Die weite Reise der Blutproben von Amrum ins Labor …


Die weite Reise der Laborproben von Amrum nach Flintbek

So manch ein Patient von Amrum mag sich vielleicht schon einmal gefragt haben, was eigentlich mit seiner Blutprobe geschieht nachdem sie ihm abgenommen wurde. Gemeint sind hier nicht polizeilich angeordnete „Blutproben“ nach Alkohol- oder Drogenfahrten oder Ähnlichem, sondern die zu medizinischen Untersuchungszwecken entnommenen Proben aus einer der Arztpraxen oder den Kur- oder Rehakliniken.

Auf Amrum gibt es kein Labor und die Arztpraxen und Kliniken können nur äußerst begrenzt Blutuntersuchungen durchführen. Daher werden die Blutproben oder anderes Untersuchungsmaterial, wie z. B. Abstriche oder Gewebeproben, in ein Zentrallabor am Festland geschickt.

Entnahme der Blutprobe um 8 Uhr morgens
©LADR Laborverbund Dr. Kramer & Kollegen

Seit Jahren arbeiten die medizinischen Einrichtungen auf Amrum mit dem “LADR Laborzentrum Nord“ in Flintbek (11 km südwestlich von Kiel) zusammen. Dieses Labor gehört zum „LADR Laborverbund Dr. Kramer und Kollegen“ mit Stammsitz in Geesthacht und ist eines der größten akkreditierten medizinischen Labore in Norddeutschland. Beide Einrichtungen haben in der letzten Zeit runde Jubiläen feiern können. Die Laborpraxis, aus dem 1974 die „Laborärztliche Arbeitsgemeinschaft für Diagnostik und Rationalisierung“ (LADR) hervorging, wurde am 31. Mai 1945 nach Genehmigung der Britischen Besatzungsarmee durch den promovierten Arzt Dr. Siegfried Kramer in Geesthacht gegründet. In den zerstörten Städten und Dörfern der Nachkriegszeit sowie in den Flüchtlingslagern drohten Seuchen und Krankheiten auszubrechen, eine medizinische Versorgung, v. a. auch mit Labordiagnostik, war dringend notwendig. Diese Laboreinrichtung hat also im Jahr 2020 sein 75jähriges Jubiläum feiern können und besteht nunmehr seit 78 Jahren!

Übergabe  der Proben um 9 Uhr an den Amrumer Taxifahrer
©LADR Laborverbund Dr. Kramer & Kollegen

Zu dem beschriebenen Laborverbund zählen 18 Facharztlabore, 43 Basislabore und mehr als 20 Krankenhauslabore die sich mehrheitlich in Norddeutschland befinden. 3400 Mitarbeiter, darunter 170 Laborärzte, Humangenetiker, Mikrobiologen, Pathologen und Naturwissenschaftler sowie Spezialisten aus klinischen Fachgebieten kümmern sich um Untersuchungen und Beratungen aus den Bereichen Allgemeine Labormedizin, Humangenetik, Hygiene, Infektiologie und Mikrobiologie, Pathologie, Toxikologie und Drogenanalytik, Transfusionsmedizin sowie Bioanalytik mit Lebensmittel-, Wasser- und Umweltanalytik.

Seit 1973 gibt es das Labor in Flintbek, in das die Amrumer ihre Proben zur Untersuchung schicken und das sich dem LADR Laborverbund angeschlossen hat. Das „Amrumer Labor“ feiert also in diesem Jahr seinen 50sten Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch dazu von der Insel!

Übernahme der Transportboxen durch das Logistikunternehmen Intermed am Fähranleger Dagebüll
©LADR Laborverbund Dr. Kramer & Kollegen

Im LADR Laborzentrum Nord in Flintbek sind rund 170 Mitarbeiter mit der Aufarbeitung auch der Proben von Amrum beschäftigt. Der Weg der Blutproben von der Insel bis ins Labor ist jedoch weit und bedarf einer ganz speziellen Logistik, wobei das zu untersuchende Material von der Insel Amrum den weitesten Weg aller Proben in eines der LADR-Labore zurückzulegen hat.

Bereits am Vortag einer geplanten Blutentnahme beginnen in den Amrumer Arztpraxen die Vorbereitungen für das Geschehen. Die Blutröhrchen und die Abnahmeutensilien werden gerichtet. Die Begleitpapiere samt  Klebeetiketten sowie die Überweisungsformulare mit den Anforderungsscheinen müssen am nächsten Morgen bereit liegen, denn die Blutentnahmen werden alle frühmorgens vorgenommen um pünktlich mit der 9:30 Uhr Fähre ab Wittdün die Insel verlassen zu können.

ca.15 Uhr Bearbeitung der Proben im Labor im Jahr 2023 ©LADR Laborverbund Dr. Kramer & Kollegen

