Aus der Amrumer Natur 2022


Wie schon seit 1975 Jahr um Jahr, so wurden auch 2022 die Vorgänge in der Inselnatur beobachtet und notiert. Wie auf Amrum nicht anders zu erwarten, stand auch diesmal die Vogelwelt als auffälligste Naturerscheinung wieder im Vordergrund. Aber es gab auch andere bemerkenswerte Ereignisse. Mitten im Sommer wollte ein Angestellter in Nebel einen Reisighaufen wegräumen, als er von einer Schlange gebissen wurde, die sich im Gezweig verborgen hatte. Der Biss war ungefährlich, weil es sich um eine ungiftige Schlange, wahrscheinlich eine R i n g e l n a t t e r,  gehandelt hatte, eine Art, die schon einmal, 1972, in den Stranddünen an der Nordspitze entdeckt worden war.

Ringelnatter in den Dünen

Ebenso konnten B l i n d s c h l e i c h e n einige Male auf Amrum bestätigt werden. Diese Tiere sind ohne Zweifel mit Baumaterial, Gemüse und sonstigen Warenlieferungen mittels Schiff und Lastwagen auf die Insel gelangt, ebenso die F e l d m a u s und die Z w e r g m a u s, die Mitte der 1950er Jahre in den Gewöllen Amrumer Eulen nachgewiesen wurden. Bei den genannten Tierarten handelte es sich aber immer nur um Einzelexemplare, die keinen Geschlechtspartner fanden und sich deshalb nicht vermehren konnten – anders als bei den

S p i t z m ä u s e n und W a n d e r r a t t e n, die ebenfalls auf obige Weise (Warentransport) über das Meer nach Amrum kamen und sich fleissig vermehrt haben. Ratten sollen nach den nächtlichen Beobachtungen etlicher Insulaner in Massen unterwegs sein, was die Frage aufwirft, ob die auffallenden Verluste von Gelegen der Bodenbrüter, Kiebitze, Austernfischer, Sturmmöwen und andere, wirklich nur den Übermengen an Rabenkrähen zuzuordnen sind. Hier wäre von den auf Amrum tätigen Naturschutzvereinen d r i n g e n d der Einsatz von nächtlichen Fotofallen erwünscht.

Tausende Möwen, Millionen von Heringen
Von Ende Juni bis Mitte Juli erlebte man vom Seezeichenhafen bis rund um die Südspitze Wittdün ein eigenartiges und bis dahin noch nie gesehenes Naturschauspiel. Das Küstengewässer war übersät von den heimischen Möwenarten, die hier zu Tausenden den unfassbaren Mengen von kleinen, nur wenige Zentimeter langen Heringen nachstellten, die sich als wirbelnde Masse bis an die Küste heranwagten – so nahe, dass auch Austernfischer watend Heringe erbeuteten, um ihre Jungen damit zu füttern.

Tausende von Möwen auf Heringsfang

Wie in den vorigen Jahren waren alle Brutplätze auf der Südspitze mit den hier standorttreuen Paaren besetzt. Aber die Brutzeit nahm einen ungünstigen Verlauf. Gerade als die Jungen geschlüpft waren, folgte nicht die oft propagierte Erwärmung des Erdklimas, sondern wie gewöhnlich eine tagelange Eiseskälte mit kaltem Regen aus dem Norden. Alle Jungvögel aus den insgesamt 6-7 Austernfischerbruten der Südspitze kamen um. Damit war die Brutzeit nach den bisher bekannten Regeln eigentlich beendet, weil Vögel, die bereits Junge hatten, nach deren Verlust auf Nachgelege verzichten. Aber die Austernfischer begannen sofort mit einer neuen Brut, und einige Jungvögel wurden flügge, vom sogenannten “Paddel-Paar” sogar zwei. Aber von einem Paar starb ein Altvogel. Am Tage vorher noch auf dem Gelege brütend, stand er anderntags mit gesträubtem Gefieder und hechelndem Schnabel auf der Steinkante und war wenig später tot. Gerade dieses Paar hatte jahrzehntelang im Deckwerk der Strandpromenade gebrütet und alljährlich zwei bis drei Junge großgezogen. Die Todesursache bleibt, da nicht untersucht, unbekannt. Vielleicht die Vogelgrippe, die auch unter den Brandseeschwalben auf Norderoog und den Basstölpeln auf Helgoland grassierte?

Erfolgreiche Bruten

Eiderenten mit Jungen

Zu den erfreulichen Erscheinungen in der Inselnatur gehört, dass nach Jahrzehnten offenbaren Misserfolges bei den Eiderenten, den “Wappenvögeln” von Amrum, endlich wieder ein größerer “Kindergarten” mit fast 100 Jungenten an der Wittdüner Südspitze gezählt wurde, von denen auch etliche das Flüggestadium erreichten. Rätselhaft bleibt aber weiterhin der Nichterfolg der Brandgansbruten. Hunderte von Paaren bevölkern im Frühjahr das Amrumer Watt, Dutzende sitzen an den Wasserkuhlen der Norddorfer Marsch und Guskölk.

Aber nur ganz vereinzelte Paare erre14ichen mit ihren Jungen das Watt, wo es früher von Brandgans-Eltern mit oft umfangreichem Nachwuchs wimmelte! Die Bruthöhlen (Wildkaninchen) sind vorhanden, aber die Amrumer “Beraganen” verzichten aus unbekannten Gründen auf die Brut.

Säbler auf dem Ackerland
Seit zwei Jahren brütet auf einem Mais-/Kartoffelacker südlich von Anland eine kleine Säbelschnäbler-Kolonie, nachdem diese Limikolenart ihr ursprüngliches Brutgebiet verloren hat – kurioserweise durch eine missratene Naturschutzmaßnahme von Ideologen des Nationalparkamtes, die dafür sorgten, dass die Salzwiesen am Wattufer vor dem Norddorfer Deich aus der Beweidung herausgenommen wurden. Es entwickelte sich aber keine vielfältige Natur, sondern ein Aufwuchs von einigen invasiven, d. h. landschaftsfremden Arten, die insbesondere den Säbelschnäblern die Brutplätze raubten. Denn Säbler akzeptieren nur wenige Zentimeter hohe Vegetation. Auch Austernfischer und andere verschwanden, und heute sind die Salzwiesen am Wattendeich bei Norddorf von Brutvögeln leer. Die Säbler haben in den folgenden Jahren einzeln und in kleinen Kolonien an Wasserkuhlen im Anland, in der Norddorfer und Wittdüner Marsch oder auf den Salzwiesen von “Eer” gebrütet, aber mit bescheidenem Bruterfolg. Notgedrungene Bruten auf Ackerland bedingen für den betroffenen Landwirt eine umsichtige Feldarbeit. Aber Nanning Schult meldet entsprechende Rücksichtnahme und dass die Säbler auf seinem Acker Bruterfolg hatten. Die Jungen werden in das benachbarte Wattenmeer geführt. Säbelschnäbler brüten erst seit Ende der 1960er Jahre auf Amrum, deshalb haben sie einen friesischen Namen verpasst.

Säbelschnäbler, seit 50 Jahren Brutvogel auf Amrum

Etabliert haben sich inzwischen die Löffler mit 7-8 Brutpaaren auf der Odde – und die Nilgans. An mindestens drei Orten wurden Nilgänse mit Jungen notiert. Aber über diesen neuen Brutvogel ist man auf Amrum nicht froh. Erstens sollen Nilgänse sehr unverträgliche Vögel sein (was sich in wochenlanger Beobachtung innerhalb der Amrumer Vogelwelt aber nicht bestätigte). Und zweitens gibt es auf Amrum bereits genug andere Wildgänse, so dass man sich mit einer neuen Art keine weiteren Probleme auf die Insel holen möchte. Mit Recht verbieten Naturschutzverordnungen die Ansiedlungen von landschaftsfremden Tieren. Und die Heimat der Nilgänse ist Afrika!
In Übrigen wird die insulare Vogelwelt bereits von den bis vor wenigen Jahren auf Amrum seltenen Nonnengänsen geprägt, die von September bis Mai zu Tausenden die Insel bevölkern.

