Im Februar diesen Jahres haben die Abrissarbeiten des „Haus des Gastes“ in Nebel begonnen und zu Pfingsten standen nur noch vereinzelte Kellerwände. Somit ist ein vertrauter Anblick im Nebeler Kurpark verschwunden.
Interessant war es den Abbau zu verfolgen. Wer erwartet hatte, dass eine Abrissbirne das Gebäude zerlegen würde, sah sich getäuscht. Stück für Stück wurde das Haus, sozusagen in Kleinarbeit, zerlegt, wobei mitunter zu beobachten war, dass manche marode Wand auch ohne Einsatz größeren Geräts und „mit der Hand“ abgetragen werden konnte.
Es hat über Jahrzehnte hinweg viel Wirbel um das „Haus des Gastes“ gegeben. 1905 Erbaut als „Nordsee- Sanatorium“ durch den Sanitätsrat Dr. Johannes Ide, der im Nebengebäude, dem „Alten Pastorat“ gleichzeitig eine Kinderheimstätte betrieb, die jedoch im Juli 1911 komplett abbrannte. Zu Zeiten des Nationalsozialismus wurden ganzjährig Kuren mit „Lungengymnastik“ angeboten, belegt wurde das Sanatorium auch durch die NS-Ferienorganisation „Kraft durch Freude“ (KdF). Nach dem 2. Weltkrieg wird aus dem Nordsee-Sanatorium ein Kindererholungsheim in Trägerschaft der Städte Soest und Gütersloh. Mitte der 1970er Jahre kauft der „Verein Lebenshilfe Lippstadt“ das Gebäude und betreut hier geistig Behinderte. Mitte der 1980er Jahre ersteht die Gemeinde Nebel das Anwesen und richtet darin die Kur- und Gemeindeverwaltung ein. Da die alte Bausubstanz mehr und mehr „in die Jahre“ kommt, plant man 2012 eine Grundsanierung mit einem Erweiterungsbau. Die Finanzierungsplanung übersteigt jedoch zu dieser Zeit bei Weitem die finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde , und so wird der Plan verworfen. 2019 erfolgt schließlich eine Beschlussfassung zum Abriss und Neubau eines „Haus des Gastes“. 2020 werden die Pläne des Gewinners der Architektenausschreibung präsentiert, ein moderner Flachbau soll es werden. Dies führte zu großer Aufruhr mit vielen emotionalen Diskussionen unter der Bevölkerung und es kam letztendlich zur Gründung der Bürgerinitiative „Rettet das Haus des Gastes“ und der Durchführung eines Bürgerbegehrens, bei dem jedoch der Antrag der Bürgerinitiative das Haus zu erhalten, scheitert (Amrum News berichtete). So kommt es 2025 zum Abriss des Gebäudes. Wann und ob tatsächlich der geplante Neubau beginnen soll steht wohl noch in den Sternen. Man darf gespannt sein.
Landschaften und Städterbilder verändern sich auch auf Amrum. Es hat in der Geschichte der Insel weit mehr Abrisse von „historischen“ Gebäuden als nur das des „Haus des Gastes“ gegeben. Als Beispiel sei hier die Südspitze in Wittdün genannt, auf der in der Gründerzeit das feudale „Kurhaus“ errichtet wurde. Bis Ende der 1880er Jahre war die Südspitze unbewohnt und wurde erst mit dem Beginn des Tourismus auf Amrum bebaut. Erst 1974 wurde das Gebäude abgerissen und in den Folgejahren entstand im Bereich der Südspitze ein völlig neuer Ortsteil mit vielen Wohneinheiten. Schon damals gab es eine Wohnungsknappheit und man gedachte hier für die Amrumer Bevölkerung bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Aber wie das so ist, so mancher „Investor“ sah die Möglichkeit Profit zu erwirtschaften, und so entstanden, entgegen dem ursprünglichen Plan, auch hier eine ganze Reihe von Ferienhäusern und Ferienwohnungen.
Auch in Norddorf blieben nicht alle Häuser aus den frühen Zeiten der „Badegäste“ erhalten. Das 1890 errichtete „Seehospiz 1“ wurde im Jahr 2001 abgerissen, nachdem 1990, nach 100 Jahren der Bewirtschaftung durch die Westfälische Diakonissenanstalt, diese sich von Amrum zurückgezogen hatte. Am ehemaligen Standort wurde kein neues Gebäude errichtet, heute erinnert hier lediglich ein Denkmal an die Zeit der Bodelschwinghschen Seehospize.
Es trifft aber durchaus nicht nur „historische“ Gebäude, die auf Amrum der Abrissbirne zum Opfer fallen. Weitaus mehr Häuser, v.a. aus den 1960er und 1970er Jahren, verschwinden. Zumeist sind es die Folgen von Erbschaftszwistigkeiten, die zum Verkauf der Häuser zwingen. Das Geschehen ist oftmals das gleiche: Die Besitzer versterben, die Nachkommen können und wollen es nicht selbst weiter bewirtschaften, und selbst wenn es einen Erben gibt, der dies tun möchte, fehlen die finanziellen Mittel die anderen auszubezahlen, und so bleibt nur der Verkauf um das Erbe aufzuteilen. Und da die allermeisten dieser Häuser nicht mehr einem heutigen Wohnstandard und insbesondere keinen modernen energetischen Maßnahmen entsprechen, werden sie abgerissen und neu gebaut. Die Kosten hierfür sind immens, und kaum ein Amrumer ist in der Lage das zu stemmen. So sind es immer mehr „Fremde“ mit großem Geldbeutel, die sich Anwesen auf Amrum aneignen.
Auf der anderen Seite gibt es aber schon noch Gebäude, die die wechselhaften Ereignisse der Welt- und Inselgeschichte seit der Gründerzeit bis heute überlebt haben. Als Beispiel hierfür sei das „Haus Daheim“ mitten in Wittdün genannt, das Jens Cornelius Petersen aus Husum, genannt „I.C.“ sich im Jahr 1907 als Altersruhesitz erworben hatte, nachdem er seit den 1890er Jahren sich erfolgreich als Hotelier und Tourismusmanager hervorgetan hatte. Bis zum Zeitpunkt des Erwerbs diente das mehrgeschossige Haus als Verwaltungsgebäude der kurz zuvor in Konkurs gegangenen „Aktiengesellschaft Wittdün Amrum“, die bis dahin u. a. das „Kurhaus Wittdün“ und das Hotel „Kaiserhof“ betrieben hatte.
Und schließlich gibt es Gebäude auf der Insel, von denen man dachte, dass sie abgerissen werden müssen oder sich so mancher Amrumer gewünscht hätte, dass dies geschieht, die aber dennoch renoviert und wieder bewohnbar gemacht werden. Siehe „Alte Post“ (Amrum News berichtete).

AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum














