Der Amrum-News Adventskalender – 8. Türchen


 

Blick zurück: W.D.R. Weihnachtsmärchen-Fahrt

Alle Jahre wieder wurde früher von der Wyker Dampfschiffs-Reederei für die Kinder der Betriebsangehörigen eine Fahrt zum Weihnachtsmärchen ins Theater Flensburg organisiert. Los ging es in der Regel mit einem Extraschiff von Wittdün über Wyk nach Dagebüll, dort stand dann ein Bus bereit, der uns nach Flensburg brachte. Wir Kinder wurden meistens von einem Elternteil begleitet und waren schon bei der Anreise ganz hibbelig. Von Amrum nach Flensburg und da in ein großes Theater, das gab es ja auf Amrum nicht.

Im „riesigen“ Stadttheater angekommen, saßen wir dann angespannt mit großer Vorfreude. Ich erinnere mich an die Märchen „Rotkäppchen und der Wolf“, „Hänsel und Gretel“ oder auch „Der gestiefelte Kater“. Sobald der Vorhang aufging, war es mucksmäuschenstill im Saal. Unsere Augen wurden immer größer, es wurde viel gelacht und am Ende bekamen die Darsteller tosenden Applaus.

Viele Jahre bin ich da mitgefahren, zunächst allein, später mit meiner jüngeren Schwester. Begleitet wurden wir immer von unserer Mutter, Vater musste ja arbeiten!

Nach der Theatervorstellung folgte dann für uns die nächste Überraschung: Omi Flensburg stand vor dem Theater und war voll bepackt mit Weihnachtsgeschenken. Die nahmen wir strahlend in Empfang, mussten uns aber mit dem Auspacken bis zur Bescherung am Heiligabend gedulden. Es war schon Dunkel,  als uns der Bus durch die weihnachtlich beleuchteten Straßen Flensburgs – auch das für uns Inselkinder etwas Ungewohntes – nach Dagebüll zurückbrachte. Dort lag schon das weihnachtlich geschmückte Schiff für uns bereit. Es wurde uns leckere heiße Schokolade serviert und Stollen.

Während der Rückfahrt war er dann plötzlich da – der Weihnachtsmann! Beladen mit einem großen schweren Jutesack ging er durch den Salon, dabei blickte er in so manch erstauntes Gesicht. Das ein oder andere Kind bekam es mit der Angst zu tun, beim Anblick des großen rot gekleideten Mannes mit weißem Vollbart. Eine Freundin meiner Schwester war der Weihnachtsmann nicht geheuer, sie fing sofort an zu weinen, als sie ihn sah. Andere wiederum strahlten voller Freude. Nachdem er Platz genommen hatte, holte er ein großes, dickes Buch heraus und begann vorzulesen. Nein, nein kein weiteres Weihnachtsmärchen … Es waren Geschichten über uns, die er vorlas, und es war nicht immer nur Erfreuliches, was da zu hören war.

Jeder, der namentlich genannt wurde, musste zum Weihnachtsmann und ein Gedicht aufsagen. Das klappte meistens gut. Als Belohnung gab es für alle eine große Weihnachtstüte mit Nüssen, Keksen, Marzipan, Plätzchen, Schokolade, Mandarinen und so. Am Abend haben wir alles dem Papa erzählt. Dann fielen wir erschöpft von der großen Reise in den Schlaf, und in unseren Träumen begegneten wir den Figuren aus dem Märchen und dem Weihnachtsmann. Jetzt kann das große Fest – Weihnachten – kommen!

Ein halbes Jahrhundert ist das nun schon her, aber ich erinnere mich gerne an diese Fahrten und bedanke mich im Namen aller Mitreisenden bei der Wyker Dampfschiffs-Reederei. An dieser Tradition wurde lange Zeit festgehalten: Zuletzt gab es Weihnachtsmärchen-Fahrten zur Halligtor-Bühne nach Bredstedt, diese wurde 1981 ins Leben gerufen. Vor gut 10 Jahren wurden sie dann aufgrund mangelnder Beteiligung eingestellt. Leider gibt es kein Bildmaterial zu diesen Fahrten! Nicht einmal die W.D.R. hat etwas in den Archiven. Heute undenkbar, jeder hat ein Handy …

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Über Gerd Arnold

Gerd Arnold, 1957 in Nebel auf Amrum geboren. Ein „echter“ Amrumer mit der friesischen Sprache (öömrang) aufgewachsen. Bis 1972 die Schule in Nebel besucht, danach Elektroinstallateur in Wittdün gelernt. 1976/77 in Wuppertal den Realschulabschluss nachgeholt. Ab Oktober 1977 als Berufssoldat bei der Bundesluftwaffe und seit November 2010 Pensionär. Nach vielen Jahren der verzweifelten Suche nach passenden „bezahlbaren“ Wohnraum auf Amrum endlich fündig geworden, seit Februar 2022 wieder ständig auf Amrum. 2019 ins Team der Amrum News integriert, aber das soll neben dem Angeln nicht die einzige Aktivität auf der Insel bleiben.

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