Mit einem gut besuchten Workshop in Wittdün startete Ende letzten Jahres die aktive Planungsphase für den ersten Kongress „Insel International“, der im kommenden Jahr vom 16. bis 18. April 2027 auf Amrum stattfinden soll. Das vom Norddorfer Ehepaar Esther und Marc Nolte initiierte Projekt soll ein Zeichen setzen für Courage, Vielfalt und Toleranz, gegen Diskriminierung und Ausgrenzung.
Es geht um Akzeptanz: Vielfalt und Anders-Sein nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung mit neuen Möglichkeiten zu sehen. Mit der Frage, wie sie „Diversität“ beschreiben, starteten die rund 40 Teilnehmenden – zehn davon per Video zugeschaltet – in den Planungsworkshop und tippten spontan ihre Stichworte per Smartphones auf das digitale Whiteboard der NaTour-Düne.

Lyn Blees vom Flensburger Regionalen BeratungsTeam gegen Rechtsextremismus (RBT) moderierte die mehrstündige Veranstaltung zur Vorbereitung des Kongresses, die vom Zentrum für Betroffene Rechter Angriffe (ZEBRA) und der Landesweiten Informations- und Beratungsstelle Antisemitismus in Schleswig-Holstein (LIBA), der Integrationsbeauftragten des Kreises Nordfriesland, dem Amt Föhr-Amrum und der Amrum Touristik unterstützt wurde.
Nach einer kleinen Stärkung, die das Restaurant Seeblick in Norddorf beisteuerte, tauschte man sich in vier Arbeitsgruppen aus den Bereichen Wirtschaft/Tourismus, Kommunalpolitik/Verwaltung Schule/Jugendarbeit und Zivilgesellschaft darüber aus, wie Vielfalt auf den Inseln konkret gelebt werden kann.
Ein Kongress auf Amrum?
Das klang (vermutlich nicht nur in meinen Ohren) zunächst irgendwie hochtrabend, gefühlt eine Nummer zu groß. Doch im Laufe des Nachmittags schälte sich immer mehr heraus, wie so ein Arbeitskongress aussehen und vorbereitet werden kann, auf dem im Norddorfer Gemeindehaus mehr als 200 Teilnehmende aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft im Frühling 2027 auf Amrum zusammenkommen könnten.
Erste Ideen, wie Vielfalt mit allen Sinnen wahrgenommen werden kann, wurden vorgestellt: Sprachvielfalt in einem mobilen Klang-Erlebnis-Raum namens „Cube of Courage“, der von Insel zu Insel geschickt wird; gute Projektbeispiele und eigene Vorschläge in einer begehbaren, interaktiven Ausstellung namens „Gallery of Walk“; internationale Geschmackserlebnisse und Geschichten beim gemeinsamen Kochen landestypischer Gerichte namens „Cook 4 Courage“, neue Erfahrungen durch gemeinsame sportlichen Aktivitäten, weil Sport uns miteinander besonders gut verbindet.
Es geht darum, konkrete Erfahrungen auszutauschen und positive Beispiele vorzustellen, um von Amrum aus öffentlich wirksam ein mutmachendes Signal für Vielfalt und gegen Rechtsextremismus zu senden an andere Inseln in der Nord- und Ostsee und sich zu vernetzen, perspektivisch vielleicht sogar international.

