Das Amrumer Armenhaus …

Wer an diesem schönen Friesenhaus mit dem Maueranker “B” im Giebel vorbei geht, wird sich kaum vorstellen können, welch wechselhafte Geschichte sich hinter seinen Mauern verbirgt. Seit dem Erscheinen des Artikels https://www.amrum-news.de/2025/06/25/amrum-1799/ erreichten den Autor einige sehr aufregende Neuigkeiten zu einzelnen Häusern des Jahres 1799, so auch zu Haus 65 in Nebel.

Dieses Haus wurde erstmals erwähnt im Jahre 1683 als Eigentum von Jens Erkens Witwe Ester Jensen. Das Ehepaar hatte einen Sohn Nickels, dem in zwei Ehen fünf Söhne und vier Töchter geschenkt wurden. Mehrere dieser Kinder starben allerdings bereits im Kindesalter. Das Haus wurde dann von dem Sohn Jens Nickelsen bewohnt, der ebenfalls eine Kinderschar von fünf Söhnen und vier Töchtern aus zwei Ehen in die Welt setzte, und von denen wiederum mehrere im Kindeslater verstarben. Es ist heute kaum mehr vorstellbar, wie hoch die Kindersterblichkeit in jenen Zeiten war. Und schon die Niederkunft barg ein hohes Risiko für die Mütter. Man kann heute grob abschätzen, dass wohl eine von hundert Geburten für die Mutter tödlich endete.

Seit der Landreform 1799, und der erstmaligen Kartierung gibt es etwas detailliertere Dokumente über die Amrumer Häuser und ihre Bewohner. Von den urprünglichen Bewohnern lebten im Haus 65 noch Marrin, die von Föhr stammende Witwe des Jens Nickelsen, sowie ihre Tochter Ohs, die vom Nähen lebte. Außerdem wohnten dort aber auch Ohs’ ältere Schwester Ehlen Girris, die ebenfalls bereits seit zehn Jahren verwitwet war, mit ihren vier Kindern. Ehlen soll den Lebensunterhalt für ihre Familie “durch ihrer Hände Arbeit” verdient haben. Es bleibt unserer Fantasie überlassen, sich auszumalen, wie hart die Lebensumstände für diese beiden Witwen und ihre Kinder wohl gewesen sein mögen.

In ihrem 1914 erschienen Buch “Kinder Frieslands” berichtet die Amrumer Lehrerin Ida Christina Matzen -auf Amrum übrigens die erste Frau in diesem Beruf-, dass die “Kirchspielsgemeinde dieses Gebäude im Jahre 1830 als Armenhaus gekauft und die ganze Wohnung für Alumnen eingerichtet” habe. Und in der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es zahlreiche Familien, die zumindest zeitweise nicht für ihren Lebensunterhalt sorgen konnten. So wechselten sich die Bewohner des Hauses in den folgenden 50 Jahren auch häufig ab. Zwischen 1830 und 1882 wohnten dort zeitweise zehn Personen gleichzeitig, meist bedürftige Witwen mit ihren Kindern.

Im Jahr 1867 wird das Haus 65 als “Wohnraum mit Baustelle und Hoff zu 12 Ruthen, massiv, mit Rohr, Zustand mäßig,  3 heizbare Zimmer, 2 nicht heizbare Zimmer, 2 Küchen, etwas Stallraum” beschrieben. Daher war die Kirchspielsgemeinde wohl nicht unglücklich, als der Seemann und spätere Kreuzzollmatrose Conrad Theodor Brodersen und seine Frau Theodore Josephine, geborene Ricklefs, dieses Haus im Jahr 1882 kauften, und für ihre Familie herrichteten. Conrad Theodor entstammte der Nebeler Familie Brodersen aus dem Haus 81, weshalb auch dort noch heute ein “B” im Giebel prangt. Und trotz aller Widrigkeiten, die diese Familie erleben musste, insbesondere durch die beiden Weltkriege, ist Haus 65 immer noch im Familienbesitz. Auch wenn die heutigen Eigentümer nicht mehr wie ihre Vorfahren Brodersen heißen, so wird das “B” im Giebel hoffentlich noch lange auf die Familienbande hinweisen.

Jens Jessen für Amrum News

Zur Person: Jens Jessen, geb. 1959 war Realschullehrer an der ‚Öömrang Skuul‘ und beschäftigt sich im Ruhestand mit unbekannten oder vergessenen Quellen zur Amrumer Lokalgeschichte. Im ‚Öömrang Hüs‘ in Nebel betreut er das ‚Öömrang Archiif‘.

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