Mystische Orte auf Amrum 05 – Die Grabplatten an der St. Clemens Kirche (54°39´11´´ N  /  8°21´21´´ O) …


Auf dem Friedhof der St. Clemens Kirche in Nebel gibt es viele uralte Grabsteine und Grabplatten die der Besucher sofort als „Mystische Orte“ wahrnimmt. Insbesondere die drei an der Südseite des Kirchturms aufgestellten großen Grabplatten fallen hier ins Auge.

Die linke ist die Platte von Hark Rörden (*21.06.1640, + 15.10.1704), ehem. Ratsherr zu Westerlandföhr, dann Müller in Norddorf und seiner Ehefrau Jung Marret Harcken (*09.1645, + 12.03.1715). Die Mittlere ist von Klemt Rörden (möglicherweise der Bruder von Hark Rörden, s. o.), (*1633, + 03.11.1693), ehem. Müller von Norddorf und seiner Ehefrau Inge Klemten (*1645, + 20.07.1740). Die Rechte ist von Jung Rörd Ricklefs (*15.08.1658, +26.04.1709), ehem. Walfang-Commandeur und seiner Ehefrau Marret Jung Rörden (*28.11.1657, +29.04.1686). Die einst in den beiden Ovalen vorhandene Ornamentik in diesem Stein wurde Mitte des 19. Jahrhunderts herausgeschlagen, da diese Grabplatte weitere Male für entfernte Verwandte der Familie Ricklefs verwendet wurde.

Die drei Grabtafeln

Es gibt auf Amrum aus den vergangenen Jahrhunderten nur wenige Kulturgüter mit großer künstlerischer Bedeutung. Die karge Vegetation auf der kleinen Nordseeinsel ernährte seine Bewohner nur mit größter Mühe, da gab es bis ins 19. Jahrhundert hinein kaum Platz für die „brotlosen“ Künste. Nur in einer Hinsicht haben sich wohlhabendere Insularer Denkmäler von künstlerischem Wert geleistet, dies jedoch außerhalb ihres eigentlichen Daseins: Grabplatten und Grabsteine sollten nach Ende ihres Lebens mit kunstvollen Formen und Schriften auf den Familiengräbern im „Hafen der Ewigkeit“ eine bleibende Erinnerung schaffen.

Bis heute kann man sich auf dem Friedhof bei der St. Clemens Kirche in Nebel davon überzeugen wie kunstvoll viele Verstorbene sich durch einheimische Steinmetze ein Denkmal haben setzen lassen. Mitunter sind  auf ihren Grabsteinen oder Grabplatten Schriften mit ihrem Lebenslauf eingemeißelt, und oftmals sind die Giebel der Steine mit Hinweisen auf deren Beruf verziert. Verschiedene Schiffstypen wie z. B. Handelsfregatten oder Walfänger findet man ebenso wie die Mühle des Müllers. Typisch sind vor allem auf Familiengräbern die Blumen, wobei abgeknickte Blüten auf den frühen Tod von Müttern oder Kindern verweist. Auch christliche Symbole wie das Lamm mit der Kreuzesfahne oder der Anker für Glaube, Liebe und Hoffnung sind zu finden.

Der Tod wird zumeist mit den bekannten Symbolen wie Totenschädel und gekreuzte Knochen symbolisiert. Und spätestens dann, wenn man vor so einem entsprechenden Grabstein steht, weiß man, man ist an einem mystischen Ort.

Die Grabplatten an der Südseite des Kirchturms

Nicht verwirren lassen darf sich der Betrachter, wenn er über die völlig unterschiedlichen Namen auf Familiengräbern nachdenkt. Bis etwa 1830 war auf Amrum, wie in vielen anderen  nordgermanischen Sprachräumen (und heute noch auf Island), auch die sog. patronymische bzw. andronymische Namensbildung üblich. Aus dem Vornamen des Vaters bildete sich der Nachname der Kinder (z. B. vom Vornamen Knudt = Knudten). Auch die Ehefrau erhielt vom Vornamen des Mannes den Nachnamen, indem dem Vornamen ein „en“ oder „sen“ oder „s“ angehängt wurde (z. B. vom Vornamen Peter = Petersen). Sprachwissenschaftlich gesehen bedeuteten diese Anhängsel „sein“ Sohn, „seine“ Tochter oder „seine“ Ehefrau. Heiratete z. B. Jan Wögens die Marret Martinen, hieß seine Ehefrau fortan Marret Jannen und die Kinder erhielten ebenfalls den Nachnamen Jannen. Gleiches galt natürlich auch für nachfolgende Generationen. So kommt es, dass auf vielen der Grabsteine unterschiedliche Nachnamen stehen Und besonders kompliziert wird es, wenn einer der Ehepartner verstarb und die Hinterbliebenen weitere Male heirateten. Wenn das nicht mystisch genug ist ….

Wer mehr über die „Sprechenden Grabsteine“ auf dem Amrumer Friedhof erfahren möchte, dem sei das Buch „Im Hafen der Ewigkeit“ von Georg Quedens empfohlen. Hierin sind auch nahezu alle Inschriften der Grabsteine ausgedruckt, sowie die Familienverhältnisse, soweit bekannt, beschrieben. Es ist im Verlag Jens Quedens, Amrum erschienen (ISBN 978-3-924422-00-4), dort zu bestellen, bzw. im örtlichen Buchhandel zu erwerben. Auch gibt es Führungen zu den Historischen Grabsteinen. Termine hierzu sind im „Amrum aktuell“ zu finden, bzw. über die Amrum Touristik zu erfahren.

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Über Peter Totzauer

Dr. med. Peter Totzauer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Anästhesie, Notfallmedizin, Spezielle Schmerztherapie, geb. 1954 in Fürth/Bay.,hat, bedingt durch den Beruf des Vaters, als Kind u.a. 4 ½ Jahre in Frankreich gelebt. Abitur 1974 in Köln, Studium der Humanmedizin an der Universität Bonn. Seit 1982 ärztlich tätig, davon viele Jahre als Oberarzt in der Anästhesie und als Leitender Notarzt in Euskirchen. War 2007 für ein halbes Jahr im Rahmen einer „Auszeit“ vom Klinikalltag bei seiner Lebensgefährtin Claudia auf Amrum. Dies hat ihm so gut gefallen, dass er seit Ende 2008 seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ganz auf die Insel verlegt hat und hier seit 2010 mit in der „Praxis an der Mühle“ arbeitet. Er hat zwei erwachsene Kinder, sein Sohn ist niedergelassener Physiotherapeut in Neuss, seine Tochter ist Lehrerin an der Öömrang Skuul.

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