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Der Tag danach – oder auch “Licht im Amrumer Wald”…

Das Orkantief „Christian“, das am Montag in nur wenigen Stunden immense Schäden verursachte, wird sicher genauso in die Geschichte Norddeutschlands eingehen, wie „Anatol“ 1999.

Das Bild des Waldes hat sich drastisch verändert...

Das Bild des Waldes hat sich drastisch verändert.

Dieser hatte sich vor 14 Jahren bereits als Jahrhundertsturm ins Gedächtnis der Insulaner eingeprägt. „Dieser Sturm hatte ein viel kürzeres Auftreten als Anatol und doch haben diese gewaltigen Böen offensichtlich viel mehr Schäden angerichtet“, bringt es ein Feuerwehrmann bei den Sicherungsmaßnahmen am Dienstag auf den Punkt.

Die Sturmbilanz ist schon gruselig, zumal manche Abschnitte des Amrumer Waldes nicht wieder zu erkennen sind. „Ich habe Freunde die wohnten mal im Wald“, merkte ein Wittdüner an, als er auf die nahezu im Meter Abstand am Boden liegenden Kiefern und Fichten im Tanenwai schaute. Auf weiter Flur ragt nur ein abgebrochener Stamm in die Höhe, wo am Montagmorgen noch der beliebte Rad- und Wanderweg durch einen Wald führte. „Der Vergleich mit einem Bombenangriff scheint gerade nicht soweit hergeholt zu sein“, zeigte sich ein besorgter Anwohner erschrocken von dem Anblick.

Mit rund achtzig Einsatzkräften unzähligen Motorsägen, Radladern, Traktoren und Baggern kämpften sich die Amrumer Feuerwehren zu Sicherungsmaßnahmen durch die Hauptwege des Amrumer Wald. „Wir sind wirklich erschrocken, wie viele Schaulustige und Unbedarfte durch die Wälder schleichen und unter abgebrochenen Baumstämmen umherklettern und sich darunter für ein Foto positionieren “, zeigten sich der stellvertretende Amtswehrführer Klaus-Peter Ottens und Gemeindewehrführer Jens Lucke besorgt. Sie koordinierten gestern erneut die Einsätze und versorgten die Einsatzkräfte gleichzeitig mit Kaffee und Kuchen. „Die Arbeit ist enorm kräftezehrend und durch die unter enormer Spannung stehenden Bäume auch sehr gefährlich“, betonte Wittdüns Wehrführer Dietmar Hansen während er die von seinen Kameraden zerlegten Bäume mit dem Bagger zur Seite räumte. Die intensiven Schauer während der Arbeiten durchnässten die Helfer trotz der schützenden Einsatzkleidung außerdem.

Nebels Bürgermeister Bernd Dell-Missier verschaffte sich einen Überblick vor Ort und wurde nicht müde, seinen Dank den freiwilligen Einsatzkräften auszusprechen. Ein ebenso großer Dank geht dabei an die unzähligen Arbeitgeber auf Amrum, die ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für die Bewältigung dieser Katastrophe freistellten. „Ich kann noch überhaupt nicht abschätzen, wie hoch der Schaden sein wird“, so Dell-Missier. „Eins ist jetzt schon klar, die Aufräumarbeiten werden noch Wochen und Monate dauern. Und es ist kaum ein privates Grundstück, wo nicht auch Bäume umgestürzt sind oder andere Schäden verursacht wurden“, so der Bürgermeister.

Es herrscht derzeit ein Betretungsverbot in ganz Nordfriesland für die Wälder. „Die bekannten Sammelplätze für das Biikebrennen im Februar haben wir aufgrund der besonderen Lage bereits heute geöffnet“, verkündete Dell-Missier bereits am Morgen.

Auf der ganzen Insel beherrschen der Sturm und seine Auswirkung die Gespräche. Das Erzählen von Erlebnissen ist dabei oft ein bewährtes Mittel, um das Erlebte und die erfahrenen Ängste abzuarbeiten. „Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben so viele Bäume brechen und mit Getöse niederstürzend hören wie am Montag“, erzählte ein Süddorferin zum Beispiel. Eine Andere war immer noch fassungslos, wie viel Leichtsinn Eltern an den Tag legen konnten und mit ihren Kleinkindern fröhlich durch die Straßen marschieren, während die Bäume überall umstürzten.

Am Montag gab es zum Beispiel einen Insulaner, der einen jungen Feuerwehrkameraden beschimpfte, weil dieser ihn nicht mit seinem Auto die gesperrte Straße in Norddorf passieren lassen wollte. „Für mich eine Farce, wo doch offensichtlich war, dass dies eine Spazierfahrt werden sollte“, berichtete der hinzugerufene Gruppenführer. „Gern geholfen haben wir dagegen einer Gästefamilie, die in Norddorf gestrandet war und für ihr Kind dringend die Medikamente benötigte, die in Nebel in der Ferienwohnung lagen“, freute sich der Feuerwehrmann.

Derweil herrscht bei den Versicherungen Hochbetrieb. Etliche Dächer und Fassaden sind hin und bei den Handwerksbetrieben laufen die Telefone heiß. Nicht selten sind große Dachflächen einfach weggerissen und die Unbilden des Wetters haben freien Zugang zu den unterm Dach liegenden Wohnungen.

Thomas Oelers

Fotos, Thomas Oelers, Kinka Tadsen, Thomas Chrobock

Grafik: Windfinder

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Über Peter Lückel

Peter Lückel wurde 1961 in Duisburg geboren und ist in Mülheim an der Ruhr und Essen-Kettwig aufgewachsen. Seine Affinität zum Wasser hat ihn schon immer an das Meer gezogen. 1983 konnte er dem Sog nicht mehr widerstehen und ist sozusagen nach Amrum ausgewandert. Heute arbeitet er als freier Grafiker auf der Insel, ist verheiratet und hat 2 Kinder. Im Jahr 2000 hat er Amrum-News mit gegründet und ist dort Chefredakteur.

5 Kommentare

  1. Hallo,
    leider wurde in dem von Ihnen gezeigten Waldabschnitt zwischen Leuchtturm und Südorfer Strandweg schon vor 2 Jahren “Licht gemacht “. Insofern hat der Sturm nur das vollendet , was von Menschenhand begonnen wurde. Damals hat man massiv Bäume gefällt, wohl um einen Mischwald zu etablieren .Offenbar mit zweifelhaften Erfolg. Die damals verbliebenen Solittäre hatten gegen den Sturm keine Chance und knickten wie die Streichhölzer .
    Ich kann nur hoffen,das dieser Unfug nicht auf den restlichen Amrumer Wald ausgedehnt wird.Meine Enkel sollen doch auch noch einen Wald erleben dürfen ,der diesen Namen auch verdient.
    Ich kann nur hoffen, dass bei den Verantwortlichen noch ein Umdenken erfolgt.
    Mit freundlichen Grüßen
    Lutz Semrau

  2. Sybille Hasenclever

    Großen Dank an die Nebeler Feuerwehr, die schon zur Hilfe kam, als sich ringsum noch die Bäume bogen. Und Dank an diejenigen, die uns nach dem Sturm bei echtem Schietwetter mit Motorsäge und Kraft von umgestürzten Bäumen befreiten, Dachpfannen austauschten und gute Laune mitbrachten. Ich komme eigentlich vom Festland und bin nicht zum ersten Mal beeindruckt von der Amrumer Hilfsbereitschaft.

  3. Am Leuchtturm und an vielen anderen Stellen im Inselwald musste zwangsläufig „Licht gemacht“ werden, weil dort vom Borkenkäfer befallene und zum Teil bereits abgestorbene nordamerikanische Sitka-Fichten dominierten, wie hier http://www.amrum-news.de/2011/04/05/stetige-forstarbeit-im-amrumer-wald%E2%80%A6to/ und hier zu lesen war.
    Soweit sich auf den Bildern erkennen lässt, sind nicht nur die einzeln stehenden Bäume vom Sturm betroffen gewesen, sondern ganze Waldpartien flächig umgefallen, wie schon 1999 bei „Anatol“. Generell bieten die Kiefern mit ihren stark benadelten Kronen dem Sturm eine größere Angriffsfläche als standortheimische Laubbäume.
    Unsere Enkel werden auf Amrum hoffentlich einen wunderschönen Mischwald vorfinden, wenn sich die bepflanzten Flächen weiterhin so gut entwickeln.

  4. Die “bepflanzten Flächen” sind in dem von Herrn Semrau angesprochenen Gebiet Geschichte. Da steht nichts zählbares mehr und der Rest wird bei der Räumung im Wege sein.

    Auch dürfte nach erfolgter Räumung der Stämme das verbliebene Astwerk gegrubbert werden müssen. Zusammen mit den Plastikmänteln der Setzlinge.

    Und ich verkenne nicht die Macht des Borkenkäfers. Aber einen Wald in den Zustand zu versetzen, wie man ihn noch bei den Karten der Suchmaschine Bing.com vorfinden kann, hätte auch den fleißigsten Borkenkäfer maßlos überfordert.

    Nunmehr komplett waldfreie Grüße
    Vasco von Aster

  5. JensUwe Schroeder

    Ist der Seiteneinstieg auf dem Wittdüner Fähranleger eigentlich auch umgeweht?

    Nein?

    Immer trifft es die Falschen…

Amrumer Fotowettbewerb 2015
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