Freiheit im Werden: Die erste Ausstellung von Bernadette Seigel auf Amrum …

„Freiheitsformen” – so lautet der Titel der ersten Soloausstellung von Bernadette Seigel auf Amrum. Die Werke der Künstlerin, die sich mit innerer und äußerer Freiheit, mit Struktur und Loslassen auseinandersetzen, laden ein, Kunst nicht nur zu betrachten, sondern zu erleben. Eine Ausstellung, die mehr ist als nur eine Sammlung von Bildern – sie ist ein lebendiger Prozess, der die Besucher*innen in den Dialog mit sich selbst und der Kunst einlädt.

Die Künstlerin Bernadette Seigel vor ihrem Werk “bis es ist, was es sein soll”, an dem sie während der Ausstellungsdauer immer wieter arbeiten wird.

Einladung zu einer anderen Art von Kunst

Zwei blau-weiß gestreifte, übergroße Kapitänshunde aus Stoff begrüßen die Besucher schon von weitem. Sie stehen in den Fenstern des St. Clemens Hüs in Nebel, links und rechts des Eingangs, Blick nach draußen. Eine Einladung.

Dieser Einladung waren am vorletzten Sonntag, den 9. November, gut 40 Gäste gefolgt, überwiegend Insulaner*innen. Anlass war die Eröffnung der ersten Soloausstellung von Bernadette Seigel, Künstlerin, ehemalige Betreiberin der Galerie kunst.lokal in Norddorf und seit fünf Jahren Wahlamrumerin. “Freiheitsformen – über innere und äußere Prozesse” lautet der Titel ihrer Ausstellung, die noch bis Ende April zu sehen ist.

Kunst, die bewegt: Von innerer Freiheit und Prozess

Gemeinsam mit Ausstellungskoordinator Rüdiger Seiffert und Kantorin Barbara Pfalzgraff begrüßt Bernadette Seigel ihre Gäste.

Im Foyer des St. Clemens Hüs herrscht an diesem Vormittag vor der Begrüßung munteres Gewusel. Es werden Sekt und Orangensaft gereicht, man schnackt mit Freunden und Bekannten und verschafft sich einen ersten Überblick. Und der ist vor allem bunt. An den Wänden hängen Fotografien in knallgelb, pink und blau. Die blau-weißen Streifen der Hunde dehnen sich über eine Stoffbahn und drei wandfüllende Arbeiten weiter im Raum aus. Die ausgelassene Stimmung und die Kunst sind in diesem Moment ein perfektes Match.

Als die ersten Klavierklänge von Kantorin Barbara Pfalzgraff ertönen, kehrt Ruhe ein in das lebendige Gewimmel. Eine angenehme Notwendigkeit, um den anschließenden Begrüßungsworten von Bernadette Seigel die angemessene Aufmerksamkeit zu schenken. Denn man merkt: Für die Künstlerin ist diese Ausstellung etwas ganz besonderes. Eine Ausstellung ihres Inneren; ein Ausstellen ihres ganz Privaten.

Die Vernissage der ersten Soloausstellung von Bernadette Seigel steiß auf reges Interesse.

“Weil sich Bedeutung nicht planen lässt.”, beginnt Bernadette die kurze Ansprache. Die Arbeiten seien “in Bewegung entstanden – aus Prozessen, aus Entscheidungen, aus Momenten, die erst im Rückblick Sinn ergeben haben. Sie erzählen von innerer und äußerer Freiheit, von Struktur und Loslassen, von dem Versuch, Halt zu finden, ohne sich festzuhalten.” Und Bernadette weiter: “Freiheit zeigt sich hier nicht als Ziel, sondern als Zustand im Werden. (…) Vielleicht geht es weniger darum zu verstehen, was diese Formen bedeuten – sondern darum zu spüren, was sie in Bewegung setzt. – Weil sich Bedeutung nicht planen lässt.” Die letzten Worte verschwinden ein wenig in den Tränen, die fließen. Vor Rührung. Vor Bedeutung, die nicht geplant war. Auch mancher Gast tupft zaghaft eine Träne weg. Der Raum ist Gänsehaut. Spannung, Anspannung, Entspannung – alle Gefühle werden freigelassen und erfüllen den Saal mit Energie. Der Applaus und das beschwingte Spiel der Pianistin lösen die bedächtige Stille und laden zum intensiven Auseinandersetzen und Diskutieren ein.

Der Dialog zwischen Werk und Wort

Köpfe, Helme oder gar Fische? Manches Werk verändert sich je nach Blickwinkel.

Denn anders als die Landschaftsbilder in Öl und Aquarell, die für gewöhnlich die Ausstellungsräume der Insel füllen, ist Bernadettes Kunst nicht selbsterklärend. Es braucht Zeit, Ruhe und gerne ein wenig Anleitung, um sich den Werken zu nähern. Daher hat die Künstlerin eigens ein Begleitheft entworfen, das vor allem die Gedanken in Worte fasst, die jedes einzelne Objekt haben entstehen lassen. Als Betrachter wird man so Teil des Prozesses, der durch die Künstlerin begonnen wurde, den aber jede*r für sich selbst weiterführen kann.

Die Serie “Dazwischen” spielt unter anderem mit friesischer Tradition und Moderne.

