Onkel Richard erzählt, letzte Folge


 

Seemannsleben, Hafenpolizei und Ruhestand

Noch bis 1966, ein Jahr vor seinem Tod, besuchte Onkel Richard seine Heimatinsel Amrum und sein Heimatdorf Norddorf, und man sah seine rundliche Gestalt mit dem von einem Spitzbart geschmückten Gesicht nachdenklich durch die Straßen wandern. Er wohnte in der Regel bei seiner Schwester Wilhelmine (Tante Minje) und besuchte regelmäßig die Schwestern Paline, verheiratet mit dem Landwirt Georg Köster und Elene, verheiratet mit dem Schiffer und Maler Victor Quedens. Aber auch die weitere Verwandtschaft wurde nicht vergessen. Er war der Onkel meiner Mutter Weline Quedens geb. Köster, und damit war er mein Großonkel. Und mit ihm kan das “alte Amrum” ins Haus. Denn wenn er auf dem Sofa saß, dauerte es nicht lange, ehe er vom Dorf- und Inselleben erzählte, so genau, wie es seine Großmutter Ehlken, geb. Hanjes und seine Mutter Wehn, geb. Flor überliefert hatten. “Seh mal”, begann er in der Regel seine Erzählungen, und die Insulaner des 19. Jahrhunderts lebten nicht selten mit ihrer altertümlichen Lebensweise, geschmückt mit Anekdoten, wieder auf. Zugleich hat Onkel Richard mit schriftstellerischem Talent eine Fülle von Berichten über das alte Amrum hinterlassen, z. B. einen Bericht über “Norddorf im 19. Jahrhundert”. Seine Erzählungen gingen über das Dorf mit seinen 39 Häusern, von Haus zu Haus, über die Schulkate und ihre Lehrer, über Landwirtschaft und Bauernleben, über Strandvögte und Strandräuber, über zahlreiche Hantierungen des damaligen Insellebens und und und… Man wurde auch als Kind nicht müde, den Erzählungen von Onkel Richard zu lauschen, und ohne Zweifel hat er beim Verfasser den Drang und die Leidenschaft geweckt, sich in die Inselgeschichte zu vertiefen.

Aber Onkel Richard hat auch über das eigene Leben und die Seefahrt berichtet.

 

Das Geburtshaus von Onkel Richard, später “Friesenlädchen”

An Bord bei seinem Vater

Richard Matzen wurde am 13. Juli 1884 in Norddorf geboren, und zwar in einem kleinen Friesenhaus, das die Familie seinerzeit bewohnte und das später vom nachfolgenden Besitzer, dem Kapitän Jan Knudten bzw. seiner resoluten Frau Ingeline zum Krämerladen (später als “Friesenlädchen” bekannt) eingerichtet wurde. Richards Eltern waren der Kapitän und Schiffseigner Johannes Matzen und Ehefrau Wehn, geb. Flor.

Richard ging in der kleinen reetgedeckten Schulkate auf der Anhöhe des alten Friesendorfes zur Schule, erlebte dann aber noch den Neubau der neuen Schule durch den preußischen Staat (heute Gemeinde- und Kurverwaltung) und den Umzug 1892. Der Vater war seinerzeit Kapitän eines eigenen Schiffes, des 158 Tonnen großen Gaffelschoners “Ernte” und segelte vor allem nach Ostengland im Auftrag des Wyker Kaufmanns Levi Heymann, um Kohlen im Hafen von Warkworth zu laden. “Das Leben in unserem Hause, aber auch in anderen Norddorfer Häusern, war ganz auf die Verbindung mit England eingestellt”, erinnert sich Richard Matzen in seinen Memoiren. “England lag uns viel näher als Deutschland. Kaffee, Tee, Konserven, Zucker und fast alle Waren des täglichen Bedarfes, kamen aus England (…). Aber auch Steinmetz- und Eisensachen wurden beim Meister “Stonehead” bestellt und an Bord geliefert (…). Und in unserer Stube hing kein deutsches Kaiserbild. Queen Victoria mit weißer Haube schaute auf die Kinderschar im Hause Matzen herab”.

Als Seemann über alle Meere der Welt

Nach der Schulzeit, im Jahre 1900, begann Richard Matzen die Seefahrt, natürlich auf der Galeasse “Marx” seines Vaters Johannes Matzen, und machte sieben Reisen nach Warkworth um Kohlen für Heymann in Wyk und eine Reise nach Wevelsfleth an der Stör. Aber dann begann die Große Fahrt ab Hamburg, und zwar auf der Viermastbark “Thekla” der Reederei Siemers, deren Schiff durch das schwarzweiße sogenannte “Portenband” gekennzeichnet war.

Mit der “Thekla” um die Welt.

