Vergessener Expressionist: Willy Robert Huth auf Amrum wiederentdeckt …

Jahrzehntelang hingen sie teils unbeachtet in privaten Wohnungen. Nun zeigt das Öömrang Hüs Werke des Expressionisten Willy Robert Huth, dessen Kunst einst von den Nationalsozialisten verbannt wurde. Hinter den Bildern steckt nicht nur Kunstgeschichte, sondern auch eine enge Verbindung zur Insel. 

Astrid Thomas Niemann, Initiatorin und Kuratorin der Ausstellung

Ein Kunstmuseum gibt es auf Amrum leider nicht. Doch museumswürdige Kunst schlummert vielerorts in privaten Wohnungen auf der Insel, verborgen vor der Öffentlichkeit, zuweilen sogar vergessen. Ein Teil dieser ungesehenen Werke ist nun ins Öömrang Hüs in Nebel gezogen, das knapp ein Jahr lang als temporäres Kunstmuseum dient. Anlass ist eine neue hochkarätige Ausstellung mit fast 100 Werken des deutschen Expressionisten Willy Robert Huth, dessen Kunst von den Nationalsozialisten als “entartet” deklariert wurde. Höchste Zeit, diesen bedeutenden Vertreter der sogenannten “Verschollenen Generation” zurück ins Bewusstsein zu rufen.

Georg “Schorsch” Dittmar, auch bekannt als Der halbe Horst, spielte während des Vormittags poetische Lieder.

Ein feierlicher Auftakt 

Rund 80 Gäste waren diesem Aufruf bereits am vergangenen Freitag gefolgt. Die Vernissage fand bei strahlendem Sonnenschein und unter einem satten, wolkenlosen Himmel statt. Blühende Obstbäume schmückten das Öömrang Hüs – und Georg “Schorsch” Dittmar verlieh der märchenhaften Kulisse mit seinen poetischen Liedern den passenden musikalischen Rahmen. Feierlicher hätte so ein Auftakt kaum sein können. Als später noch die Amrumer Blaskapelle auf ihrer traditionellen Inselrundfahrt zum 01. Mai einen Stopp vor dem Kapitänshaus einlegte, begannen einige Gäste gut gelaunt zu tanzen.

Viele Helfer für ein großes Projekt 

Ins Leben gerufen hatte die Ausstellung der Verein „Bunte Kapelle. Amrumer Kultur- und Geschichtswerkstatt“, der erst Anfang des Jahres von zehn kulturinteressierten Amrumerinnen und Amrumern gegründet wurde (Amrum News berichtete). Doch die Liste derjenigen, die zur Realisierung der Kunstausstellung beigetragen haben, ist um einiges länger. Sie hier alle namentlich zu erwähnen, würde den Rahmen sprengen. Aber bedacht werden sollten die Menschen, die ihre privaten Kunstwerke überhaupt erst als Leihgabe zur Verfügung stellten. Außerdem diejenigen, die die Ausstellung während der Öffnungszeiten betreuen und reinigen werden. Die ehrenamtlichen Helfer*innen, die zur Vernissage Muffins gebacken haben und Sekt ausschenkten. Die Personen, die Plakate und Flyer gestaltet haben. Und natürlich der Öömrang Ferian, der die Räumlichkeiten zur Verfügung stellt und dem die Hälfte der Eintrittserlöse zugute kommen wird.

Doch der größte Dank gilt wahrscheinlich der Initiatorin und Kuratorin Astrid Thomas-Niemann, die bereits vor rund drei Jahren dem bis dato ebenso vergessenen Hans Jaenisch, Vertreter der abstrakten Kunst, eine Ausstellung gewidmet hatte. Im Anschluss damals fragte Kai Quedens, ebenfalls Maler auf Amrum, warum sie denn nicht mal über Willy Robert Huth schriebe. “Wen?”, fragte auch Astrid, wie sie in ihrer Eröffnungsansprache bei der Vernissage erzählte. Also fing sie an, sich mit ihm zu beschäftigen und stellte schnell fest, was für ein Meister Huth gewesen war. “Wenn wir Expressionisten wie Willy Robert Huth vergessen, dann haben die Nazis mit ihrer Verfemung volle Arbeit geleistet! Und das wollen wir natürlich nicht!”, stellte Astrid Thomas-Niemann klar.