Warum Amrum?
Amrumer:innen kennen beide Perspektiven: als Fremde ankommen und die Fremde erleben. Schließlich kann die Insel auf eine Jahrtausende alte Migrationsgeschichte zurückblicken!
Schon im 5. Jahrhundert wanderten Jüten zusammen mit Angeln, Sachsen und Westfriesen ins heutige England aus und ab dem 8. Jahrhundert die Friesen aus den heutigen Niederlanden ein. Dann kamen aus dem Norden die Wikinger und in deren Nachfolge die Dänen. Lange war Amrum eine Insel (weltgewandter) Seefahrer. Nach der Übernahme durch die Preußen 1867 wanderten zahlreiche Amrumer:innen in die USA aus (vor allem um Kriegsdienst und wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit zu entgehen), was sich nach den beiden verlorenen Weltkriegen wiederholte, aber durch den Einstieg in den Fremdenverkehr auch zur Einwanderung zahlloser Arbeitskräfte vom Festland führte und – mit zunehmendem Wohlstand – zur Rückkehr von Ausgewanderten und Menschen, die sich auf der Insel eine neue Existenz aufbauen wollten und jungen Amrumer:innen, die für ihre Ausbildung die Insel zunächst verlassen hatten. Bis heute ist es so.
Wir und „die anderen“. Wie divers sind unsere Inselgesellschaften?
Auf der Insel leben Menschen mit ganz unterschiedlichem Einkommen und Besitz, Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Gesundheit, unterschiedlichen Geschlechts und sexueller Orientierung. Die Amrumer:innen unterscheiden sich in Alter, Lebensweise oder Glaubensrichtung. Evangelische, katholische oder freie Christen, Muslime, Buddhisten, liberale Juden und auch viele Menschen ohne Bekenntnis wohnen auf der Insel. Seit jeher sind hier Menschen unterschiedlicher Herkunft und soziokultureller Prägung ansässig. Sie haben ihr eigenes Selbstverständnis, unterschiedliche Bildung, verschiedene Berufe, Interessen und Befindlichkeiten.
Friesisch, Niederdeutsch, Hochdeutsch, Dänisch, Englisch, Italienisch, Arabisch, Serbisch, Kroatisch, Polnisch, Ukrainisch, Russisch, Türkisch, Schwedisch, Spanisch, Französisch, Finnisch, Rumänisch, Vietnamesisch, Japanisch, Gagausisch und noch mehr – das sind Muttersprachen von Amrumerinnen und Amrumern! Amrum ist viel internationaler und diverser, als es auf den ersten Blick scheint. Wer genau hinschaut – insbesondere in die Küchen, Gärten und Souterrains der Insel – weiß: Ein bunter Mikrokosmos an Vielfalt, der auf unserer kleinen Insel lebt und sie am Leben hält!

Warum Internationalität auf den Inseln?
Wir stehen zu einander und für einander ein auf den Inseln, sagt man. Wir wollen Frieden und Verständigung, sind auf Zusammenarbeit und Zuzug angewiesen. Im Moment geht es in der Welt in die falsche Richtung, das kann doch aber so nicht weiter gehen!
Wir sind alle unterschiedliche Menschen und müssen lernen miteinander zu leben, nicht gegeneinander. Das setzt gegenseitigen Respekt voraus. Doch die Angriffe auf die Vielfalt unserer Gesellschaft nehmen zu.
Betrifft uns das hier auf Amrum?
Wir glauben an den Konsens, zumindest an den Kompromiss, und wähnen hier unsere Demokratie in Sicherheit, aber das ehrenamtliche Engagement in der Kommunalpolitik und in vielen Vereinen sinkt stetig, und auch die Wahlergebnisse sollten uns beunruhigen: Bei der letzten Bundestagswahl wurden in Wittdün 12% der Stimmen für die AfD abgegeben, in Nebel waren es 10,8% und in Norddorf 8,1%, obwohl die CDU erfolgreich alle drei Bürgermeister und den Ministerpräsidenten stellt.
Gucken wir vielleicht zu gern weg?
Als Amrumer:innen sind wir gewohnt, Negatives möglichst nicht öffentlich werden zu lassen, aber auch bei uns hat es einzelne Vorfälle gegeben: Hier und da immer wieder Aufkleber und Parolen, persönliche Beschimpfungen und Beleidigungen, sogar Drohungen – und 2017 den persönlich motivierten Mord an einem jungen Geflüchteten, der medial von Rechtsextremisten der Republik propagandistisch „gefeiert“ wurde. Amrum ist keine heile Welt, aber wir wünschen uns ein liebenswertes Miteinander, Menschlichkeit, Gemeinsinn und mehr Freundlichkeit im Umgang.
Diskriminierung und Menschenverachtung erkennen.
Menschen mit dunkler Hautfarbe oder fremd klingenden Namen erleben meist mehr Diskriminierungen im Alltag als andere. Sie werden häufiger kontrolliert, finden keine Wohnung oder keinen qualifizierten Job. Menschen, die nur gebrochen Deutsch sprechen, haben es schwer, werden schneller abgewiesen, schlechter beraten oder behandelt. Wenn Menschen sich wegen ihrer ethnischen Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, ihres Alters oder ihrer sexuellen Identität benachteiligt fühlen, können (und sollten) sie sich an vorhandene Gleichstellungsbeauftragte wenden. Aber was, wenn man „nur ausgegrenzt“ wird?

