Was weht denn da am Sommerhimmel …?

Aktuelle Ausstellung am Nebeler Strandübergang

Feministische Flaggenkunst am Nebeler Strand

Manche trauen ihren Augen nicht recht: Ist das da oben wirklich… eine Gebärmutter? Ist es. Samt Ovarien, so lichtblau wie der Amrumer Sommerhimmel, an dem die kontrastreiche Flagge weht. Aber hoppla, die Eierstöcke sind zur Faust geballt und tragen roten Nagellack. Wenn das keine Ansage ist?! Feministische Kunst am Nebeler Strand?

„Für mich zeigt es die Stärke der Frau“, sagt eine junge Frau zu ihrer Mutter, die am Himmel hinter Café Knülle die Flagge mit der Gebärmutter entdeckt haben. Sie kamen gerade vom Strand und bleiben stehen. Ihre spontane Aussage trifft genau ins Schwarze:
„Wir feiern die Stärke der Frauen und holen sie vor den Vorhang“, schreiben die Ausstellungsmacher:innen in den Erläuterungen zur diesjährigen Flaggen-Kunst am Nebeler Badestrand. „Wir bringen die oft unsichtbaren Leistungen von Frauen in den öffentlichen Raum und möchten sie für alle sichtbar machen.“

Was weht denn da oben?

„Women at work“ heißt diese Ausstellung, die das Künstler-Ehepaar Luisa Hübner und Max Mustermann in Fortsetzung ihres „Love is in the air“-Projekts vom letzten Jahr für den Amrumer Kunstverein von Philipp Ricklefs und Kalle Wruck kuratiert hat.
Bereits zum zwölften Mal gestalteten internationale Künstler:innen jeweils eine Flagge zu einem gemeinsamen Thema und stellen ihre Arbeiten von Ende Mai bis Ende September hier auf Amrum öffentlich aus. Zeitgenössische Kunst am Strand, jenseits von Museen und Galerien. Diesmal dabei: Werke von Doris Schamp, Luisa Hübner, Rupert Enticknap, Julie Legouez, Veronika Merklein zusammen mit Johann Michael Schober und Max Mustermann, alias Holger Licht.

Ein Sommerhimmel voller Fragen:
Drei Frauen auf dem Weg ins Büro?
Ein Donut als Zopf bändigendes Haargummi?
Ein schwindender Glaube auf oszillierendem Altrosa ?
Gelbe Pillen, die den ganzen Tag glücklich machen?
Eine Gebärmutter mit geballten Eierstöcken?
Ein Fliesentableau für Seenotretterin Kpt. Carola Rackete in Friesisch-Blau?

Gerade auf den Nordfriesischen Inseln ist die Arbeit der Frauen und Mädchen historisch ja eng mit dem Überleben ganzer Gemeinschaften verknüpft: Die Männer fuhren zur See, die Frauen hielten die Familien und Dörfer zusammen – organisatorisch, wirtschaftlich, emotional. Doch deren Geschichten wurden selten erzählt.
Die Ausstellung greift diesen Faden in die Vergangenheit auf und fragt, wie sich die strukturelle Unsichtbarkeit weiblicher Arbeit bis in die Gegenwart fortsetzt.
Welchen Beitrag leisten insbesondere Frauen zum gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben? Was zählt überhaupt als „Arbeit“? Was davon ist meist weiblich besetzt und wieso? Welche Arbeit ist sichtbar, welche wird übersehen?

Gut, dass die Masten beschildert sind

Schön, dass die Namen der Künstler:innen und die Titel der Arbeiten jetzt an den Holzstangen der Flaggen zu lesen sind und im Café Knülle ein begleitender Flyer zur Ausstellung mit biografischen Informationen über die beteiligten Künstler:innen zu haben ist.

Wenn Sie vom Parkplatz in Nebel an den Strand gehen, können Sie die Werke in folgender Reihenfolge bestaunen:
“Geschäftsfrauen” von Doris Schamp https://www.larazzia.at/
“Donut” von Luisa Hübner  www.luisahuebner.com
“Hexenglaube” von Rupert Enticknap
“Psychopharmaka” von Julie Legouez https://julielegouez.de/
“Pussy Punch” von Veronika Merklein und Johann Michael Schober
https://www.veronikamerklein.com/
https://johannmichaelschober.com/
“Rakete” von Max Mustermann http://maxmustermann.org

Ein Tipp:
Nehmen Sie Ihr Mobiltelefon, eine Kamera oder ein Fernglas mit, damit sie auch die Einzelheiten auf den Flaggen hoch oben an den Stangen erkennen können. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen!

Über Astrid Thomas-Niemann

Astrid Thomas-Niemann ist gelernte Schifffahrtskauffrau sowie studierte Sprach- und Erziehungswissenschaftlerin. Sie hat viele Jahre als Schifffahrtsanalystin gearbeitet und lebt seit 2015 in Wittdün. Als junge Frau kam Astrid 1981 das erste Mal auf die Insel und besuchte auf Zeltplatz II die Niemanns aus Hamburg, die Amrum seit 1962 urlaubsmäßig die Treue halten, inzwischen bereits in der 4. Generation.

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