Diese erste Reise als Matrose begann im März des Jahres 1901. Fast alle Hamburger Reedereien mit großen Tiefwasserseglern sandten ihre Schiffe um Salpeterfrachten zur Westküste von Südamerika mit Umrundung des berüchtigten Kap Hoorns. Aber die “Thekla” machte eine ganz andere “Weltreise”, die rund ein Jahr dauerte. Das Schiff segelte in Ballast nach Port Tampa an der Westküste von Florida (USA), um 5000 Tonnen Phosphat zu laden und nach Yokohama (Japan) zu befördern. Nach der Entladung mussten 2900 Tonnen Sand als Ballast in den Rumpf der Thekla geschaufelt werden, und es ging nach Port Townsend an der amerikanischen Westküste, von dort mit Weizen nach Australien und um das Kap Hoorn zurück nach Hamburg bis August 1902. Über diese Weltreise hat Richard Matzen einen 70seitigen Bericht mit einer detaillierten Beschreibung der Funktion eines Tiefwasserseglers und vom Leben der Besatzung an Bord verfasst, der schon eine historische Bedeutung hat.

Es folgten Reisen mit Dampfern nach England und als Leichtmatrose auf der Bark “Paposo” der bekannten Hamburger Reederei Laeisz um Salpeter zur Westküste von Südamerika (Valparaiso und Iquique) von Januar bis Oktober 1903. Auch für die nächste Reise blieb Richard Matzen bei Laeisz, diesmal auf einem der größten und schnellsten Tiefwassersegler, die auf den Weltmeeren fuhren – der Fünfmastbark “P o t o s i” von Mai bis November 1904, wieder um eine Salpeterfracht.

Fünfmastbark “Potosi”, Rederei Laeisz

Über diese Reise hat der Amrumer Seemann einen eindrucksvollen Bericht geschrieben, über den Wettlauf zwischen Segler und Dampfer, die in jenen Jahren mehr und mehr in Konkurrenz zu den Segelschiffen traten: “Von Südamerika kommend segelte die Potosi in den Ärmelkanal ein und passierte die beiden Leuchtfeuer von Lizard (Cornwall). Ein deutscher HAPAG-Dampfer lief kurz vor dem Dunkelwerden mit Flaggengruß an der Potosi vorbei, blieb aber mit dem Hecklicht die ganze Nacht in Sicht. Am Morgen frischte der Wind auf, und nun begann ein Rennen zwischen dem Dampfer und dem Segler. Bald musste der Dampfer aufgeben, und jetzt zogen wir mit Flaggengruß vorbei. Gegen Mittag hatten wir den Dampfer schon mehrere Seemeilen achteraus. Bei der Einfahrt in den Kanal wurden etliche Dampfer, darunter auch einige deutsche, von dem Segler überholt. Aber voraus war noch ein großer deutscher Passagierdampfer, dem die Potosi nur langsam näherkam, bevor er wieder davonlief – ein zäher Konkurrent. Aber als sich hinter Dover die Küsten wieder weiteten, bekam die Fünfmastbark wieder mehr Wind und kam dem Dampfer schnell näher. Und mittschiffs versammelte sich ein Teil der Besatzung, um das Schauspiel zu erleben, wie unsere Potosi an dem großen Passagierdampfer vorbeiläuft. Wir waren stolz in diesem Augenblick, stolz auf die Werft (Tecklenborg, Geestemünde), die das Schiff gebaut hatte, stolz auf unseren Reeder, der ein solches Schiff mit allem bestens ausgerüstet fahren ließ und stolz auf unseren Kapitän Nissen, der das große Schiff zu führen verstand! Der Dampfer machte wohl seine 14 Seemeilen, die Potosi jedoch noch etwa zwei Meilen mehr, obwohl sie noch 7000 Tons Salpeter im Bauch hatte!

Am nächsten Mittag wurde Helgoland erreicht, der fliegende P-Liner zog seine Flügel ein und folgte wie ein Stier dem Schlepper elbeaufwärts. In Hamburg ging ich von Bord. Über ein Jahr war ich auf der Potosi gewesen und hatte nun viermal das Kap Hoorn umrundet. Ich ging also von Bord, ließ aber meine alte Seekiste zurück (…)”.

Soweit die Erinnerungen von Richard Matzen. Die Seekiste wurde übrigens noch lange aus der Asservatenkammer der Fünfmastbark gemeldet. Vielleicht war sie sogar noch beim Untergang des Schiffes an Bord? Die Potosi wurde nach dem Ende des 1. Weltkrieges von Frankreich beschlagnahmt, später an Chile verkauft und geriet unter deren Flagge im Jahre 1925 an der argentinischen Küste in Brand und ging dort unter.