Das Schweigen im Walde
In den Volksliedern fast aller Länder werden Wälder als die Stätten des vielfältigen Lebens besungen. “I skovens dybe, stille ro, hvor sangerhaeren bo” (in Waldes tiefer, stiller Ruh, wo das Heer der Sänger wohnt), heißt es in Dänemark, und “Ich ging durch einen grasgrünen Wald und hörte die Vögelein singen” in einem deutschen Lied. Amrum ist die Nordseeinsel mit dem größten Waldbestand an der Gesamtfläche. Aber der Wald ist die Landschaft mit einer ganz, ganz spärlichen Vogelwelt – wo Nadelwälder dominieren, ist das Leben fast ganz abgestorben. Auch andernorts sind nur vereinzelte Amseln, Buchfinken und Kohlmeisen zu hören. Alle anderen Vogelstimmen sind verstummt. Aber auch draußen in der Landschaft sieht es nicht viel besser aus. Wo hört man mal eine Feldlerche singen – früher der häufigste Singvogel auf Amrum, oder den dünnen Gesang des Wiesenpiepers? Und weil letzterer verschwunden ist, hört man auch den Kuckuck nicht mehr, der den Wiesenpieper zum Ausbrüten seiner Eier braucht. In den Dörfern fehlt es an Staren, Schwalben und Spatzen. Selbst die Amseln waren in 2022 sehr viel seltener zu sehen.

Ein kleines Paradies für Vogelarten, die an menschliche Besiedlungen gebunden sind, bietet in Norddorf das Gewese der Familie Schult. Hier wurden – wie schon in den vorherigen Jahren – etwa 10 Brutpaare vom Haussperling und sechs Bruten von Rauchschwalben in den Scheunen und Ställen gezählt.

Der weltweite Mangel an Insekten ist auch auf Amrum spürbar, z. B. an den “sauberen” Windschutzscheiben. Und wann irren mal Brummer und andere Fliegen im Sommer durch die Zimmer? Früher hing man Fliegenfänger mit klebrigen Streifen auf, um Fliegen auf grausame Weise zu töten. Heute geht man zum Fenster, wo sich ein Brummer oder ein anderes Fluginsekt verfangen hat und macht vorsichtig das Fenster auf, damit das Tier in die Freiheit gelangt! Der Insektenmangel ist die Hauptursache für das Verschwinden so vieler Vogelarten, im Jahre 2022 noch verstärkt durch Kälteinbrüche im Mai und Juni, die offenbar sogar etliche Möwen davon abhielten, zu brüten.

Inzwischen scheint Amrum auch eine Insel ohne G r e i f v ö g e l und E u l e n geworden zu sein. Die traditionellen Brutplätze der Sumpfohreulen auf der Odde blieben unbesetzt, und auch auf der übrigen Insel gab es keine Beobachtungen von Eulen (einschließlich Waldohreulen) in der Brutzeit. Turmfalkenbruten in alten Krähennestern wurden auch nicht bestätigt, obwohl es in der Brutzeit Notierungen von Einzelvögeln gab, typisch mit den “rüttelnden” Altvögeln am Himmel. Aber die Turmfalken spähen vergeblich zu Boden. Dort gibt es keine Ostschermäuse mehr, und auch die Waldmaus und die Spitzmaus machen sich rar. Das mag auch der Grund dafür sein, dass das Rohrweihenpaar, das in zurückliegenden Jahren in einem schmalen Schilfstreifen am Wattufer nahe Haus Burg brütete, im Jahre 2022 nicht wiedergekommen ist. Und auch die Schilfniederung “Guskölk” war verwaist. Mäusebussarde wurden einige Male im Inselwald bestätigt, aber ob es eine Brut gegeben hat, ist fraglich. Alle genannten Arten benötigen Mäuse als Nahrung, und Bisamratten und Wanderratten scheinen keinen ausreichenden Ersatz für die verschwundenen Arten zu bieten.

Nein, 2022 war kein gutes Brutjahr.

 

2023 Georg Quedens

Urheberrecht beim Verfasser

 

 

 

 

 

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Über Kai Quedens

Kai Quedens, Maler und Grafiker, der gerne auch ein bisschen textet. Geboren 1965, eine Frau, drei Kinder.

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