Es ist vor allem die Kombination aus Werk und Worten, die die Gäste der Vernissage bewegen. Viele sprechen Bernadette Seigel an, kommen mit ihr ins Gespräch, teilen ihre eigenen Gedanken und würdigen Seigels Œuvre. Sven Sturm, selbst prämierter Fotograf, lobt: ”Ich finde das richtig klasse, dass wir auf Amrum so intensive und anspruchsvolle Begegnungen haben. Das ist ein wahrer Schatz, auf den man hier trifft! Man kreist immer und immer wieder um die Bilder, sieht jedes Mal etwas anderes und nimmt ganz viel Inspiration mit.” So sehen das auch andere Gäste, was sich unter anderem in dem sehr besonderen Gästebuch zeigt, das Bernadette ausgelegt hat. Aus einem Vorlagen-Ordner nimmt man sich ein Blatt Papier mit einer vorformulierten Frage, die einem gefällt und beantwortet sie auf dem freien Platz darunter. So schreibt ein*e Besucher*in auf die Frage, welche Form von Prozess sie/er im eigenen Leben wiedererkenne: “Ich erkenne, dass das einzig verlässliche/kontinuierliche die Veränderung ist… und das ist wunderbar! (…) Danke für die inspirierende und berührende Ausstellung!”

Eine Reise durch Bernadette Seigels Schaffenswelt

Inspiration hat auch Bernadette Seigel an vielen Orten gefunden. So hat die gebürtige Oberschwäbin 18 Jahre lang im europäischen Ausland gelebt und gearbeitet, bevor sie auf Amrum heimisch wurde. Amsterdam, London, Lissabon, Berlin und Lagos sind einige ihrer Stationen und Teil ihres persönlichen Schaffensprozesses.

Wandel und Inspiration: Was bleibt nach der Ausstellung?

Farbenfrohe Fotografien realer Skulpturen. Die Werke der Serie “Klare Kopfsache” können auch käuflich erworben werden.

Doch was ist es eigentlich konkret, das hier ausgestellt wird? Es sind Fotografien, Skulpturen, textile Formen, Mixed Media – entstanden zwischen 2012 und 2024. Nicht alles, was ausgestellt ist, kann auch käuflich erworben werden. Und nicht alles kann überhaupt in einem typischen Friesenhaus präsentiert werden. Zwei der textilen Stücke der Serie “Zeitkörper”, die Schnittmuster eines späteren Werks zeigen, sind 180 cm x 230 cm groß. An anderen, kleineren Werken hängt das Herz der Künstlerin zu sehr. Wie am “Lil’ Drummer Boi”, einem kleinen kugeligen Keramik-Stier mit bunten Trommeln. Eine Erinnerung an einen Lebensabschnitt, den Bernadette Seigel tief im Inneren trägt und noch nicht bereit ist, gehen zu lassen.

Doch vielleicht ist diese erste Ausstellung auch der Beginn eines neuen Prozesses, ein Abnabeln vom eigenen Schaffen – die Zeit wird es zeigen. Wer die Vernissage verpasst hat, sich mit der Künstlerin austauschen oder gar Einblicke in Seigels Arbeitsprozess haben möchte, wird gelegentlich die Möglichkeit dazu bekommen, denn: Bernadette Seigel plant an einer der gerahmten Schnittmuster-Skulpturen während der laufenden Ausstellung immer wieder weiterzuarbeiten.

Für den kleinen Geldbeutel sind auch limitierte Postkarten und ein außergewöhnliches Malbuch zu erwerben.

Es lohnt sich also in jedem Fall regelmäßig im St. Clemens Hüs vorbeizuschauen. Geöffnet ist quasi rund um die Uhr, man darf einfach reingehen. Eine Kasse des Vertrauens steht für Käufe limitierter Postkarten und eines besonderen Malbuchs zur Verfügung, mit dem Seigel kürzlich auch auf der Frankfurter Buchmesse vertreten war.

Über die Kunst von Bernadette Seigel ließe sich noch viel schreiben. Doch es sei jedem und jeder Besucher*in geraten, sich Zeit zu nehmen und die Werke mitsamt der zugehörigen Texte selbst zu erleben. Wer sich darauf einlässt, hat nicht nur die Chance, außergewöhnliche Kunst zu entdecken, sondern vor allem etwas über sich selbst zu erfahren, eigene Denkmuster zu durchbrechen und Veränderung als etwas Positives wahrzunehmen. Eine Finissage Ende April wird dann zeigen, welchen Prozess die Künstlerin, ihr Werk und vielleicht auch die Besucher*innen der Vernissage in diesen Monaten durchlaufen haben.

Wer mehr über die Kunst von Bernadette Seigel erfahren möchte, kann sich auch gerne auf ihrer Webseite umschauen: https://www.bernadette-seigel.com/

Über Nina Löschner

Nina Löschner kam 1989 kurz vor dem Mauerfall in Ost-Berlin zur Welt. Aufgewachsen auf dem Brandenburger Land zog es sie nach der Schule zurück in die Hauptstadt. In Berlin studierte sie Kunstgeschichte und Englisch, arbeite anschließend im Projektmanagement eines Auktionshauses und schließlich sieben Jahre lang als Redakteurin für Funk und Fernsehen. 2022 nahm sie sich eine berufliche Auszeit und absolvierte einen Freiwilligendienst im Naturschutz auf Amrum. Doch die Insel ließ sie nicht mehr los - und so brach sie alle Zelte in der Hauptstadt ab. Heute arbeitet Nina als Leiterin der Schutzstation Wattenmeer in Wittdün.

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