Für viele Menschen ist Amrum ein Ort der Ruhe. Für Aaron Wahl ist es ein Ort, um Neurodivergenz zu leben und sichtbar zu machen. Er erzählt von seinem Weg, seiner Diagnose und seiner Vision für einen Raum, in dem sich neurodivergente Menschen verstanden fühlen. Warum ein Buch, eine App und die Insel Amrum nur der Anfang sind, lesen Sie hier.

Kindheit, Diagnose und Selbstfindung
Seit Oktober 2025 wohnt Aaron Wahl in Steenodde. Der gebürtige Hamburger fühlte sich schon als Kind auf Amrum viel wohler als in der lauten und umtriebigen Stadt. Zu der Insel hat er eine besondere Verbindung: Seine Großeltern hatten dort ein Ferienhaus gebaut, und er verbrachte viele schöne und unbeschwerte Momente, vor allem mit seinem Großvater, der Hilfspastor in Nebel war. Während Aaron in seinem Alltag mit großen Schwierigkeiten kämpfte, akzeptierte ihn sein Opa und wollte ihn nie verändern. Erst nach einem langen Leidensweg erhielt Aaron mit 26 Jahren die Diagnose Autismus. Zu dem Zeitpunkt lebten seine Großeltern jedoch schon nicht mehr, und lange Zeit fühlte er sich mit dieser Andersartigkeit allein. Doch genau diese Erfahrung wurde zum Antrieb für sein heutiges Engagement: Er möchte Neurodivergenz sichtbarer machen und Menschen unterstützen, die ähnlich denken und fühlen wie er selbst.
Neurodivergenz verstehen – Alltag, Schule und Herausforderungen
Aaron, viele Menschen haben das Wort „Neurodivergenz“ schon einmal gehört. Kannst du nochmal erklären, was man darunter versteht?
Aaron:
„Neurodivergenz ist kein Defizit, sondern eine andere Art zu denken und die Welt wahrzunehmen. Es betrifft weit mehr Menschen, als man denkt: ADHS, Autismus, Legasthenie, Dyskalkulie und weitere Formen gehören dazu. Gemeinsam ist ihnen, dass das Gehirn Reize, Informationen und Gefühle anders verarbeitet. Das ist keine Krankheit. Es ist Neurologie. Und es betrifft nicht nur Kinder. Auch Erwachsene, die sich ihr ganzes Leben lang irgendwie falsch gefühlt haben, ohne zu wissen warum, finden hier oft erstmals eine Erklärung.“
Und was bedeutet das dann im Alltag für neurodivergente Menschen, speziell bei Kindern? Kinder sind ja oft noch gar nicht diagnostiziert.
Aaron:
„Viele neurodivergente Gehirne filtern Reize nicht automatisch. Das Brummen des Kühlschranks, das Gespräch am Nebentisch, das Licht an der Decke – alles kommt gleichzeitig an, auf gleicher Lautstärke, und muss bewusst verarbeitet werden. Acht Stunden Schule bedeuten acht Stunden Schwerstarbeit. Wenn ein Kind danach erschöpft ist, hat es den ganzen Tag manuell geleistet, was andere Gehirne automatisch erledigen. Ohne Pause. Und wenn es dann stundenlang still ist und plötzlich explodiert, ist das kein Trotz. Stille ist Selbstregulation. Der Ausbruch kommt, weil das Gehirn eine Kapazitätsgrenze erreicht hat. Es sind keine Charakterfehler. Es kann nicht anders gemacht werden. Aber es kann verstanden werden.
Für viele Menschen ist Amrum ein Ort der Erholung. Für neurodivergente Menschen kann die Insel aber auch besondere Herausforderungen mit sich bringen: begrenzte Unterstützungsangebote, wenig Austausch mit Gleichgesinnten und kaum Sichtbarkeit für neurodivergente Lebensrealitäten.“
Und begrenzte bzw. keine Diagnosemöglichkeiten. Was hat sich nach deiner Diagnose verändert?
