regie vom Seehospiz und dem Hotel Hüttmann, gab es allerdings keine Badekarren. Hier wurde von Badezelten und Badebuden aus gebadet, die direkt am Strand standen und für deren Benutzung die Bedienung 30 Pfennige erhielt. Pferde mussten also nicht gehalten werden, anders als in Wittdün, wo hinter den Ladenbaracken ein Pferdestall stand, der ganzjährig einen erheblichen Kostenaufwand erforderte.

Ende der 1890er Jahre kamen aber auch schon Strandkörbe in Gebrauch, die der mecklenburgische Hofkorbmacher Bantelmann für die dortigen Badestrände konstruiert hatte.

Es fehlte der “kräftige Wellenschlag”
Schon wenige Jahre nach der Gründung des Seebades Wittdün machte sich am dortigen Badestrand, unabhängig von der günstigen Südlage – “geschützt gegen mancherlei Nordwinde”, ein Mangel bemerkbar, der zu sich mehrenden Klagen führte und auch in der Presse seinen Niederschlag fand: Westwärts des Wittdüner Badestrandes lag ein Ausläufer des Kniepsandes, und dieser verhinderte den kräftigen Wellenschlag. Letzterer aber war d a s Kriterium eines Badeortes, und hier hatte Westerland auf Sylt die Nase wieder vorn.

Aber die “Aktiengesellschaft Wittdün Amrum”, geleitet von dem tüchtigen Direktor Heinrich Andresen, zögerte nicht und beschloss zur Saison 1894, draußen auf dem Kniep (etwa in Höhe des heutigen FKK-Strandes) eine großzügige Anlage mit einer Strandhalle und Badekabinen zu errichten, was auch zügig geschah. Und wegen der Entfernung zu den Hotels und Logierhäusern in Wittdün wurde eine Dampfspurbahn (Vorläufer der späteren Inselbahn) dorthin gebaut. Sturmfluten zerstörten allerdings die Anlage, so dass es zu einer erheblichen Kostenüberschreitung kam, die letztendlich eine der Ursachen für den krachenden Konkurs der Aktiengesellschaft im Jahre 1907 war. Aber die Wittdüner Kurgäste hatten eine Badeanlage mit “kräftiger Brandung” – bis 1939!

Das Familienbad
Das Badeleben um 1900 war geprägt von Prüderie und skurrilen Moralvorstellungen. Beispielsweise durften Knaben ab dem 10. Lebensjahr nicht mehr mit der Mutter in das “Damenbad”, sondern wurden zum “Herrenstrand” verwiesen. Auch das Badezeug ähnelte eher einem Trachten- und Kostümfestival, das alle geschlechtsspezifischen Körpermerkmale verhüllte.

Badegäste um 1905, vereint im “Familienbad”.

Aber schon in den ersten Jahren nach 1900 wurde der Sinn der Familientrennung in Damen- und Herrenbad in Frage gestellt, und das “Familienbad” wurde aktuell. Vater und Mutter durften nun mit den Kindern egal welchen Alters und Geschlechtes gemeinsam in die Brandung – zunächst noch misstrauisch von Tugendwächtern beäugt. Beispielsweise beschäftigte sich eine Versammlung von Synodalen in Stettin mit dieser neuen Form der “Unmoral”.

Aber die Entwicklung war nicht mehr aufzuhalten. Im Jahre 1901 wurde zunächst in Westerland auf Sylt ein “Familienbad” eingerichtet, und 1903 folgte auch Wittdün auf Amrum. Nach strengster Beobachtung des Badebetriebes wurde überall festgestellt, wie “unschuldig” und “harmlos” das Familienbaden erfolgte, und man stellte sich die Frage, warum es so etwas nicht schon viel früher gegeben habe. Nur in Norddorf wurde das Badeleben unverändert von den Moralvorstellungen des Christlichen Seehospizes bestimmt, und erst 1925(!) kam es zum “Familienbad”, als ein frecher Regierungsrat aus Kassel sich nicht mehr von der Familie trennen ließ, sondern sich mit derselben in den Wellen vergnügte. Es gab einen Riesenaufstand unter den Gästen im Seehospiz, und ein Professor Pfennigsdorf fragte unter dem Datum vom 4. Juni 1924, “ob sich das Seehospiz das Aufblühen dieser schamlosen Unsitte gefallen lassen wolle”. Pastor Meyer als “Hausvater” im Seehospiz II versprach dem Professor, dass eine schwarze Liste ausgelegt werde und “solche, die sich nicht zu benehmen wissen, von der Wiederaufnahme im Seehospiz ausgeschlossen werden”, bezweifelte aber, ob eine solche Verfügung “die Energie dieser Welle abhalten kann”.

Der nackte Mensch
Es kam aber noch schlimmer! In den 1920er Jahren etablierte sich in hinterlassenen Weltkriegsbaracken im Klappholttal auf Sylt eine Bewegung, die den “Lichtsport”, die Freikörperkultur, propagierte. Das Nacktbaden erregte die Öffentlichkeit, fand aber auch zunehmend Anhänger, besonders nach dem 2. Weltkrieg. Auf Sylt gewann die unbekleidete Prominenz an der B

FKK hat viel Platz auf Amrum

uhne 16 einen legendären Ruf, der sich allerdings in jüngster Zeit wieder normalisierte. Heute ist es nicht mehr chic, sich nackt am Strand zu zeigen.

Auf Amrum wurden in den 1950er Jahren an den Stränden aller drei Inselgemeinden besondere FKK-Badestrände und in den Dünen am Leuchtturm sogar ein eigener Campingplatz für diese Form urzeitlichen Lebens eingerichtet.

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