Seltene Funde im Flutsaum am Kniepsand


 

Die täglich frischen Menschenspuren am Flutsaum des Amrumer Strandes beweisen, dass “Strunlupen”, die Strandgängerei, unverändert eine Leidenschaft etlicher Insulaner und Inselgäste ist, egal ob im Sommer oder im Winter. Der Reiz des Suchens und Findens ist ein uralter Trieb von Homo sapiens geblieben, auch wenn es heute – im Gegensatz zu früheren Zeiten – nur noch selten etwas Aufregendes oder Wertvolles zu finden gibt. Der moderne Seetransport mittels Containern und verschärfte Umweltauflagen haben den Inselstrand weitgehend sauber, ja regelrecht steril gemacht. Das war in früheren Jahrhunderen anders! Strunlupen, die Strandgängerei, war geradezu eine Notwendigkeit insbesondere für ärmliche Inselfamilien. Wurden doch dank der zahlreichen Schiffsunglücke auf der Nordsee und den Sandbänken draußen vor Amrum immer wieder – und oft auch massenweise – wertvolle Dinge, Hölzer von Schiffwracks oder Teile der Ladung gefunden und schnell und heimlich über den Strand und durch die Dünen nach Hause gebracht.

In diesen Fällen war das “Strunlupen” nach den staatlichen Gesetzen “Strandräuberei” und mit Gefängnis- und Zuchthausstrafen bedroht, wenn sich die Strandräuber vom Strandvogt hatten erwischen lassen. Der Strand ist Staatsgebiet, und schon seit dem 12. Jahrhundert waren in jeder Gemeinde an der Küste Strandvögte im Amt, um darüber zu wachen, dass Strandgut nur in die Hände des Staates geriet. Aber heute treiben kaum noch Planken an, mit denen man heizen oder Hühnerställe bauen kann. Und auch mit Kisten wertvollsten Porzellans oder mit Wein- und Rumfässern ist kaum noch zu rechnen. Letzteres war früher die Regel!

Dabei wäre das Bergen von wertvollem Strandgut heute fast ungefährlich. Denn seit 1991 gibt es keine Strandvögte mehr. Aber es treiben eben auch kaum Planken, Porzellankisten oder Rumfässer mehr an. Und trotzdem bleibt das Strunlupen immer verbunden mit dem Reiz des Suchens und Findens und der Möglichkeit, doch noch einen Schatz aus einem fernen Erdenwinkel zu finden. Oder einen ziegelsteingroßen Bernstein!

Einblicke in die Nordsee-Natur

Aber große Werte sind nicht mehr zu erwarten, und den früheren Strandholzbudenbauern auf dem Kniepsand ist das Material entzogen. Einige letzte und hartnäckige “Bauherren” besorgten sich dann – verbotenerweise – Material aus dem Bauschuttanfall auf der Insel.

Aber der Flutsaum des Inselstrandes bietet täglich Neues aus der Nordsee-Natur. Dazu gehören natürlich vor allem Muschelschalen, darunter erst seit Anfang der 1980er Jahre regelmäßig auch die Amerikanische Schwertmuschel (Ensis direktus), die draußen vor der Küste im Boden lebt, aber manchmal von Strömung oder Brandung freigespült und in Riesenmengen auf den Strand geworfen wird, so dass es auch zu Ansammlungen von Möwen und Krähen kommt, die die Schalen aushacken. Aber auch den zierlichen Sanderlingen und anderen Strandläufervögeln bietet sich hier noch Nahrung. Merkwürdigerweise sind die Unmengen von Schwertmuschelschalen bald wieder verschwunden, zerrieben von der Brandung oder versandet?

Eikapsel des Nagelrochens, Eiballen der Wellhornschnecke und die Rückenschulpe des Tintenfisches

Zu den regelmäßigen Funden gehören auch die Eiballen der Wellhornschnecke (Buccinum undatum). In den 1980er Jahren meldete allerdings die Umweltpresse, dass die Wellhornschnecke an der Nordseeküste in hohem Grade gefährdet und vom Aussterben bedroht sei: Vergiftet durch einen Stoff in den Schiffsanstrichen! Woraufhin dieser dann verboten wurde. Und so melden die “Amrumer Natur-Notizen” im Februar und März 2014 Hunderte und mehr Eiballen der Wellhornschnecke am Amrumer Strand, von einer Vergiftung ist seither keine Rede mehr.

In manchen Jahren häufig, aber dann auch Jahrzehnte völlig ausbleibend, ist das Erscheinen von Entenmuscheln (Lepas hillii). Der Name und der Habitus haben allerdings weder mit Enten noch mit Muscheln zu tun. Es sind Krebstiere in blauen und weißen Schalen, die auf langen, gummiartigen Schäften auf Treibgut, auf Algen, Brückendalben, Plastikkanistern, Flaschen, überhaupt auf allem Treibgut im Meer festgeheftet sind, in der Regel in Unmengen dicht an dicht. Zwischen den Schalen steckt das Tier, das mit seinen Fühlern (ähnlich den verwandten Seepocken) das Wasser nach Nahrung durchstreift. Die diversen Lepasarten leben aber nicht in Küstennähe, sondern weit draußen in der See sowie im Ozean und besiedeln auch Schiffsböden, so dass sie im Trockendock entfernt werden müssen, weil sie die Fahrt des Schiffes erheblich hemmen. Durch ungünstige Strömungen werden sie an die Küste getrieben, wo ein massenhaftes Sterben folgt. Denn Entenmuscheln können sich nicht von ihrem Untergrund lösen, um wieder freies Wasser zu gewinnen.

