Apartag öömrang wurden – Seltsame friesische Wörter …


Handschriftliche Liste von Heinrich Claus Jochen Arpe

In der Nordfriesischen Wörterbuchstelle der Universität Kiel liegt eine handschriftliche Liste mit Wörtern in Amrumer Friesisch, niedergeschrieben von Heinrich Claus Jochen Arpe (1877-1946), der von Lehrer 1895 bis 1898 Lehrer in Nebel und von 1902 bis 1932 in Norddorf war. Wann er diese Liste angefertigt hat, ist nicht bekannt, aber es wird wohl zwischen 1920 und 1940 gewesen sein. Er führt in dieser Liste unter anderem zusammengesetzte Wörter an, deren Bestandteile aus gängigen, allgemein bekannten Begriffen bestehen. Werden diese aber zusammengefügt, ergeben sie eine spezielle Bedeutung. Meistens beschreiben sie Situationen des täglichen Zusammenlebens oder das Aussehen bzw. die Eigenschaften einer Person, und das oft im negativen Sinn. Zu Arpes Zeiten mögen diese Begriffe noch allgemein bekannt gewesen zu sein, weswegen er auch meistens keine deutsche Übersetzung aufführt. Heute aber, mit dem abnehmenden Gebrauch des Friesischen, sind gerade diese speziellen Wörter in Gefahr, in Vergessenheit zu geraten. Einige dieser Wörter sollen hier daher einmal aufgeführt werden.

Das von Arpe aufgeführte Wort hünjäären setzt sich zusammen aus Friesisch hünj ‘Hund’ und äären ‘Auftrag, Botschaft, Anliegen’, wörtlich übersetzt also „Hundsanliegen“ oder auch „Hundsbesorgung“, was im Deutschen aber keinen Sinn ergibt. Im Friesischen bezeichnet dieses Wort ein Scheinanliegen, vor allem, wenn jemand unter einem Vorwand zu Besuch kommt, nur um ein wenig zu tratschen oder auch die Gelegenheit nutzen will, einmal neugierig im Haus herumzugucken (fries. ambinööse). Man sagt dann: „Wat wul hi do?“ „Och, hi kaam man mä en hünjäären.“ „Was wollte er denn?“ „Ach, er kam nur mit einem Scheinanliegen.“

Wenn jemand neue Kleidung, speziell aber den Anzug zur Konfirmation bekommen hatte, so wurde der Person in den Arm gekniffen und zwar so, dass der Stoff (zusammen mit etwas Haut) zwischen Daumen und Zeigefinger genommen wird, ohne ihm aber richtig weh zu tun. Diese Sitte bezeichnet man im Friesischen als neinaapin. Das Wort setzt sich zusammen aus nei ‘neu’ und naape ‘zwicken, kneifen’. „Nü skal ik di iarst ans neinaape“, wörtlich übersetzt „jetzt muss ich dich erst einmal neuzwicken“. Man mochte es aber doch eigentlich nicht so gerne haben, weil einige das Zwicken übertrieben und es durchaus auf der Haut bemerkbar war.

Der Ausdruck stookleewre, wörtl. übersetzt „stockliefern“, wird benutzt, wenn man jemanden zur Rede stellt oder zurechtweist: Hi hää ham ans oordag stookleewert „er hat ihn einmal ordentlich dem Stock überliefert“, d.h. er hat ihn heftig getadelt, gemaßregelt. Ungefähr dasselbe wird ausgedrückt durch die Redewendung tu stöölk saat, wörtl. übersetzt „zu Stühlchen setzen“.

Schließlich noch drei Beispiele für Ausdrücke, die negative Eigenschaften eines Menschen beschreiben:

Als eebeneers, wörtl. übersetzt „Offenarsch“, bezeichnet man eine Person, die notorisch Türen offen stehen lässt. Anwendung findet dieses Wort vor allem in dem Fluch: Dü beest en ferdreiten eebeneers! du bist ein verdammter Offenarsch!

Liegt ein Mensch in den letzten Zügen, so bezeichnet man ihn im Friesischen als sialtööger ‘Sterbender’, den Zustand als sialtöögin. Das Wort setzt sich zusammen aus sial, „Seele“ und töögin „ziehen“. Dieser Begriff wird dann aber auch auf die Lebenden übertragen und zwar zur Beschreibung einer dauernd jammernden Person. So sagt man: hi dää üs en sialtööger „er tut wie einer, der in den letzten Zügen liegt“, oder: hi as a hialer dai uun’t sialtöögin „er liegt den ganzen Tag im Sterben“, d.h. er jammert den ganzen Tag herum, als ob er im Sterben liegt.

Übertriebenes Schmeicheln bezeichnet man im Friesischen als hoolfaagin, wörtlich „lochfegen“, und eine Person, die das tut, einen hoolfaager„Lochfeger“. Det as man en ualen hoolfaager „das ist nur ein alter Schmeichler“ wird dann abschätzig gesagt.

Aber es gibt auch Wörter in Arpes Liste, die nicht erklärt werden können. So verzeichnet er das Wort onerbooselboks, wörtlich „Unter-Tisch-Hose“. Was damit wohl genau gemeint ist?

Man kann nur hoffen, dass diese doch wirklich sehr treffenden Ausdrücke nicht aus dem Friesischen verschwinden.

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Über Reinhard Jannen

Geboren am 8. Juni 1955 in Norddorf. Nach Dem Abitur und Studium zunächst selbständiger Strandkorbvermieter. Ab 1991 dann Lektor und Archivar der Ferring Stiftung in Alkersum auf Föhr, ab 2012 auch Archivar des Amtes Föhr-Amrum. Besonderes Interessengebiet ist die Geschichte und Erforschung der friesischen Sprache.

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