Den Eingangsbereich ziert u.a. ein großes Foto von W. Robert Huth beim Malen.

Ein Künstler zwischen Erfolg und Verfolgung

Willy Robert Huth wurde 1890 in Erfurt geboren. Er besuchte dort die Kunstgewerbeschule und ließ sich später zum Dekorationsmaler ausbilden. Als solcher gestaltete er vor allem Wände und Fassaden, u.a. im Olympischen Dorf und bei den Kammerspielen in Berlin. Doch seine Leidenschaft galt vermutlich schon immer der freien Malerei. So nutzte er während des Ersten Weltkrieges die Zeit seines Dienstes und die anschließende Gefangenschaft auch zum Aufbau eines umfangreichen Frühwerks. Bereits in den 1920er und 1930er Jahren wurden Huths Arbeiten auf Ausstellungen in Berlin, Amsterdam, New York, Hamburg und Stockholm gezeigt. Er unternahm zahlreiche Studienreisen innerhalb Europas, war befreundet mit namhaften Künstlern wie Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Max Pechstein und George Grosz. Vor allem Schmidt-Rottluff war seit Ende des Ersten Weltkrieges ein guter Freund und prägte Huths Stil mehr, als es ihm lieb war. In Südfrankreich allerdings konnte er sich von Schmidt-Rottluff “freimalen”.

Aquarelle, Druckgrafiken, Gouachen und Ölbilder: Das Werk von W. Robert Huth ist umfangreich.

Mit der Machtergreifung der Nazis kam der Weg nach oben schließlich auch für Willy Robert Huth ins Stocken. 1937 erhielt er Ausstellungsverbot und seine expressionistischen Arbeiten wurden als “entartete Kunst” beschlagnahmt. Um finanziell zu überleben, nahm Huth Aufträge der Wehrmacht entgegen und entwarf Fenster, Wandmalereien und Mosaike für repräsentative Bauten. Noch mit 54 Jahren wurde er als Grenzschutz erneut in den Wehrdienst gerufen. Währenddessen wurde sein Berliner Atelier zerbombt und das gesamte Frühwerk verbrannte.

Im Juli 1945 kehrte Huth krank und arbeitsunfähig ins zerstörte Berlin zurück. Doch er gab nicht auf. Er fing erneut an zu malen, wurde 1947 als Professor an die Hochschule für Bildende Künste in Berlin berufen und gründete 1949 die Berliner Neue Gruppe mit. 1950 heiratete er in zweiter Ehe die Theaterwissenschaftlerin Ruth Malchow, mit der er bis an sein Lebensende zusammen blieb.

Die vielen Postkarte, die W. Robert Huth schuf, zeigen das Inselleben vor über 50 Jahren.

Warum Amrum zu Huths Hauptmotiv wurde 

Nachdem Willy Robert Huth seine früheren Sommer gerne auf Hiddensee und in Ostpreußen verbracht hatte, wurde mit der Gründung der DDR die Einreise für Westdeutsche schwierig. Ein neues Ziel musste her – und so kam 1952 Amrum in das Leben des Künstlerehepaares. Seitdem verbrachten “Ruth und Huth”, wie sie sich augenzwinkernd selbst nannten, jedes Jahr mehrere Wochen oder auch Monate im Haus von Familie Peters in Nebel. So wurde Amrum zu Huths Hauptmotiv.