Steuermann und Kapitän

Nach einer Heuer auf einem Dampfer musterte Richard Matzen im Februar 1905 auf dem stolzen Schwesterschiff der Potosi an – dem größten Tiefwassersegler aller Zeiten, dem Fünfmastvollschiff “Preußen” der Reederei Laeisz (alle Schiffe dieser Reederei begannen mit “P”, begründet auf dem Kosenamen der Reedersgattin: “Pudel”). Und auch dieses Schiff wurde vom Februar bis August 1905 auf Salpeterfahrt ab Hamburg – Iquique – Hamburg eingesetzt und machte eine schnelle Reise. Es folgten die Heuer auf einem Dampfer der HAPAG mit zwei Reisen nach New York und von Dezember 1905 bis August 1906 nach dem Besuch der Steuermannsschule mit bestandenem Examen anschließend im Offiziersrang zwei Reisen auf Dampfern in das Mittelmeer und nach Südamerika. Danach war Richard Matzen als erster Steuermann wieder auf einem Segelschiff unterwegs, der Hamburger Bark “Hinrich” nach Rio Grande und Montevideo (Brasilien, Uruguay) im Jahre 1907 und anschließend als einjährig Freiwilliger im Dienst bei der Kaiserlichen Marine auf S. M. S. (Seiner Majestät Schiff) “Elsass”, wo auch sein Amrumer Vetter Martin Ermin Martinen (Tin Tückes) diente.

Richard und Martin Matzen in “Kaisers Rock” bei der Marine

Im März 1909 konnte die Große Seefahrt fortgesetzt werden, diesmal mit einem Oldenburger Dampfer in das Mittelmeer und nach Nordafrika bis Januar 1910. Anschließend wurde in Hamburg erneut die Seemannsschule besucht und dort am 4. Juli 1910 das “Zeugnis über die Befähigung zum Schiffer auf Großer Fahrt”, also das Kapitänspatent erworben. Als 1. Offizier machte Richard Matzen noch auf dem Hamburger Damper “Rom” eine Rundreise bis Danzig, nach England und in das Mittelmeer zu französischen und italienischen Häfen – und das sollte die letzte Reise der Großen Seefahrt sein, die der Amrumer auf Tiefwasserseglern und Dampfern erlebte. Der erste Weltkrieg machte auch ihm einen Strich durch sein Kapitänspatent (der ältere, 1878 geborene Bruder Martin war schon einige Jahre zuvor Kapitän bei der Reederei Possehl geworden).

Während des gesamten Weltkrieges war Richard Matzen bei der Minensuchflotille in der Nordsee und ging nach Kriegsende als Polizeimeister zur Hamburger Hafenschutzpolizei, wo er bis zu seiner Pensionierung am 31. Juli 1945 blieb. Über seine Zeit im Polizeidienst gibt es eine originelle Geschichte, die zwar nicht durch schriftliche Fakten belegt ist, aber genau zu Onkel Richard passt. Geschehen war folgendes: Im Oktober des Jahres 1931 trieben auf Amrum und Föhr sechs bzw. zwei Kisten an, beladen mit jeweils 100.000 Rasierklingen. Sie waren, von Amerika kommend, für Hamburg bestimmt, wurden dort aber als sogenannte Konterbande nicht durch den Zoll gelassen und sollten draußen auf See vernichtet werden, wobei man offenbar davon ausging, dass die Kisten aufgrund ihres Gewichts untergehen würden, was sie aber nicht taten. Die Unmengen Ölpapier bewirkten, dass die Kisten eben über Wasserlinie auftauchten. Richard Matzen von der Hafenpolizei soll nun die genaue Position vor der Elbemündung bestimmt haben, wo die Kisten über Bord  zu werfen waren – wohl wissend, dass sie bis in die Gegend seiner Heimatinsel Amrum treiben würden. Eine einmalige nautische Leistung! Sie fand allerdings seitens der staatlichen Behörden keine Anerkennung. Strandvögte, Polizei und Zollbeamte beschlagnahmten einen Teil dieses von Strandräubern geborgenen Strandsegens und vernichteten diesen an Ort und Stelle!

Bürger von Hamburg

Am 14. August des Jahres 1919 hatte der Amrumer Seemann die Bürgerschaft von Hamburg erhalten. Schon 1914 hatte er die Hamburgerin Grete, geb. Bernhard geheiratet, mit der er drei Kinder hatte, einen Sohn und zwei Töchter. Die Familie verlor ihr Haus aber durch die umfangreichen und wiederholten Bombardierungen während des zweiten Weltkriegs und wohnte zuletzt in Billwerder, das dann aber nach Ende des Krieges im Zuge der Stadt- und Hafenerweiterung ein Opfer der neuen Zeit wurde. Onkel Richard Matzen starb am 9. Mai 1967 und mit ihm ein lebhaftes Stück Geschichte aus dem alten Amrum.

2023 Georg Quedens

Urheberrecht beim Verfasser

 

 

 

 

 

Print Friendly, PDF & Email

Über Georg Quedens

schon gelesen?

Wohnungslos in der Hauptsaison: Bewohner in Norddorf müssen ihr Haus verlassen …

Mit einer sofortigen Nutzungsuntersagung wurden alle Bewohner des einsturzgefährdeten Hauses im Norddorfer Strunwai von heute …

Schreibe einen Kommentar

WP2Social Auto Publish Powered By : XYZScripts.com