Fremden-Feindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus kommen wie auch Frauen-, Homo- oder Transsexuellen-Feindlichkeit im Alltag oft als verletzende Bemerkungen daher, manchmal unbewusst oder nicht beabsichtigt.
Die immer wieder unbedacht gestellte Frage „Woher kommst Du denn?“ kann ausgrenzend und verletzend wirken, und dass Betroffene das N-Wort als Beleidigung empfinden, ist inzwischen auch bekannt. Sich auf Augenhöhe begegnen und immer erst einmal den Menschen zu sehen statt nach äußerlichen Merkmalen oder der Herkunft zu bewerten, ist ein guter Rat.
Anzügliche Pfiffe aus der Baugrube oder der Kundin ein „tolles Fahrgestell“ flüsternd zu bescheinigen wären heutzutage nur noch peinlich (für den Kollegen), doch gegenüber einem jüdischen Mitbürger zu sagen: „Dich hat man wohl vergessen zu verg…“ ist (und bleibt!) eine menschenverachtende Beleidigung! Dafür gibt‘s zu Recht die „Rote Karte“. Wird man doch wohl noch sagen dürfen? Nein, darf man nicht, und das weiß, wer diese vermeintliche Frage provokant mit Ausrufezeichen stellt, vermutlich ganz genau.
Mutig für einander einstehen.
Man kann und sollte insbesondere jungen Menschen sachlich erklären, was die Menschenwürde jedes einzelnen bedeutet und warum wir in unserer Demokratie üble Nachrede, Hass und Hetze nicht dulden. Doch Freunden, Nachbarn, Gästen oder Kunden, die solche menschenverachtenden Sprüche bringen, zu widersprechen oder wirklich die Rote Karte zu zeigen, erfordert Rückgrat und – unvermeidlich – auch Courage. Organisationen wie RBT, ZEBRA und LIBA (siehe Artikelanfang) können einen beraten und gegebenenfalls das Rückgrat stärken.
Wer sich an der Vorbereitung oder am Kongress „Insel International“ beteiligen möchte, wende sich per WhatsApp an Esther Nolte unter 0170-477 3737.
Für mich persönlich schließt sich mit diesem Artikel über das Projekt “Insel International“ ein Kreis, denn vor genau zehn Jahren schrieb ich auf Amrum News „Willkommen und Ankommen“. https://www.amrum-news.de/2016/03/11/willkommen-und-ankommen/
Es würde mich sehr freuen, wenn mit dem Kongress „Insel International“ auf Amrum im kommenden Jahr erneut ein so menschliches Signal der Akzeptanz ausgeht, das auch größeren Inseln Mut macht, sich couragiert für Vielfalt und Fremden-Freundlichkeit in der Gesellschaft zu engagieren – nicht obwohl, sondern weil sich die Zeiten geändert haben!
AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum


Moin zusammen,
ein sehr guter Bericht zu einem so wichtigen Thema.
Viel Erfolg alle den Menschen die dies in die Hand nehmen.
Alerta 161
A. Zander
Was dich zu dir macht, macht dich am schönsten.
In diesem Sinne sei wie und wer du sein willst.