Ab 8:00 Uhr morgens des Tages der Entnahme wird den einbestellten Patienten das Blut abgenommen. Die Röhrchen mit den Blutproben werden mitsamt den Begleitpapieren in die vorbereiteten Transporttüten gepackt und um 9:00 Uhr vom Amrumer Taxiunternehmen abgeholt Die Fracht wird in einem besonderen stoßfesten und zertifizierten Transportbehälter, der einen bestimmten Temperaturbereich garantiert, verpackt und zur Fähre in Wittdün gefahren. Ist die Fähre pünktlich, verlassen die Proben um 9:30 Uhr die Insel Amrum um über Wyk, wo auch die Föhrer Untersuchungsmaterialien übernommen werden, ans Festland zu gelangen. Gegen 11:30 Uhr, nach dem Anlegen in Dagebüll, werden die Transportboxen einem Fahrer des auf den Transport medizinischer Proben spezialisierten Logistikunternehmens „Intermed“ übergeben. Dieser bringt sie zu einem Sammelpunkt, von dem aus die Proben der Nordfriesischen Inseln zusammen mit anderen Proben aus Praxen und Kliniken an der Westküste in das LADR Laborzentrum Nord nach Flintbek gefahren werden. Nach 10 Minuten Fahrzeit auf Amrum und 2 Stunden Schifffahrt sind die Proben dann ab Dagebüll noch rund 150 Kilometer unterwegs um gegen 14:30 Uhr endlich das Labor zu erreichen. Dort werden die Proben auf die Richtigkeit und Übereinstimmung mit den Begleitpapieren überprüft und auf die jeweiligen Untersuchungsgeräte verteilt, so dass schon rund 30 Minuten nach Eintreffen der Proben mit den Untersuchungen begonnen werden kann. Bereits eine halbe Stunde später liegen die ersten Untersuchungsergebnisse vor. Diese werden dann vom Laborfachpersonal überprüft um letztendlich von Fachärzten für Laboratoriumsmedizin für die Übermittlung zu den Auftraggebern freigegeben zu werden. Ab ca. 17:30 Uhr können die Ergebnisse per gesicherter Datenfernübertragung an die einsendenden Arztpraxen oder Krankenhäuser übermittelt werden. Für gewöhnlich greifen die Amrumer Arztpraxen am nächsten Morgen, vor Sprechstundenbeginn, auf die gewonnenen Blutwerte zu, in eiligen Fällen, die mittels besonderer Markierung der eingesendeten Proben gekennzeichnet sind, werden die Werte noch am selben Abend des Untersuchungstages per Fax an die jeweiligen Auftraggeber übermittelt. Zeigt sich in den Laborbefunden ein extrem auffälliger Wert der eine nicht erwartete Gefahr für das Leben eines Patienten darstellt, werden die behandelnden Ärzte sofort telefonisch durch das Labor informiert.

Laborarbeitsplatz in der 1950er Jahren ©LADR Laborverbund Dr. Kramer & Kollegen

Die extrem schnelle Zeit der Probenanalytik ist dank digitaler Technik  möglich geworden und nicht mehr mit der Labortechnik von vor 50 oder gar 75 Jahren zu vergleichen. Damals war „Handarbeit“ angesagt, heutzutage erledigt das eine hochkomplizierte aber äußerst genaue EDV-gestützte Technik. Letztendlich kann hier jedoch festgehalten werden, dass die längste Zeit bis zum Vorliegen der Probenergebnisse von Amrum durch den Transportweg verursacht wird.

Trotz aller Computertechnik inklusive Dokumentation und Datenübermittlung steht bei dem gesamten Vorgang der Mensch im Mittelpunkt. Vom Personal der Arztpraxen oder Krankenhäuser, über die Taxi-, Schiff- und Kurierfahrer, dem Laborpersonal und den Technikern, alle arbeiten Hand in Hand zum Wohle der Patienten. Und das dieser komplexe Vorgang aus Logistik und Laboruntersuchung in der Regel reibungslos läuft, wirkt wie ein kleines Wunder. Es ist allen Beteiligten ein großer Dank für diese außergewöhnlich gute Zusammenarbeit auszusprechen!

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Über Peter Totzauer

Dr. med. Peter Totzauer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Anästhesie, Notfallmedizin, Spezielle Schmerztherapie, geb. 1954 in Fürth/Bay.,hat, bedingt durch den Beruf des Vaters, als Kind u.a. 4 ½ Jahre in Frankreich gelebt. Abitur 1974 in Köln, Studium der Humanmedizin an der Universität Bonn. Seit 1982 ärztlich tätig, davon viele Jahre als Oberarzt in der Anästhesie und als Leitender Notarzt in Euskirchen. War 2007 für ein halbes Jahr im Rahmen einer „Auszeit“ vom Klinikalltag bei seiner Lebensgefährtin Claudia auf Amrum. Dies hat ihm so gut gefallen, dass er seit Ende 2008 seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ganz auf die Insel verlegt hat und hier seit 2010 mit in der „Praxis an der Mühle“ arbeitet. Er hat zwei erwachsene Kinder, sein Sohn ist niedergelassener Physiotherapeut in Neuss, seine Tochter ist Lehrerin an der Öömrang Skuul.

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