Der Panzer eines Pfeilschwanzkrebses

Noch seltener als diese Krebstiere ist aber eine andere Art – der Pfeilschwanzkrebs. Vor einigen Jahren fand die Hobby-Strandläuferin Angelika Hesse aus Norddorf den Panzer dieses urtümlichen Tieres, das zu den ältesten Lebewesen unserer Erde zählt, nachweislich schon im Erdzeitalter Kambrium vor 500 Millionen Jahren! Ausgewachsene Tiere haben einen braunroten Panzer mit stacheligen Rändern und einen langen Stachelschwanz und sind insgesamt bis zu 60cm lang. Sie leben in tropischen Meeren Südostasiens, kommen aber auch an nordamerikanischen Küsten vor. Von dort hat also ein Panzer seinen Weg über den Ozean und über die Nordsee bis Amrum gefunden. Wie lange mag diese Reise gedauert haben?

Bernsteine findet man vor allem bei anhaltenden Ostwindperioden

Aus fernen Jahrmillionen stammt auch der Bernstein, nämlich aus dem Erdzeitalter Tertiär (vor etwa 60 Millionen Jahren). Damals war das heutige Nordeuropa bewaldet von Bernsteinkiefern, die bei Verletzungen Unmengen an Harz absonderten, das manche Insekten und sonstiges Getier umschloss und für die Ewigkeit konservierte. Gletscher der nachfolgenden Eiszeit und deren Schmelzwasser haben den Bernstein (der etwas leichter als Wasser und deshalb schwimmfähig ist) in den Küstenraum der Nord- und Ostsee transportiert. Und hier wurde es in der Bronzezeit von den Küstenbewohnern und Insulanern als Handelsware für die Herstellung von Schmuck aktiviert und quer durch Europa in die Städte der Mittelmeerländer exportiert. Die Beziehungen mit den dortigen Hochkulturen strahlten in den Norden zurück und begründeten hier, besonders auf den Inseln Sylt, Föhr und Amrum eine kulturelle Glanzeit. Aber die alten Germanen haben fast alles abgesammelt, und Bernsteine sind heute nur noch Zufallsfunde. Es gibt jedoch einige Insulaner und Inselgäste, die Spezialisten sind und wissen, wo und bei welchen Wetterlagen am ehesten Bernsteine zu finden sind.

Kugelrippenqualle, auch Seestachelbeere genannt

Fast an Bernstein erinnernd sind die im schrägen Sonnenlicht schimmernden weintraubengroßen Gebilde der Kugelrippenqualle (Pleurobrachia pileus), die im Volksmund auch Seestachelbeere genannt wird, weil sie mit hellen Streifen gekennzeichnet ist. Mit je einem dünnen Fangfaden an ihren Seiten treiben diese Rippenquallen durch das Meer, bis sie durch Strömung und Wellen auf den Strand geworfen werden und umkommen. Mal sind sie selten oder fehlen ganz, mal kommen sie häufig vor. Aber weil klein und unscheinbar, werden sie vom Strandgänger kaum beachtet.

Tuul-Stücke erinnern an mittelalterliche Marschen und Moore

Auffälliger sind dann wieder bis ziegelsteingroße, schwarzbraune Gebilde, die gar nicht zu ihrer hellen sandigen Umgebung passen. Sie werden Tuul genannt, Seetorf aus einer Zeit, als Teile des heutigen Nordseegrundes noch Land und von umfangreichen Mooren bedeckt waren, die erst im Mittelalter im Gefolge des nacheiszeitlichen Anstiegs des Meeresspiegels untergingen. Aufgebrochen erkennt man, dass es sich um verweste, zusammengepresste Pflanzen handelt. Noch bis ins 18. Jahrhundert gab es Stellen im Watt, so auch nahe Goting zwischen Föhr und Amrum, wo Seetorf bei Ebbe abgegraben, mit Schuten an Land befördert, getrocknet und verbrannt wurde. Aus der Asche wurde dann in einem umständlichen Verfahren Salz gewonnen. Auf Amrum erinnert die Gemarkung “Däänsk Braanang” südlich von Steenodde an eine Salzsiederei zu Zeiten von König Waldemar im 13. Jahrhundert.

Und es gibt noch ein Gebilde, groß wie ein Ziegelstein, das immer mal wieder vereinzelt am Strande gefunden wird: Gelbe Schamottesteine von besonderer Härte zum Auskleiden z. B. von Kaminen und Schornsteinen. Im Archiv des Verfassers ist dazu unter dem Datum vom 19. Oktober 1872 die folgende Notiz zu finden: “Schiff mit Schamott vor Kniepsand zertrümmert”. Aber es werden kein Schiffsname und keine Daten über die Besatzung genannt. Offenbar handelt es sich um einen Totalverlust ohne Überlebende, und Wellen haben es dann nicht leicht gehabt, immer wieder Steine aus der Ladung an Land zu bringen. Und dabei haben die Steine einiges an Substanz verloren und sind an den Kanten abgerundet worden.

2021 Georg Quedens     Urheberrecht beim Verfasser

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