Aaron:
„Danach habe ich über 130 Vorträge bei Rotary Clubs in ganz Deutschland gehalten und erklärt, wie Neurodivergenz funktioniert. Meine Biografie Ein Tor zu eurer Welt ist bei Droemer Knaur erschienen, mit einem Vorwort von Prof. Tony Attwood, einem der weltweit bekanntesten Experten auf diesem Gebiet. Aktuell ist im Rotary Magazin ein ausführlicher Artikel über meinen Weg erschienen. 2025 wurde ich als WEconomy Diversity Leader ausgezeichnet. Jeder einzelne dieser Schritte wäre für den Jungen, der das Haus nicht verlassen konnte, undenkbar gewesen. Jeder wurde möglich, weil jemand mir gezeigt hat, was ich kann, statt mir vorzuhalten, was ich nicht kann.“
Vom Buch zur App: Aarons Engagement für Amrum
Und du hast die App „Autistic Mirror“ geschaffen. Was ist das genau?
Aaron:
„Auf meinen Vorträgen kamen immer wieder Eltern zu mir, immer mit der gleichen Frage: Warum macht er das? Warum reagiert sie so? Daraus ist Autistic Mirror entstanden, eine App, die autistischen Menschen und ihrem Umfeld erklärt, was im Gehirn passiert. Die App bewertet nicht, sie erklärt – mit einem dreischichtigen Sicherheitssystem und Krisenprotokoll.
Dass das fachlich bedeutsam ist, zeigt die internationale Resonanz: Neben Prof. Attwood hat auch die Chefredakteurin der Fachzeitschrift Autism in Adulthood wissenschaftliches Interesse bekundet. Dazu gibt es meinen Blog und eine eigene Webseite für Amrum, die sich an alle Formen von Neurodivergenz richten – als offene Anlaufstelle, ohne Schwelle, ohne sich erklären zu müssen.“
Aufklärung statt Vorurteile! Was heißt das für Amrum?
Aaron:
„Dass niemand sich allein fühlen muss mit diesen Fragen. Es gibt auf Amrum und den Nachbarinseln einen echten Bedarf. Nicht weil Menschen krank sind, sondern weil ihr Gehirn anders arbeitet und sie das verdienen, zu verstehen. Die App, der Blog und die Webseite sind da, die wissenschaftliche Validierung läuft.
Was jetzt fehlt, ist ein physischer Ort auf Amrum: ein Raum, der sensorisch auf neurodivergente Menschen abgestimmt ist und als Anlaufstelle für Familien, Einheimische und Gäste dienen kann. Ich würde mich freuen, mit den Inselgemeinden ins Gespräch zu kommen, wie und wo so etwas entstehen könnte. Damit kein Kind und kein Erwachsener sich falsch fühlen muss, nur weil das eigene Gehirn anders arbeitet.
Amrum gibt vielen Menschen Ruhe. Das Meer, die Weite, die Stille. Für neurodivergente Menschen kann genau das besonders wertvoll sein. Ein Ort, an dem weniger gefiltert werden muss. Wo man sein darf, wie man ist.“
Persönlicher Hinweis
Aus dem geplanten Interview wurde ein spannender und sehr wertvoller Austausch. Ich kann jedem, der sich angesprochen fühlt oder das Thema Neurodivergenz interessiert, empfehlen, sowohl Aarons Blog wie auch die App anzuschauen und ggf. auf ihn zuzugehen – sei es anonym in der App, per E-Mail (siehe Blog) oder bei einem persönlichen Treffen.
Wichtige Links:
- Autistic Mirror – kostenlos testen → [LINK1]
- Informationen für Amrum → [LINK2]
- Kontakt & Vortragsanfragen → [LINK3]
- Biografie „Ein Tor zu eurer Welt“ → [LINK4]
- Rotary – Artikel [LINK5]
AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum

