Amrumer Kontraste 08 – Über den Kniepsand …

Der „Kniep“, wie die Amrumer ihn nennen, ist die riesige Sandfläche, die sich an die Westseite, also die Seeseite, in ganzer Länge an die Insel anschmiegt.

Der Kniepsand ist der Hauptanziehungspunkt für Gäste wie Insulaner und kann getrost als ein Alleinstellungsmerkmal der Insel bezeichnet werden. Immer wieder wird er in den Medien als „breitester Sandstrand Europas“ bezeichnet und erscheint auch regelmäßig auf den oberen Plätzen verschiedener Rankings der schönsten Strände. So wurde er beispielsweise für den Monat Juli 2022 vom US-amerikanischen Fernsehsender CNN als schönster Strand der Welt gekürt. Immerhin ist er rund 15 km lang und an seiner breitesten Stelle, je nach Wasserstand, über 2 km breit. Je nachdem, an welcher Stelle man an den Strand geht, muss also ggf. recht lange gelaufen werden, bis die Wasserkante erreicht ist.

Genau genommen ist der Kniepsand allerdings gar kein Strand, da er gar nicht zur Insel gehört. Geologisch gesehen ist er nämlich ein Hochsand, sprich eine Sandbank, die im Laufe von Jahrhunderten an die Insel angeschwemmt wurde. Aufgrund der Strömungsverhältnisse und der Gezeiten verändert dieser Sand auch heute noch – und sicher auch weiterhin in der Zukunft – permanent sein Aussehen, indem er sich nordwärts ausbreitet und langfristig gesehen um die Nordspitze der Insel herumwandert.

Zehn Quadratkilometer beträgt die Fläche des Knieps – da besteht keine Gefahr der Überfüllung durch Besucher, auch nicht im Sommer. Sicherlich ist im Bereich der Dünenübergänge und an den ausgewiesenen Badestränden zu den Badezeiten ein größerer Ansturm von „baaselidj“ (Badeleute = Kurgäste) zu verzeichnen, und es sind dort viele Strandkörbe anzutreffen. Wer es aber lieber einsam haben möchte, der lässt seinen Strandkorb einfach ein paar hundert Meter weiter weg platzieren oder geht zehn Minuten entlang der Wasserkante – egal in welche Richtung – und findet problemlos ein ruhiges Plätzchen.

Wenn man sich auf dem Kniepsand befindet, hat man, je nach Blickrichtung, das Gefühl, sich in einer Wüste zu befinden: Sand, soweit das Auge reicht. Wer nun aber denkt, das sei langweilig, der irrt. Je nach Tageszeit, Jahreszeit oder Wetterverhältnissen ergeben sich deutlich unterschiedliche Eindrücke, und es lohnt sich immer, auch bei unwirtlichem Wetter, einmal am Strand vorbeizuschauen. Dabei muss allerdings bedacht werden, dass Sturm und Wind, Kälte, Sonne und Hitze besondere Anforderungen an die Kleidung stellen. Das Laufen im weichen Sand kann anstrengend sein, besonders wenn es gegen den Wind geht. Auch gibt es an einigen wenigen Stellen sogenannte Schlicklöcher, in die man einsinken kann. Zu bedenken ist zudem, dass es am Kniepsand keinerlei Schatten gibt, da dort keine Bäume wachsen. Die Sonneneinstrahlung – wenn die Sonne denn scheint – ist enorm, die UV-Belastung immer zweieinhalbfach höher als am Festland. Insbesondere der weiße, feine Sand reflektiert die Strahlen; man wird also von oben und von unten gegrillt. Sonnenbrille, Sonnencreme und Kopfbedeckung sollten obligat sein. Letztere auch dann, wenn es kalt ist oder stürmt, denn über einen unbedeckten Kopf findet der größte Wärmeverlust statt. Dies gilt insbesondere für Kinder! Zumeist weht immer Wind, der einem das Gefühl vorgaukelt, es sei frisch, sodass man gar nicht merkt, wie man verbrennt und austrocknet. Hält man sich längere Zeit am Strand auf, egal ob man läuft oder einen Strandkorb geentert hat, ist es angebracht, etwas Proviant und genügend Getränke dabei zu haben.

Ein bisschen Orientierungssinn ist ebenfalls nicht schlecht, denn der Strand ist so weitläufig, dass man sich tatsächlich verlaufen kann. Dies gilt vor allem, wenn plötzlich Seenebel aufkommt und man gar nicht mehr sieht, wohin man eigentlich laufen will. Da nützt dann die Aussage „Ich kann den Leuchtturm sehen“ auch nicht mehr viel.

Ein spezielles Augenmerk muss auf die Gezeiten gerichtet werden. Schon so mancher bei Niedrigwasser an der Wasserkante laufende Strandwanderer sah sich bei auflaufendem Wasser plötzlich vom Rückweg zur Dünenkante durch einen vollgelaufenen Priel abgeschnitten. Und bei einer Sturmflut kann der Kniep sogar bis zur Dünenkante unter Wasser stehen.

Schließlich bleibt noch die Frage zu klären, was der Name „Kniepsand“ eigentlich bedeutet. Hierzu gibt es mehrere Theorien. Zum einen ist es denkbar, dass der Kniep in früheren Zeiten, als der Sand noch nicht komplett an der Insel angelagert war, einen zangenförmigen Winkel bildete, der lange Zeit auch als Naturhafen genutzt wurde und in dieser Form an eine Kneifzange (mundartlich „Kniepe“, Oomrang: „kniap“) erinnerte. Wahrscheinlich wird damit aber zum Ausdruck gebracht, dass der feine, aufgewirbelte Sand bei kräftigerem Wind die Badegäste an den entblößten Beinen und auch sonst wo „kneift“. Letztendlich ist es jedoch egal, woher der Name kommt – es ist halt einfach DER KNIEPSAND.

Über Peter Totzauer

Dr. med. Peter Totzauer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Anästhesie, Notfallmedizin, Spezielle Schmerztherapie, geb. 1954 in Fürth/Bay., hat, bedingt durch den Beruf des Vaters, als Kind u.a. 4 ½ Jahre in Frankreich gelebt. Abitur 1974 in Köln, Studium der Humanmedizin an der Universität Bonn. War seit 1982 ärztlich tätig, davon viele Jahre als Oberarzt in der Anästhesie und als Leitender Notarzt in Euskirchen. War 2007 für ein halbes Jahr im Rahmen einer „Auszeit“ vom Klinikalltag bei seiner Lebensgefährtin und mittlerweile Ehefrau Claudia auf Amrum. Dies hat ihm so gut gefallen, dass er seit Ende 2008 seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ganz auf die Insel verlegt hat und hier seit 2010 mit in der „Praxis an der Mühle“ gearbeitet hat. In 2024 ist er endgültig in den ärztlichen Ruhestand getreten. Er hat zwei erwachsene Kinder, sein Sohn ist niedergelassener Physiotherapeut in Neuss, seine Tochter ist Lehrerin an der Öömrang Skuul.

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