Inge Sarsfield lässt Wittdüns Häuser und Bewohner erzählen …

Mit 80 begann sie ihr größtes Projekt. Inge Sarsfield erzählt die Geschichte Wittdüns – Haus für Haus, Mensch für Mensch. Was sie dabei über die Insel bewahrt hat, erfährt man jetzt in einer ganz persönlichen Ortschronik.

“Wir sind wie Zwillinge aufgewachsen”, erzählt Peter Jürgensen, Inges nur ein Jahr jüngerer Bruder. Die Beziehung der Geschwister war sehr eng und voller Liebe.

Ihr Leben klingt nach Abenteuer: In den 50er-Jahren fuhr sie mit dem Schiff von Hamburg nach New York, lebte fünfzehn Jahre in Massachusetts und war mit nur 33 Jahren in ihrem Unternehmen unter rund 700 Angestellten die einzige Frau, die in eine Managementposition befördert wurde. Später reiste sie mit den Tuareg durch die Tenéré-Wüste in Niger – Inge Sarsfield, geboren 1935 in Holzbunge bei Rendsburg, aufgewachsen auf Amrum. Sie war selbstbestimmt, neugierig und weltoffen – bis ins hohe Alter. Das erklärt auch, warum sie sich mit Mitte 80 noch in ein Projekt stürzte, das nun als Buch erschienen ist: die Geschichte der Häuser Wittdüns und ihrer Bewohner. 135 Jahre Ortsgeschichte auf knapp 100 Seiten, angereichert mit Fotos, Karten und Zeichnungen, zusammengetragen aus eigenen Erinnerungen und Gesprächen mit Zeitzeugen. Vier Jahre lang recherchierte Inge Sarsfield – auf Anraten von Georg Quedens –, um nahezu jedes je errichtete und noch stehende Haus in Wittdün historisch zu entkernen. Entstanden ist ein Werk aus Erinnerungen – eine subjektive Chronik des späten Inseldorfs.

Eine Amrumerin in der Welt

Die Louisen-Apotheke von 1898 steht noch heute in voller Pracht in der Inselstraße.

Es wäre schade, dieses Buch vorzustellen, ohne den spannenden Menschen dahinter zu beleuchten – auch wenn ich Inge Sarsfield, die im vergangenen Sommer im Alter von fast 90 Jahren verstorben ist, nicht mehr kennengelernt habe. Alles, was ich über sie erfahre, entstammt ihrem Buch, Fragmenten einer begonnenen Biografie sowie den Erinnerungen von Verwandten und Freunden. Als spannende und intellektuelle Frau wird sie mir häufig beschrieben: lebhaft, voller Energie, tolerant, kontaktfreudig und vielseitig interessiert. Aus den Dokumenten erlebe ich sie als besonders engagiert.

Karriere gegen Konventionen

Die Geschichte der heutigen Louisen-Apotheke.

In den fast 30 Jahren, in denen sie für ein Unternehmen für Büromöbel und Computerzubehör in Amerika, Frankreich und später Frankfurt am Main tätig war, arbeitete sich Inge Sarsfield kontinuierlich nach oben. In Paris baute sie gemeinsam mit ihrem Chef eine eigene Filiale auf, wurde regelmäßig befördert und erhielt neue Verantwortung. Ihr Arbeitszeugnis ist voll des Lobes. Und auch sie selbst schreibt, dass ihre Arbeit ihr stets Spaß gemacht habe und „[ihr] Beruf mit viel Reisen [ihr] Hobby [wurde]“. Sie war in Andalusien, auf Kreta, in Marokko, Norwegen, Kanada, Kenia, auf der Arabischen Halbinsel, im Iran und im Irak – und das als Frau, allein. Überall pflegte sie Kontakte und Freundschaften. Kommt es einem da nicht beinahe spießig vor, auf die kleine Insel Amrum zurückzukehren?

„Inge war gleichermaßen reisefreudig und hungrig auf die Welt da draußen, aber auch immer tief mit der Insel verwurzelt. Der Kontakt brach nie ab. Amrum blieb stets ihre Heimat“, erzählt ihr Neffe Ulf Jürgensen.

Rückkehr auf die Insel

In der heutigen Inselstraße stehen noch viele Häuser aus den Wittdüner Gründungsjahren. Ihre Geschichte kann man in Inge Sarsfields Buch nachlesen.

Vor allem wollte Inge ihren Vater unterstützen, der inzwischen allein auf der Insel lebte. Mit Eintritt ins Rentenalter hielt sie auch ihr Job nicht mehr in Frankfurt – auch wenn sie das multikulturelle Leben weiterhin liebte und ihre Frankfurter Wohnung noch zwei Jahre nach der Rückkehr nach Amrum behielt.

Sich zur Ruhe zu setzen, kam für Inge Sarsfield dennoch nicht infrage. Noch einige Jahre engagierte sie sich als Vorsitzende des Amrumer Sozialverbandes, unterstützte den Öömrang Ferian, sang im Gesangverein und organisierte Klassentreffen. Mit 64 Jahren reiste sie durch Libyen, mit 65 durch die Wüste in Niger. Neugierig blieb sie bis ins hohe Alter. Das aufwendig recherchierte Buch „Wittdüns Häuser erzählen … und ihre Bewohner“ reiht sich ganz natürlich in ihre Interessen ein.

Ein Mammutprojekt mit Mitte 80

„Es war vor allem die Erkenntnis – und auch ein wenig die Sorge –, dass das Wissen darüber, wie es damals in Wittdün aussah und wer dort lebte, mit Inges Tod verloren gehen würde. Das wollte sie verhindern. Und sie bekam viel Zuspruch für das Projekt – sowohl auf der Insel als auch vom Festland. Das hat sie zusätzlich motiviert, mit Mitte 80 noch ein solches Mammutprojekt anzugehen“, erzählt Ulf Jürgensen.

Wittdün wirkt auf viele Menschen heute recht „verbaut“. Gerade bei der Ankunft auf der Insel sticht einem der „Charme“ der 70er-Jahre ins Auge. Doch wer genau hinschaut, entdeckt noch die Perlen alter Zeiten: So stammen alle neun Häuser der Strandstraße aus der Gründerzeit, ebenso ein Großteil der Insel- und Mittelstraße sowie das „Landhaus“ und die drei Häuser am Hafendeich, darunter die Villa Helgoland.

Hinter jeder Fassade eine Geschichte

Ausgehend von einer alten Wittdüner Ortskarte, auf der jedes Haus nummeriert ist, schildert Inge Sarsfield die Wohn- und Besitzverhältnisse der einzelnen Gebäude und reichert sie mit kleinen Anekdoten an. So erfährt man etwa, dass im Haus Therese (Volkert-Quedens-Straße 2) früher ein Kindergarten untergebracht war und der ehemalige „Pütt un Pann“ ab 1910 ein Friseurladen, der auch Tabakwaren und Drogerieartikel verkaufte. Oder dass das heutige Café Pustekuchen, die „Villa Elisabeth“, 1892 erbaut, ab 1908 als Post- und Telegrafenamt genutzt und seit 1927 als Café geführt wird. 1954 verfolgte Inge Sarsfield dort mit Freunden und Familie die Fußballweltmeisterschaft – am einzigen Fernseher in ganz Wittdün. Auch das Hotel Südstrand, 1897 erbaut und zunächst als Weberei genutzt, wird erwähnt: Hier wurden Amrumer Frauen in der Kunst des Webens unterrichtet.

Den Wandel der Wittdüner Jugendherberge erlebte Inge selbst mit. 1938 waren ihre Eltern von Sylt nach Amrum gekommen, um das damalige „Haus Germania“ und die „Nordseehallen“ als Herbergseltern zu leiten. Vom alten Fachwerkhaus ist heute nichts mehr zu sehen, doch die Jugendherberge wird noch immer in dritter Generation von Inges Neffe Ulf Jürgensen und seiner Frau Ineke geführt.

Rund 80 Häuser Wittdüns nimmt Inge Sarsfield in ihrem Buch unter die historische Lupe. Für ältere Amrumerinnen und Amrumer ist es eine Reise in die Vergangenheit, die manche Erinnerung wachruft. Neuinsulaner wie ich sind von den vielen Namen zunächst überfordert – gewinnen jedoch einen neuen Blick auf das jüngste Inseldorf und schauen am Ende wohl ebenso wehmütig auf vergangene Zeiten wie die alteingesessenen Bewohner Wittdüns.

Das Buch „Wittdüns Häuser erzählen … und ihre Bewohner“ ist für 30 Euro über Inges Neffe Ulf Jürgensen erhältlich. Amrum News vermittelt bei Interesse gern den Kontakt.

Über Nina Löschner

Nina Löschner kam 1989 kurz vor dem Mauerfall in Ost-Berlin zur Welt. Aufgewachsen auf dem Brandenburger Land zog es sie nach der Schule zurück in die Hauptstadt. In Berlin studierte sie Kunstgeschichte und Englisch, arbeite anschließend im Projektmanagement eines Auktionshauses und schließlich sieben Jahre lang als Redakteurin für Funk und Fernsehen. 2022 nahm sie sich eine berufliche Auszeit und absolvierte einen Freiwilligendienst im Naturschutz auf Amrum. Doch die Insel ließ sie nicht mehr los - und so brach sie alle Zelte in der Hauptstadt ab. Heute arbeitet Nina als Leiterin der Schutzstation Wattenmeer in Wittdün.

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