Und das kann man auf der aktuellen Ausstellung im Öömrang Hüs auch sehen. Hafen-, Strand- und Dorfansichten zieren viele der farbenfrohen Werke. Mittelformatige Aquarell-, Gouache- oder Ölmalereien sind ebenso zu besichtigen wie kleinere Zeichnungen und Grafiken. Besonders die vielen Postkarten, von denen sich hunderte in Huths Nachlass befinden, geben einen spannenden Einblick in das Ortsbild Amrums der 1950er bis 1970er Jahre. Für Huth schienen die Postkarten eine Art Skizzen- oder Tagebuch gewesen zu sein. Es heißt, er habe immer einen ganzen Packen Blanko-Karten dabei gehabt, die er jederzeit mit spontanen Szenen oder Bildideen bemalte.

W. Robert Huths damaliger Originalschreibtisch mit Werken; draußen im Garten die Kuratorin Astrid Thomas-Niemann im Gespräch mit Besuchern.

Erinnerungen der Familie Peters 

Besonders sind auch die Portraits der “Peters-Kinder”. Mehrere Wochen lang waren Ruth und Huth jeden Sommer Teil der Familie von Wilhelm und Wilhelmine Peters in Nebel. Sie gingen ein und aus, aßen gemeinsam, spielten mit den Kindern. Nicht ungewöhnlich also, dass ein Maler auch Portraits von Freunden anfertigt. Und so hängen nun auch Zeichnungen von Keike, Wellem und Holger Peters im Öömrang Hüs, die bislang nur die Privaträume der Familie zierten. Ein Portrait von Keike zeigt sie als etwa Siebenjährige: ein Mädchen mit roten Zöpfen und meerblauen Augen. “Normalerweise hängt es bei mir im Esszimmer.”, erzählt sie.

Bereits in vierter Generation lebt Keike nun im alten roten Kapitänshaus, in dessen oberen Stockwerk damals “Ruth und Huth” residierten. Ohne eigenes Bad, aber mit Kochnische und Kühlschrank – sehr modern für damalige Verhältnisse. “Ich erinnere mich, dass ich immer still sitzen musste”, sagt Keike. Aber im Grunde fand sie es toll, gezeichnet zu werden. Vor allem inspirierte Huth sie auch zur eigenen Malerei, die sie viele Jahre betrieben hat. “Mit einem Künstler wie Huth aufzuwachsen, war ganz normal”, sagt sie. Um sein Talent und die Bedeutung der Werke hat die Familie Peters aber trotzdem immer gewusst. “Ich finde die Ausstellung sehr gelungen und freue mich, dass die Bilder endlich mal wieder für die Öffentlichkeit zu sehen sind”, lobt Keike damit vor allem auch die Arbeit von Astrid Thomas-Niemann.

Öffnungszeiten, Eintritt und geplante Sonderveranstaltungen 

Wer sich selbst davon überzeugen möchte, hat noch bis zum 21. Februar 2027 die Gelegenheit. Geöffnet ist die Ausstellung “Huth. Amrum” im Öömrang Hüs in der Saison immer dienstags, mittwochs und donnerstags von 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 4 Euro pro Person, Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre sind frei. Neben der normalen Besichtigung plant der Verein “Bunte Kapelle” perspektivisch auch einige Sonderveranstaltungen: Kunstrundgänge, Matinées und thematische Sonderhängungen sollen stattfinden wie Extraführungen mit Kreativangebot für die Amrumer Kinder.

Über Nina Löschner

Nina Löschner kam 1989 kurz vor dem Mauerfall in Ost-Berlin zur Welt. Aufgewachsen auf dem Brandenburger Land zog es sie nach der Schule zurück in die Hauptstadt. In Berlin studierte sie Kunstgeschichte und Englisch, arbeite anschließend im Projektmanagement eines Auktionshauses und schließlich sieben Jahre lang als Redakteurin für Funk und Fernsehen. 2022 nahm sie sich eine berufliche Auszeit und absolvierte einen Freiwilligendienst im Naturschutz auf Amrum. Doch die Insel ließ sie nicht mehr los - und so brach sie alle Zelte in der Hauptstadt ab. Heute arbeitet Nina als Leiterin der Schutzstation Wattenmeer in Wittdün.

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